Am Anfang war das Paradies. Als Yüghaper Dirazuian es betrat, schrieb man das Jahr 1901. Ihr Geburtsort am Rande des türkischen Taurusgebirges hieß Zeytun, was auf Armenisch Olive bedeutet. In Zeytun wurde viel gesungen, alle Armenier kannten die alten Heldenlieder über die Verteidigung der Bergfestung. Yüghaper, die zur höheren Schule ging, hatte vier Brüder und vier Schwestern. In drei Gärten konnten die Kinder herumtollen. In der Traubenzeit naschten sie im Weingarten. Der Vater war Kaufmann. Heute trägt Zeytun den türkischen Namen Suleymanli, und die Armenier, die gibt es dort schon seit neunzig Jahren nicht mehr. Vor der Vertreibung aber prägten ihre großen, auch wohlhabenden Familien den Ort. Türkische Bauern gehörten zu ihren Kunden.

Ostern 1915 kamen andere Türken. Gendarmen. Sie trieben die Familie und alle armenischen Nachbarn aus den Häusern, durch den Ort, die staubigen, schattenlosen Landstraßen und baumlosen Gebirgstäler entlang, ohne Verpflegung und Unterkunft durch die sengenden Tage und die klammen Nächte. Als die Karawane an den Fluss Kabur kam, befahlen die Menschentreiber den Männern im Zug, das Wasser zu durchqueren. Die Strömung riss sie fort. Dass sie nicht schwimmen konnten, wussten die Gendarmen. Frauen und Kinder scheuchten sie weiter – zur »Umsiedlung«, wie die türkische Sprachregelung noch heute lautet. Yüghaper, die alle Verwandten auf dem Marsch verlor, gab als letzte Augenzeugin am 14. Mai 1989 in Paris zu Protokoll, wohin ihre »Umsiedlung« führte:

»Man brachte uns nach Scheddede, an eine Höhle. Ihre Öffnung war so groß wie ein Tisch, aber unten hatte sie das Ausmaß von zwei oder drei Zimmern. Man ergriff die Frauen wie Säcke, zündete ihre Rocksäume an und warf sie hinunter. Alles schrie. Als ich dran war, bin ich schnell selbst gesprungen. Ich blutete, kroch zitternd in einen Winkel, verlor das Bewusstsein… Am nächsten Tag kamen Männer in die Höhle, es waren keine Türken mehr, sondern Araber. Sie suchten nach Goldmünzen. Ich bekam mit, wie man einer Frau, die zugab, ihr Geld verschluckt zu haben, den Bauch aufschlitzte. Mich zerrten sie von einer Ecke zur anderen und brüllten: »Ausziehen, ausziehen!« Als ich immer wieder beteuerte, dass ich nichts hätte, nicht einmal zu essen und zu trinken, bekam einer von ihnen Mitleid. Sein Cousin, der ihn mit einem Seil hinuntergelassen hatte, zog mich herauf. Draußen lagen Frauen und Kinder mit aufgeschlitzten Bäuchen. Die beiden jungen Araber taten so, als ob ich zu ihnen gehörte, damit die in der Nähe stehenden türkischen Gendarmen nichts merkten. Als sie mich zu sich nach Hause brachten, hat mich die Mutter des einen weinend umarmt und geküsst… Ich war die einzige Überlebende aus der Höhle.«

»Meine Mutter sah wie ein Skelett aus, nur Haut und Knochen«

Aram Gureghian aus Sepastia (Samsun) war zehn Jahre alt, als seine Familie deportiert wurde. Zu den Stationen des Todesmarsches, über den er am 17. September 1989 einen Tag lang in seiner Pariser Wohnung Auskunft gab, gehörte auch diese: »Bisher hatten immer vier, fünf türkische Gendarmen unsere Gruppe begleitet, die von Stadt zu Stadt wechselten. An diesem Tag aber waren sie verschwunden. Stattdessen trieben uns Kurden weiter, bis an ein Feld, auf dem wir nächtigen sollten. Als der Morgen dämmerte, gab es einen furchtbaren Lärm. Wir sahen, dass all jene, die am Rande der Karawane gelegen hatten, weggetrieben wurden, vor allem junge Mädchen. Die Bande tat alles, um Goldmünzen aufzutreiben. Sie köpften, sie schlitzten sogar Bäuche auf. Wer am Leben blieb, wurde völlig nackt gelassen…

Sie nahmen auch meine Schwestern mit, Isguhui, 14, Saruhi, 15, meinen Bruder, meine Mutter, mich. Wir wurden alle völlig entblößt, jeder, jeder nackt. Meine kleine Schwester, die Sirvart, ist in dem Getrampel erdrückt worden. Als wir den Euphrat überquerten, haben wir sie im Sand begraben. Der einzige Mensch aus unserer Familie, den wir unterwegs beisetzen konnten…

So sind wir tagelang völlig nackt gegangen. Es gab niemanden mehr, der befahl, der uns den Weg zeigte. Dann kamen wir an einen Ort, wo es einen Brunnen gab, aus dem ein Mann Wasser schöpfte. Meine Mutter sagte: ›Wir möchten trinken.‹ Der Mann schüttelte den Kopf: ›Das Wasser ist für die Tiere.‹ Meine Muter bat und flehte weiter. Sie sah wie ein Skelett aus, überhaupt kein Fleisch mehr am nackten Körper, nur Haut und Knochen. Wir sahen alle wie Skelette aus. Da zeigte der Mann auf mich: ›Wenn du mir diesen Jungen gibst, lasse ich euch ans Wasser.‹ Sofort willigte meine Mutter ein. Sie hat mich hergegeben, damit alle trinken konnten.«

Die Aussagen von Yüghaper und Aram sind bis heute nicht veröffentlicht worden. Das Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Bochumer Ruhr-Universität bewahrt sie zusammen mit 138 anderen Lebensberichten auf. Mihran Dabag, Direktor des Instituts und selbst ein Kind von Überlebenden, hat die Interviews mit den letzten Augenzeugen der Massaker zwischen 1988 und 1996 geführt. Für sie und die heute lebenden, in alle Welt verstreuten Armenier begann der geplante Völkermord am 24. April 1915 – vor 90 Jahren.