Völkermord»Wer am Leben blieb, wurde nackt gelassen«

Bis heute leugnet die Türkei den Genozid an den Armeniern, bei dem vor 90 Jahren mehr als eine Million Menschen getötet wurden. Auch Deutschland spricht lieber nicht von Völkermord von 

Am Anfang war das Paradies. Als Yüghaper Dirazuian es betrat, schrieb man das Jahr 1901. Ihr Geburtsort am Rande des türkischen Taurusgebirges hieß Zeytun, was auf Armenisch Olive bedeutet. In Zeytun wurde viel gesungen, alle Armenier kannten die alten Heldenlieder über die Verteidigung der Bergfestung. Yüghaper, die zur höheren Schule ging, hatte vier Brüder und vier Schwestern. In drei Gärten konnten die Kinder herumtollen. In der Traubenzeit naschten sie im Weingarten. Der Vater war Kaufmann. Heute trägt Zeytun den türkischen Namen Suleymanli, und die Armenier, die gibt es dort schon seit neunzig Jahren nicht mehr. Vor der Vertreibung aber prägten ihre großen, auch wohlhabenden Familien den Ort. Türkische Bauern gehörten zu ihren Kunden.

Ostern 1915 kamen andere Türken. Gendarmen. Sie trieben die Familie und alle armenischen Nachbarn aus den Häusern, durch den Ort, die staubigen, schattenlosen Landstraßen und baumlosen Gebirgstäler entlang, ohne Verpflegung und Unterkunft durch die sengenden Tage und die klammen Nächte. Als die Karawane an den Fluss Kabur kam, befahlen die Menschentreiber den Männern im Zug, das Wasser zu durchqueren. Die Strömung riss sie fort. Dass sie nicht schwimmen konnten, wussten die Gendarmen. Frauen und Kinder scheuchten sie weiter – zur »Umsiedlung«, wie die türkische Sprachregelung noch heute lautet. Yüghaper, die alle Verwandten auf dem Marsch verlor, gab als letzte Augenzeugin am 14. Mai 1989 in Paris zu Protokoll, wohin ihre »Umsiedlung« führte:

»Man brachte uns nach Scheddede, an eine Höhle. Ihre Öffnung war so groß wie ein Tisch, aber unten hatte sie das Ausmaß von zwei oder drei Zimmern. Man ergriff die Frauen wie Säcke, zündete ihre Rocksäume an und warf sie hinunter. Alles schrie. Als ich dran war, bin ich schnell selbst gesprungen. Ich blutete, kroch zitternd in einen Winkel, verlor das Bewusstsein… Am nächsten Tag kamen Männer in die Höhle, es waren keine Türken mehr, sondern Araber. Sie suchten nach Goldmünzen. Ich bekam mit, wie man einer Frau, die zugab, ihr Geld verschluckt zu haben, den Bauch aufschlitzte. Mich zerrten sie von einer Ecke zur anderen und brüllten: »Ausziehen, ausziehen!« Als ich immer wieder beteuerte, dass ich nichts hätte, nicht einmal zu essen und zu trinken, bekam einer von ihnen Mitleid. Sein Cousin, der ihn mit einem Seil hinuntergelassen hatte, zog mich herauf. Draußen lagen Frauen und Kinder mit aufgeschlitzten Bäuchen. Die beiden jungen Araber taten so, als ob ich zu ihnen gehörte, damit die in der Nähe stehenden türkischen Gendarmen nichts merkten. Als sie mich zu sich nach Hause brachten, hat mich die Mutter des einen weinend umarmt und geküsst… Ich war die einzige Überlebende aus der Höhle.«

»Meine Mutter sah wie ein Skelett aus, nur Haut und Knochen«

Aram Gureghian aus Sepastia (Samsun) war zehn Jahre alt, als seine Familie deportiert wurde. Zu den Stationen des Todesmarsches, über den er am 17. September 1989 einen Tag lang in seiner Pariser Wohnung Auskunft gab, gehörte auch diese: »Bisher hatten immer vier, fünf türkische Gendarmen unsere Gruppe begleitet, die von Stadt zu Stadt wechselten. An diesem Tag aber waren sie verschwunden. Stattdessen trieben uns Kurden weiter, bis an ein Feld, auf dem wir nächtigen sollten. Als der Morgen dämmerte, gab es einen furchtbaren Lärm. Wir sahen, dass all jene, die am Rande der Karawane gelegen hatten, weggetrieben wurden, vor allem junge Mädchen. Die Bande tat alles, um Goldmünzen aufzutreiben. Sie köpften, sie schlitzten sogar Bäuche auf. Wer am Leben blieb, wurde völlig nackt gelassen…

Sie nahmen auch meine Schwestern mit, Isguhui, 14, Saruhi, 15, meinen Bruder, meine Mutter, mich. Wir wurden alle völlig entblößt, jeder, jeder nackt. Meine kleine Schwester, die Sirvart, ist in dem Getrampel erdrückt worden. Als wir den Euphrat überquerten, haben wir sie im Sand begraben. Der einzige Mensch aus unserer Familie, den wir unterwegs beisetzen konnten…

So sind wir tagelang völlig nackt gegangen. Es gab niemanden mehr, der befahl, der uns den Weg zeigte. Dann kamen wir an einen Ort, wo es einen Brunnen gab, aus dem ein Mann Wasser schöpfte. Meine Mutter sagte: ›Wir möchten trinken.‹ Der Mann schüttelte den Kopf: ›Das Wasser ist für die Tiere.‹ Meine Muter bat und flehte weiter. Sie sah wie ein Skelett aus, überhaupt kein Fleisch mehr am nackten Körper, nur Haut und Knochen. Wir sahen alle wie Skelette aus. Da zeigte der Mann auf mich: ›Wenn du mir diesen Jungen gibst, lasse ich euch ans Wasser.‹ Sofort willigte meine Mutter ein. Sie hat mich hergegeben, damit alle trinken konnten.«

Die Aussagen von Yüghaper und Aram sind bis heute nicht veröffentlicht worden. Das Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Bochumer Ruhr-Universität bewahrt sie zusammen mit 138 anderen Lebensberichten auf. Mihran Dabag, Direktor des Instituts und selbst ein Kind von Überlebenden, hat die Interviews mit den letzten Augenzeugen der Massaker zwischen 1988 und 1996 geführt. Für sie und die heute lebenden, in alle Welt verstreuten Armenier begann der geplante Völkermord am 24. April 1915 – vor 90 Jahren.

Die Deportationen und die gezielte Vernichtung von mindestens einer Million Menschen im schützenden Schatten des Ersten Weltkriegs standen am Anfang aller staatlich gelenkten Vertreibungen, ethnischen Säuberungen und Völkermorde des 20. Jahrhunderts. Die Armenier haben für das Verhängnis, das über sie hereinbrach, ein eigenes Wort: Aghet, die Tat des Fremden, die ins Innere dringt und es zerstört. Ausländer, die sich schon am Ende des 19. Jahrhunderts über Massaker an den Armeniern entsetzt hatten, verwandten dafür zum ersten Mal den Begriff Holocaust. So schrieb die amerikanische Missionarin Corinna Shattuck, die 1895 in der Stadt Urfa erlebte, wie verfolgte Armenier in einer Kirche verbrannt wurden, im Brief an ihre Schwester »von dem unbeschreiblich krank machenden Geruch des großen Holocaust in der gregorianischen Kirche«. Und schon 1933 nannte der jüdische Dichter Franz Werfel in seinem Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh die armenischen Todeskarawanen prophetisch »wandernde Konzentrationslager«.

Die Türkei aber, genauer: ihre Herrschaftselite und die Beamten aller Ränge, streitet bis heute die Fakten wie den Völkermord kategorisch ab. Warum? »Weil der Genozid mit der Modernisierung des Landes zusammenfiel«, sagt Mihran Dabag. »Er geschah gerade auf der Schwelle der Geschichte: während der Transformation des multi-ethnischen Osmanischen Reiches in einen Nationalstaat mit pantürkischer Ideologie.« Der türkische Historiker Taner Akçam, früher am Hamburger Institut für Sozialforschung tätig und heute an der Universität von Minnesota, erklärt das Vertuschen mit der Staatsräson: »Zuzugeben, dass die Gründer der modernen Türkei, die heute als Helden gelten, Komplizen des Bösen waren, könnte die Legitimation des Staates infrage stellen.«

Deshalb argumentiert dieser Staat seit Jahrzehnten, die Umsiedlung sei eine legitime Notwehr im Krieg gegen die Russen und die Ententemächte England und Frankreich gewesen. Die Armenier, heißt es in Bezug auf eine kleine Minderheit von Separatisten, hätten die Verschickung sich selbst und ihrer Sympathie für Russland zuzuschreiben. Diese Begründung hat Ankara jüngst durch die zunächst einmal auf Zeitgewinn gerichtete Empfehlung ergänzt, Kommissionen mit Vertretern aller Seiten und »neutralen« Historikern müssten die geschichtlichen Tatbestände seriös überprüfen. Mehmet Ali Irtemçelik, der türkische Botschafter in Berlin, gegenüber der ZEIT: »Es ist unfair, bei einem Thema, das die Historiker entzweit, die Türkei zu zwingen, ein unbewiesenes Verbrechen zu akzeptieren. Wenn die Armenier erwarten, dass die Türkei wegen des EU-Beitritts nachgibt – das werden wir nicht tun.«

Türkische Lehrer müssen die Ausrottung von Armeniern in Abrede stellen

Wann immer ein Staat oder eine Gruppe die Massaker als Völkermord bewertet, reagiert das Nato-Land bisher noch immer, als sei ihm »der Krieg erklärt worden«, so der Historiker Wolfgang Benz. 24 Staaten, darunter Frankreich, Italien, Belgien, die Niederlande, haben den Genozid inzwischen verurteilt und prompt harsche Reaktionen zu spüren bekommen. Deutschland nicht. Mit den USA und Israel gehört die Bundesrepublik zu denen, für die es offiziell keinen Völkermord gab und keine »Armenier-Lüge« gibt. Die SPD fürchtet um ihre türkischen Wähler, die Republik um den inneren Frieden mit den türkischen Bürgern.

Auffällig geworden war der türkischen Botschaft jüngst nur Brandenburg. Als einziges Bundesland hatte es sich herausgenommen, die Massaker im Rahmenlehrplan für deutsche Geschichte überhaupt anzusprechen. Es war nur der winzige Klammersatz zum Thema »Entgrenzung von Kriegen; Ausrottung/Völkermord (z. B. Genozid an der armenischen Bevölkerung Kleinasiens)«, der gegen das Reinhaltegebot der türkischen Staatswahrheit verstieß. Generalkonsul Aydin Durusoy reiste nach Potsdam, »nur um die türkische Sicht auf die Vorgänge zu lenken«, sagt Botschafter Irtemçelik. Die ist zumindest für den Geschichtsunterricht so, dass der türkische Erziehungsminister seine Schuldirektoren am 14. April 2003 angewiesen hat, alle türkischen Grund- und Sekundärschüler zu verpflichten, die Ausrottung von Armeniern in Abrede zu stellen.

Der Generalkonsul erreichte, dass die politische Führung des Landes Brandenburg mit seinen 295 türkischen Schülern in einem kleinlauten Akt der Selbstzensur den inkriminierten Klammertext zurückzog. Als daraufhin die armenische Botschafterin Karine Karzinian betroffen in Potsdam vorsprach, sagte Ministerpräsident Matthias Platzek (SPD) zu, dass der Genozid an den Armeniern doch in den Schulbüchern verbleiben könne – in Zukunft flankiert von den Völkermorden in Kambodscha und Ruanda. Die kleine Bastonade der Brandenburger, gemildert durch die höflichen Umgangsformen der klassisch-osmanischen Diplomatie, war indessen nur eine Intervention von vielen in allen möglichen Ländern:

In Deutschland musste im Sommer 2004 nach türkischem Einspruch die Aufführung des Dramas Beast on the Moon von den 17. Europäischen Kulturtagen in Karlsruhe abgesetzt werden. Das Stück von Richard Kalinoski erzählt, wie das Trauma des Völkermords die Überlebenden auch in der Diaspora nicht loslässt. Die Vereinigung amerikanischer Theaterkritiker hatte das Stück 1995 als bestes Drama ausgezeichnet.

In Frankreich verabschiedete die Nationalversammlung im Januar 2001 eine Deklaration, die den Völkermord offiziell anerkannte. Unmittelbar danach zog die Türkei vorübergehend den Botschafter ab, rief zum Boykott französischer Produkte auf, stornierte Wirtschaftsaufträge an französische Unternehmen in Höhe von Hunderten Millionen Dollar. Taxifahrer sollten keine französischen Touristen, VIP-Lounges keine französischen Passagiere mehr aufnehmen.

Der Schriftsteller Orhan Pamuk gilt als »Verräter« und wird bedroht

Israel bekam ebenso wie Brandenburg türkischen Druck zu spüren, als es die Massenmorde an den Armeniern in die Schulbücher aufnehmen wollte. Die Regierung ließ den Plan fallen. Zum israelischen Unabhängigkeitstag 2003 sollte eine armenische Nonne des Hadassah-Hospitals in Jerusalem ausgezeichnet werden, die sich um die Rehabilitation von Überlebenden der palästinensischen Selbstmordattentate verdient gemacht hatte. Ankara schritt ein, die israelische Regierung zensierte sich selbst. Aus der Programmbroschüre ließ sie die Zeilen entfernen, in denen es hieß, dass die Großeltern der Nonne Überlebende der Massenmorde waren.

In den USA brachte türkischer Protest im Jahre 2000 eine Resolution des Kongresses zu Fall, in der die Ereignisse von 1915 als Völkermord eingestuft werden sollten. Präsident Clinton intervenierte in letzter Minute »wegen bedeutsamer nationaler Interessen«. Die türkische Regierung hatte gedroht, die Luftwaffenbasis Inçirlik für die USA zu schließen. Anfang der neunziger Jahre gelang es der türkischen Diplomatie im Verein mit Israel und jüdischen Interessenorganisationen in Amerika, die von Anfang an geplante Einbeziehung des Völkermords an den Armeniern in das Holocaust-Museum in Washington rückgängig zu machen. Der armenische Teil der Ausstellung war bereits in allen Details fertig. Edward T. Linenthal schrieb später in seinem Buch über das Holocaust-Museum: »…amerikanische Politiker zögerten nicht, zu erklären, dass dort, wo die Integrität einer historischen Erinnerung mit der Notwendigkeit kollidiere, einen Nato-Partner zu besänftigen, die Holocaust-Erinnerung eine Bürde sei, die man abwerfen sollte.«

Das Europaparlament erklärte im Juni 1987, dass »die tragischen Ereignisse von 1915–1917 Völkermord sind im Sinne der von den Vereinten Nationen am 9.12.1948 angenommenen Konvention«. Eine Aufnahme der Türkei in die EU hänge auch vom türkischen Eingeständnis des Genozids ab. Allerdings sei die gegenwärtige türkische Regierung nicht verantwortlich zu machen. Aus der Anerkennung könnten keine politischen, rechtlichen oder materiellen Forderungen abgeleitet werden. Ankara gab sich dennoch empört und machte anschließend geltend, dass es bereits informelle Kontakte zu Armeniern auf der Ebene von Nichtregierungsorganisationen gebe. Die Europaparlamentarier waren zufrieden und strichen im Oktober 2001 den Passus, dass die Türkei für den Beitritt zur EU ihre Geschichte aufarbeiten müsse.

Vor wenigen Tagen musste Orhan Pamuk, der türkische Schriftsteller von Weltruhm, seine lange geplante Lesereise durch Deutschland absagen. Der Autor hatte im Februar gegenüber dem Züricher Tagesanzeiger die Ansicht vertreten: »Man hat hier 30.000 Kurden umgebracht. Und eine Million Armenier. Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen.« Die türkische Presse machte ihn als »Verräter« nieder; Pamuk und jene, die ihn verteidigten, erhielten Todesdrohungen. Der Schriftsteller sieht unter diesem Druck vorerst von öffentlichen Auftritten ab.

Es muss nicht einmal der Vorwurf des Völkermords sein, der den Nato-Partner reflexartig in die Vorwärtsverteidigung treibt. So beantragte jüngst die CDU/CSU-Fraktion mit der Drucksache 15 vom 22. Februar 2005, der Bundestag möge zum 90. Jahrestag der armenischen Opfer der staatlichen Gewalt gedenken und dabei auch die zweifelhafte Rolle des Deutschen Reiches bedauern. Gleichzeitig sollten die Abgeordneten dafür eintreten, dass sich die Türkei mit ihrer Rolle gegenüber dem armenischen Volk vorbehaltlos auseinander setzen werde. Obwohl die Antragsteller den Begriff Völkermord bewusst aussparten, konterte Botschafter Irtemçelik mit drohendem Unterton: »Wir möchten nicht hoffen, dass unsere Freunde in den Unionsparteien durch die plumpe Verleumdung der türkischen Geschichte beabsichtigen, insbesondere unsere hier lebenden Bürger zu beleidigen.«

Niemand will das. Wenn historische Tatsachen türkische Bürger beleidigen, so liegt das leider daran, dass der Staat seiner Bevölkerung einen Teil ihrer Geschichte vorenthält. In der Türkei wächst heute die vierte Generation seit der armenischen Tragödie heran – eine Generation ohne Kenntnis über das Geschehen. Zwar versuchen die ersten mutigen Boten einer zivilen Bürgergesellschaft dem verdunkelten kollektiven Gedächtnis ein paar Lichter aufzustecken, die Armenier-Frage ohne Scheu vor Pressionen und Paragrafen zu diskutieren. Doch steht dem die Staatsräson weiter entgegen.

Einige Mittäter der Deportationen gehörten später der Regierung an

Je näher die Türkei an Kerneuropa heranrückt, desto größer wird damit die Kluft zwischen dem Gedächtnisverlust im eigenen Land und der Erinnerungskultur der westlichen Nachbarn. Nie zuvor ist so deutlich geworden wie in diesem Jahr, dass die EU unverfälschte Geschichte braucht, um Europas Werte zu verteidigen.

Zur Herausbildung und Rettung dieser Werte hat gerade die Türkei mehr als nur einen unvergesslichen Beitrag geleistet. Als die katholischen Spanier die Juden vertrieben, ließ das Osmanische Reich 1492 die Flüchtlinge ein. Viele der von der katholischen Kirche blutig verfolgten bosnischen Bogumilen traten auch deshalb zum Islam über, weil ihnen die Türken Sicherheit für Leib und Leben gewährten, mehr Toleranz in Glaubensdingen ohnehin. (Manche ihrer Nachfahren sind vor zehn Jahren in Srebrenica Opfer des jüngsten Völkermords in Europa durch »christliche« Serben geworden). Zu Recht schrieb Voltaire: »Das große türkische Volk regiert friedlich zwanzig Nationen mit verschiedenen Religionen; von ihm können die Christen lernen, wie man Zurückhaltung im Frieden und Edelmut im Sieg übt.« Und als die Türkei neutral blieb, im Zweiten Weltkrieg, konnten dennoch viele deutsche Emigranten dort Schutz und Auskommen finden.

Wie konnte es 1915 zum Kulturbruch mit dieser Tradition kommen? Zuallererst: Es war nicht der Islam, dem die Armenier zum Opfer fielen. Viele Muslime versteckten ihre christlichen Nachbarn. Der osmanische General Mahmud Kâmil sah sich sogar zu einem Dekret gezwungen, dass jeder Muslim, der einen Armenier verberge, vor seinem Haus aufgehängt werde. Die türkische Elite wurde von Verlustängsten geplagt. Das Osmanische Reich zerfiel, die Großmächte lauerten auf die besten Brocken. Ankaras offizielle Interpreten, die das »tragische Geschehen« der Kriegslage an der Kaukasusfront anlasten, erwähnen jedoch nicht, dass höchste türkische Militärjuristen die Frage nach Schuld und Sühne schon einmal völlig anders beantwortet haben. Am 3. März 1919 setzte Sultan Mohammed IV. den ersten Strafgerichtshof der Geschichte für die Aburteilung von »Verbrechen gegen die Menschheit« ein. Auf dieses Militärtribunal in Istanbul hatten zwar die Siegermächte England und Frankreich gedrängt. Doch im Gegensatz zu den Nürnberger Prozessen entschieden türkische Richter nach osmanischem Recht.

Die Anklage wies alle Argumente zurück, dass die Kriegslage im Osten die Deportationen ausgelöst habe. Zum Beweis führten die Staatsanwälte die Verschleppungen der Armenier aus westtürkischen Städten an. Das Gericht stellte fest, dass weder militärische Zwänge noch Disziplinarmaßnahmen die Vertreibung diktiert hätten.

Auch Ankaras heutige Erklärungen, dass die Archive der damaligen Regierung keinerlei Pläne oder Befehle zur Vernichtung enthalten und dass den osmanischen Beamten sogar Anweisungen zum Schutze der Umsiedler gegeben wurden, entkräftete das Tribunal schon 1919. Es wies nach, dass der Organisator der Deportationen, Innenminister Talaat Pascha, zur Geheimhaltung der Verantwortung eine Art doppelte Buchführung betrieb. In offiziellen Instruktionen an die Provinzialbehörden bestand er auf »Maßregeln zur Beschützung und Beköstigung« der »Auswanderer« und »strengen Bestrafungen« von »Räubereien«. Die entscheidenden Befehle jedoch ließ er von Sondergesandten überbringen. In einer dieser Mitteilungen, welche die Ankläger als Beweismittel vorlegten, hieß es: »Verschicken, das heißt im Sinne von vernichten« (şevkiat, yani mahvetmek manasina).

1919 gab es das Wort Völkermord noch nicht. Doch die Präambel der Anklage drückte es mit einem Synonym aus: »Ausrottung eines ganzen Volkes, das ein eindeutiges Gemeinwesen darstellte.« Wegen Massenmord wurden in den drei Istanbuler Verfahren 17 Todesurteile verhängt und drei von ihnen vollstreckt. Die Hingerichteten gelten heute als Helden. Die in Abwesenheit zum Tode verurteilten jungtürkischen Führer mit Innenminister Talaat und Kriegsminister Enver an der Spitze waren bereits Anfang November 1918 an Bord eines deutschen Schiffes geflohen. Talaat ließ sich in Berlin nieder. Im März 1921 erschoss ihn ein Student, der seine gesamte Familie auf dem Todesmarsch verloren hatte. Enver fiel im August 1922 in Mittelasien in einem Gefecht mit bolschewistischen Truppen.

So endeten die jungtürkischen Führer, die einem konspirativen Studentenzirkel der Jahrhundertwende entstammten, der das alte Reich mit europäischen Ideen hatte erneuern wollen. Ihr Komitee für Einheit und Fortschritt suchte bei Erfolgsautoren wie Gustave le Bon und dem Sozialdarwinismus jener Jahre ihre Herrschaftslegitimation, um aus der osmanischen Gesellschaft ein homogenes türkisches Vaterland (Vatan) zu schmieden. Ihre Vision hieß Turan, der Zusammenschluss aller turksprachigen Völker Mittelasiens. Dieses Ziel führte ihre Bewegung an der Seite Deutschlands und Österreichs in den Ersten Weltkrieg.

Die »Ausrottung« (wie es das Istanbuler Tribunal formuliert hatte) der Armenier war also eine ethnische Säuberung, um einen modernen türkischen Nationalstaat zu verwirklichen. Die türkischen Juristen aber durften damals nicht lange der Wahrheitsfindung dienen. Denn die Umformung der osmanischen Gesellschaft in einen Nationalstaat begann nach dem Ersten Weltkrieg erst richtig – mit eiserner Konsequenz, aber nicht mehr mörderisch. Dafür ging Mustafa Kemal, der später als Atatürk bewunderte Schöpfer der modernen Türkei, zu Recht in die Geschichtsbücher ein. Was die heutige Generation in der Türkei allerdings nicht weiß: Am 24. April 1923, einen Tag nach Einführung des Parlaments der neuen türkischen Republik, verurteilte Kemal die Vernichtung der Armenier als Schandtat – wenngleich bereits als »Schandtat der Vergangenheit« (maziye aid fazahat) . Wenig später übernahmen einige Mittäter und Profiteure der Deportationen wichtige Funktionen in seiner Nationalbewegung und der Regierung.

Aus Verbitterung formierten sich seit 1973 armenische Terrorgruppen

So war – wie der türkische Historiker Akçam aufzeigt – Şükrü Kaya, Innenminister von 1927 bis 1938, an den Deportationen 1915 auf einem zentralen Verwaltungsposten beteiligt. Mustafa Abdulhalik, der als Gouverneur von Aleppo nach Aussagen des deutschen Konsuls Walter Rößler unerbittlich an der Vernichtung der Armenier arbeitete, fungierte nacheinander als Finanz-, Erziehungs- und Verteidigungsminister. Terfik Rüştü, dem die Vertreibungen laut Akçam zu Reichtum verhalfen, wirkte von 1925 bis 1938 als Außenminister. Diese und andere Beispiele zeigen, warum vor allem die Militärs als Wahrer des Kemalismus und Garanten der modernen Türkei eine Vergangenheitsbewältigung stets vehement abgelehnt haben.

Aber es war auch das damalige Europa, das die mörderische Vertreibung schon 1923 sanktionierte. Im Lausanner Vertrag mit dem neuen türkischen Nationalstaat wurden die Armenier mit keinem Wort mehr erwähnt. Es galt, Ankara einzubinden, um die aufkommende Sowjetmacht zu kontrollieren. Gut zwei Jahrzehnte später machte der Kalte Krieg die Türkei als Nato-Partner (seit 1952) noch unentbehrlicher.

So breitete sich über den Völkermord an den Armeniern der Mantel diplomatischen Schweigens. Aus Verbitterung darüber formierten sich seit 1973 armenische Terrorgruppen. Mit Morden an türkischen Diplomaten versuchten sie bis in die achtziger Jahre, ihre Sache durch Rache zu vertreten. Das internationale Echo war verheerend und stärkte die Position Ankaras, weshalb die Attentäter in der Diaspora wenig Unterstützung fanden.

Besonders deprimierend für die Nachfahren der Überlebenden ist, dass ausgerechnet Israel den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts nicht als Genozid gelten lässt. Zum einen unterhält Tel Aviv ein Militärbündnis mit Ankara, zum anderen soll die Schoah als einzigartig dastehen. »Selbst unter Historikern, die sich auf diese Epoche spezialisiert haben, ist der Völkermord an den Armeniern zum Randthema, sogar zum Tabu geworden«, hat die Historikerin Raya Cohen von der Universität Tel Aviv in der französischen Zeitschrift Cahiers du judaïsme geklagt.

Das war nicht immer so. Mit dem Beginn des Nationalsozialismus wurde die Vernichtung der Armenier für die Juden zum zentralen Thema. Vielen galten vor allem Die vierzig Tage des Musa Dagh als eine Offenbarung ihrer eigenen bedrohten Zukunft. Die authentische Geschichte von sechs armenischen Dörfern, deren Bewohner auf den Musa Dagh (Mosesberg) flohen und heroischen Widerstand leisteten, hatte Franz Werfel in seinem Roman auf den Exodusbericht der Thora zugeschnitten. Kein Buch wurde in den Ghettos so ergriffen gelesen wie dieses. Junge Leute vor allem beschlossen, sich wie die Romanhelden bis zuletzt mit der Waffe zu verteidigen. Erhalten geblieben ist das Protokoll von einer Versammlung der Jugendbewegung Dror-Hehalutz im Ghetto von Bialystok aus dem Februar 1943. »Es bleibt uns nur«, heißt es darin, »den Widerstand um jeden Preis zu organisieren, das Ghetto als unseren Musa Dagh zu sehen.«

Zepure Metzbakian, geborene Weledian, war so alt wie das Jahrhundert, als sie am 29. und 30. Oktober 1988 ihre Geschichte erzählte – auch die ist bislang noch unveröffentlicht. Zepures Familie lebte 1915 in Trabzon am Schwarzen Meer. Der Vater versicherte Schiffe und exportierte Haselnüsse nach Westeuropa. Französische Nonnen hatten die 15-Jährige unterrichtet, bis zum Tag der Deportation. Mit der Mutter und den Geschwistern wurde Zepure dem Tod durch Seuchen, Hunger und Verdursten entgegengetrieben: »Gab es einmal eine Stelle, an der sich im Abdruck eines Pferdehufs Wasser gesammelt hatte, schleppten wir uns hin, um die Tropfen zu trinken… Als wir über eine Brücke gingen, kam eine junge Frau mit ihrem Kind im Arm auf mich zu und fragte, ob ich das Kind nicht für sie ins Wasser werfen könnte. Ich habe das Kind genommen, aber dann konnte ich es nicht tun. Sie war verzweifelt, denn es gab nichts mehr zu essen und zu trinken… Wir kamen an den Euphrat. Kinder über Kinder trieben im Wasser wie gefüllte Säcke… Dumpf sind wir weitergegangen, wir waren wie Tiere. Dann trafen wir deutsche Soldaten. Sie saßen auf Pferden. Als sie uns erblickten, wandten sie die Köpfe ab, um nichts zu sehen. Sie waren ja Verbündete der Türkei.«

Kein anderes Land ist in das Schicksal der Armenier so verstrickt gewesen wie Deutschland. Hunderte seiner Offiziere hatten den operativen Oberbefehl über die Armee des türkischen Kriegsverbündeten. Einige Generäle mischten bei der Planung und Durchführung der Deportationen mit, alle waren Zeugen. Über das Netzwerk ihrer Konsulate war die Reichsregierung bis in die hintersten anatolischen Dörfer über alle Stationen der Todesmärsche und Massaker informiert. Die deutschen Konsuln überfluteten die Botschaft in Konstantinopel, das Auswärtige Amt und das Kanzleramt in Berlin mit verzweifelten Appellen, den Mordtaten des Verbündeten entgegenzutreten. Unter eine Vorlage des Botschafters Paul Graf Wolff-Metternich schrieb Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg: »Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht.«

Die amtlichen Akten in den Staatsarchiven der Bundesrepublik und die Augenzeugenberichte so vieler Diplomaten des damals engsten Verbündeten zählen zu den wichtigsten Quellen der Historiker. Ankara kann sie nicht einfach als »Feindpropaganda« abtun, so wie es heute noch auf der Website der türkischen Botschaft mit dem berühmten britischen Blaubuch geschieht, an dem einst der junge Arnold Toynbee mitwirkte. Zwar hatte der deutsche General Hans von Seeckt, der die Türkei nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg als letzter verbündeter Offizier verließ, einen ganzen Koffer mit Akten der jungtürkischen Regierungspartei mitgenommen. Die mit Sicherheit brisanten Unterlagen sind entweder gezielt oder während der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg vernichtet worden. Doch den Tatbestand des Völkermords nach den Kriterien der Genfer Konvention belegen genügend Dokumente.

»Der Türke handelt in Notwehr«, kommentierte damals Karl May

Mehr als jeder andere Staat hätte deshalb Deutschland, der enge Freund der Türkei seit dem 19. Jahrhundert, die Verpflichtung, den Armeniern vor der Geschichte Gerechtigkeit und Genugtuung zu verschaffen. Noch unter Bismarck war das Osmanische Reich zur ersten Adresse deutscher Weltpolitik geworden. Der Bau der Bagdadbahn hatte ein imperiales Gewicht, mit dem verglichen die globale Anpreisung der Magnetschwebebahn heute wie eine Luftnummer wirkt.

Die blutige Verfolgung der christlichen Armenier Ende des 19. Jahrhunderts führte schon damals zu großen Disputen zwischen engagierten Humanisten wie dem Theologen Johannes Lepsius und den Promotoren der Weltmachtrolle. So bekundete Friedrich Naumann, der liberale Imperialist, wichtiger als die armenische Frage sei das deutsche Volkstum, »an dem noch einmal die Welt genesen soll«. Die Aufgabe Deutschlands lasse deshalb »die sentimentale Behandlung des Schicksals eines fremden Volkes in einem fremden Staat nicht zu«.

Infam opferte Karl May die Armenier den kaiserlichen Interessen. Der Schriftsteller, der sich einer Breitenwirkung erfreute fast wie Bild heute, schrieb in einer seiner Erzählungen: »Wo irgendeine Heimtücke, eine Verräterei geplant wird, da ist sicher die Habichtnase eines Armeniers im Spiel.« An anderer Stelle unterstützte er indirekt die Massaker: »Ein geordnetes Mittel, um sich gegen die Armenier zu schützen, gibt es nicht. Der Türke handelt in Notwehr!«

1882 hatte der deutsche Major Colmar Freiherr von der Goltz begonnen, Armee und Offizierkorps der Türkei zu modernisieren. 1913 rückte eine deutsche Militärmission in Istanbul ein. Ihr Umfang erweiterte sich von zunächst 70 auf fast 800 Offiziere und 12.000 Soldaten während des Krieges. Die Militärberater konnten, so erinnerte sich später der General Ismet Pascha, »Tag für Tag alles verfolgen, was im Lande ablief«. Von der Goltz, 1914 bis 1916 Oberbefehlshaber der I. und VI. osmanischen Armee, wurde von Kriegsminister Enver – seinem früheren Schüler – zum persönlichen Berater ernannt. Er erhielt sein Büro direkt im Kriegsministerium.

Zentrum aller politischen und militärischen Geheimunternehmen war die Abteilung II des Kriegsministeriums. Sie organisierte den Einsatz der paramilitärischen Einheiten, die im August 1914 aus extra dafür entlassenen Häftlingen und kurdischen Stämmen aufgestellt wurden. Diese Banden (Çete) überfielen bereits seit September 1914 armenische Dörfer und beraubten, quälten und ermordeten viele der Frauen und Kinder auf den Todesmärschen. An der Spitze der AbteilungII stand der deutsche Oberstleutnant Sievert.

Der Artillerieoffizier Eberhard Wolffskehl von Reichenberg legte das Armenier-Viertel der Stadt Urfa in Schutt und Asche, nachdem die türkischen Einheiten den verzweifelten Widerstand nicht hatten brechen können. Der Eisenbahnchef des osmanischen Generalhauptquartiers, Oberstleutnant Boettrich, zeichnete einen türkischen Deportationsbefehl gegen, der für Tausende armenischer Zwangsarbeiter der Bagdadbahn den sicheren Tod bedeutete.

Der unerbittlichste Feind der Armenier unter den deutschen Militärs war Generalleutnant Fritz Bronsart von Schellendorf, Generalstabschef des osmanischen Feldheeres. Er kümmerte sich selbst um Details, damit die Todesmärsche ohne Störungen abliefen. Ein Dokument vom 25. Juli 1915 zeigt, dass er gemeinsam mit Kriegsminister Enver Deportationen autorisierte. Über Hilfsaktionen deutscher Konsuln führte er Klage. So war sein Offizierskollege Max von Scheubner-Richter, Vizekonsul in Erzurum, einem der moribunden armenischen Trecks begegnet. »Die Frauen warfen sich und ihre Kinder vor mein Pferd und baten um Hilfe«, teilte der Vizekonsul mit. Er habe darauf Brot verteilen lassen. An den Rand des Berichts schrieb Bronsart: »Das Brot sollte der Konsul lieber der türkischen Armee schicken.« Nach dem Krieg sagte er den Mordopfern schon im Stil der künftigen NS-Rassisten nach: »Der Armenier ist wie der Jude, außerhalb seiner Heimat ein Parasit, der die Gesundheit eines anderen Landes, in dem er sich aufhält, aufsaugt.«

Es gab aber auch Offiziere und vor allem Diplomaten, die ihre Karriere und sogar ihre Sicherheit aufs Spiel setzten, um der Reichsregierung die Augen zu öffnen und ins Gewissen zu reden. So protestierte Generalmajor Otto von Lossow prophetisch gegen »eine neue Form des Massenmordes, d. h. die ganze armenische Nation durch völlige Abschließung verhungern zu lassen«. Botschafter Paul Graf Wolff-Metternich appellierte seit seinem Amtsantritt Ende 1915 ständig an Kanzler- und Auswärtiges Amt. Am 30. Juni 1916 schrieb er: »Niemand hat hier mehr die Macht, die vielköpfige Hydra… den Chauvinismus und Fanatismus zu bändigen. Das Komitee verlangt die Vertilgung der letzten Reste der Armenier.« Nach nur zehn Monaten wurde er auf Verlangen der türkischen Regierung abberufen.

Die deutschen Diplomaten waren patriotisch genug, um ihrem Bündnispartner gewiss nicht schaden zu wollen. Dennoch geht aus keinem der Berichte hervor, dass armenische Aufstände drohten. Der altgediente Konsul in Aleppo, Walter Rößler, klagte über die türkische Regierung: »Hektakomben Unschuldiger hat sie den wenigen Schuldigen geopfert.« Weitsichtig urteilte Vizekonsul Kuckhoff aus Samsun: »Die Art der Ausführung des Verbannungsbefehls droht Formen anzunehmen, die nur in der Judenverfolgung Spaniens und Portugals ein Gleichnis finden.«

Deutsche Historiker interessiert die Mitschuld Deutschlands nur wenig

Die Appelle der Konsuln beeindruckten Regierung und Elite in Berlin wenig. Es war Krieg, und keiner sah hin. Die Publizisten, die Enver fleißig als »türkischen Moltke« und Talaat gar als »türkischen Bismarck« feierten, wurden im Oktober 1915 von der kaiserlichen Pressezensur angehalten: »Unsere freundschaftlichen Beziehungen zur Türkei dürfen durch diese innertürkische Verwaltungsangelegenheit nicht nur nicht gefährdet, sondern…nicht einmal geprüft werden. Deshalb ist es einstweilen Pflicht, zu schweigen. Später wenn direkte Angriffe wegen deutscher Mitschuld erfolgen sollten, muss man vorgeben, dass die Türken schwer von den Armeniern gereizt wurden.«

Wie steht es wirklich um die Mitschuld Deutschlands? Während der Tatbestand des Genozids auch aus anderen Archiven umfangreich belegt ist, lässt sich ein abschließendes Urteil über die deutsche Rolle dabei noch immer nicht fällen. Es fehlen bis heute einschlägige Dokumente über eine echte Komplizenschaft beim Massenmord. Zwar hat der armenisch-amerikanische Historiker Vahakn N. Dadrian eindrucksvolle, auch neue Materialien veröffentlicht. Und in seinem Buch German Responsibility in the Armenian Genocide zeichnet er ein Bild der Deutschen als potenzielle Anstifter des Völkermords aus ideologischen, imperialistischen und geostrategischen Motiven. Doch diese auch von einigen anderen Historikern verfolgte Spur lässt sowohl den gesamteuropäischen Kontext jener Zeit als auch die äußerst komplizierten Beziehungen zwischen Türken, Armeniern und Kurden zu kurz kommen.

Am meisten verblüfft, wie wenige deutsche Historiker sich dieses Themas angenommen haben – obwohl die Bundesarchive dazu einladen und die Mitverantwortung Berlins ein Feld für Untersuchungen geblieben ist. Zwar erscheint in Kürze, herausgegeben von Wolfgang Gust, ein Band mit rund 700 Seiten Dokumenten aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amts. Doch gibt es in Deutschland keine große wissenschaftliche Untersuchung über diese Massaker, die sich nicht nur aus Sekundärliteratur speist. Es fehlt eine vernünftige Quellen-Edition. Wo es keine maßgebliche Forschung gibt, werden Forschungsanträge entsprechend unqualifiziert abgelehnt. So beißt sich die Katze in den Schwanz: Petitionsausschuss und Bundesregierung tun Anträge auf oder kleine Anfragen nach Anerkennung des Genozids damit ab, dass das »eine historische Frage« und somit »Gegenstand der Geschichtswissenschaft« sei.

So hat auch die deutsche Passivität dazu beigetragen, dass die Türkei die Opfer bis heute in die Ecke drängen kann: Die Nachfahren der Überlebenden müssen nicht nur die Last der Leidensgeschichte, sondern auch die Last der Leugnungen tragen. Sie sollen noch immer den Nachweis für einen Völkermord erbringen, den alle ernst zu nehmenden Historiker längst dokumentiert haben. Immerhin hat Ankara seine alte Forderung nach einer gemeinsamen Historikerkonferenz jetzt um den Vorschlag ergänzt, dass dabei auch die deutschen, französischen und britischen Archive einbezogen werden sollten. Ministerpräsident Erdog˘an verspricht sogar eine »Neubewertung« der damaligen Ereignisse. Die Armenier sehen das allerdings als ein Hinhaltemanöver an: »Die Historiker haben ihre Arbeit schon getan.« Die deutschen nicht so sehr. Der jüngste Vorfall um den Brandenburger Rahmenlehrplan hat auch an den Tag gebracht, dass es auf deutscher Seite bisher so gut wie keine weiterführenden Unterrichtsmaterialien zu diesem Thema gegeben hat.

Am 15. Oktober 1915 richteten die Lehrer der deutschen Realschule Aleppo einen verzweifelten Appell an das Auswärtige Amt. Sie beschrieben darin ein Krankenlager der türkischen Behörden für armenische Vertriebene, das direkt neben dem Schulgebäude lag: »Wir treten auf den Hof … Haufen von Kranken, Sterbenden, Toten durcheinander in ihrem Unrat liegend… Hier und da ein Schrei nach dem Arzt, eine Klage wegen der hunderten von Fliegen in den gepeinigten Augenhöhlen… Ein Dutzend Kinder, halbverhungert, stumpf… Unmittelbar daneben sind wir deutschen Lehrer gezwungen, unsere Schüler einzuführen in deutsche Kultur… Ja, glaubt man, dass diese muhammedanischen Kinder nicht irre werden, wenn sie angesichts solcher Bilder unsere Lehren hören? Gibt es doch zahllose, anständige Muhammedaner, die…nicht fassend, dass ihre eigene Regierung die Urheberin solcher sündhafter Greuel sein könne, in den Deutschen die Urheber suchen. Grässliche Flecken drohen hier dem Ehrenschilde Deutschlands.«

Die Zeit ist kein Reinigungsmittel für so etwas. Die Flecken werden immer wieder durchscheinen. Solange die Freunde der Türkei – und ihr Kreis ist aus vielen anderen guten Gründen groß – Ankara nicht bewegen können, auf dem Weg zur EU auch eine Brücke zum heutigen Geschichtsverständnis Europas und seiner öffentlichen Erinnerungskultur zu bauen.

Die Bilder dieses Dossiers stammen von Armin T. Wegner, der 1915 als Sanitätsgefreiter im Stab des Feldmarshalls Colmar von der Goltz die Massaker an den Armeniern fotografierte. Die Aufnahmen entstanden auf dem Marsch von Konstantinopel nach Bagdad.

Internationale Armin-T.-Wegner-Tage in Köln und Wuppertal, 22. - 24.April 2005; www.armin-t-wegner.de

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