Völkermord »Wer am Leben blieb, wurde nackt gelassen«Seite 7/9

Mehr als jeder andere Staat hätte deshalb Deutschland, der enge Freund der Türkei seit dem 19. Jahrhundert, die Verpflichtung, den Armeniern vor der Geschichte Gerechtigkeit und Genugtuung zu verschaffen. Noch unter Bismarck war das Osmanische Reich zur ersten Adresse deutscher Weltpolitik geworden. Der Bau der Bagdadbahn hatte ein imperiales Gewicht, mit dem verglichen die globale Anpreisung der Magnetschwebebahn heute wie eine Luftnummer wirkt.

Die blutige Verfolgung der christlichen Armenier Ende des 19. Jahrhunderts führte schon damals zu großen Disputen zwischen engagierten Humanisten wie dem Theologen Johannes Lepsius und den Promotoren der Weltmachtrolle. So bekundete Friedrich Naumann, der liberale Imperialist, wichtiger als die armenische Frage sei das deutsche Volkstum, »an dem noch einmal die Welt genesen soll«. Die Aufgabe Deutschlands lasse deshalb »die sentimentale Behandlung des Schicksals eines fremden Volkes in einem fremden Staat nicht zu«.

Infam opferte Karl May die Armenier den kaiserlichen Interessen. Der Schriftsteller, der sich einer Breitenwirkung erfreute fast wie Bild heute, schrieb in einer seiner Erzählungen: »Wo irgendeine Heimtücke, eine Verräterei geplant wird, da ist sicher die Habichtnase eines Armeniers im Spiel.« An anderer Stelle unterstützte er indirekt die Massaker: »Ein geordnetes Mittel, um sich gegen die Armenier zu schützen, gibt es nicht. Der Türke handelt in Notwehr!«

1882 hatte der deutsche Major Colmar Freiherr von der Goltz begonnen, Armee und Offizierkorps der Türkei zu modernisieren. 1913 rückte eine deutsche Militärmission in Istanbul ein. Ihr Umfang erweiterte sich von zunächst 70 auf fast 800 Offiziere und 12.000 Soldaten während des Krieges. Die Militärberater konnten, so erinnerte sich später der General Ismet Pascha, »Tag für Tag alles verfolgen, was im Lande ablief«. Von der Goltz, 1914 bis 1916 Oberbefehlshaber der I. und VI. osmanischen Armee, wurde von Kriegsminister Enver – seinem früheren Schüler – zum persönlichen Berater ernannt. Er erhielt sein Büro direkt im Kriegsministerium.

Zentrum aller politischen und militärischen Geheimunternehmen war die Abteilung II des Kriegsministeriums. Sie organisierte den Einsatz der paramilitärischen Einheiten, die im August 1914 aus extra dafür entlassenen Häftlingen und kurdischen Stämmen aufgestellt wurden. Diese Banden (Çete) überfielen bereits seit September 1914 armenische Dörfer und beraubten, quälten und ermordeten viele der Frauen und Kinder auf den Todesmärschen. An der Spitze der AbteilungII stand der deutsche Oberstleutnant Sievert.

Der Artillerieoffizier Eberhard Wolffskehl von Reichenberg legte das Armenier-Viertel der Stadt Urfa in Schutt und Asche, nachdem die türkischen Einheiten den verzweifelten Widerstand nicht hatten brechen können. Der Eisenbahnchef des osmanischen Generalhauptquartiers, Oberstleutnant Boettrich, zeichnete einen türkischen Deportationsbefehl gegen, der für Tausende armenischer Zwangsarbeiter der Bagdadbahn den sicheren Tod bedeutete.

Der unerbittlichste Feind der Armenier unter den deutschen Militärs war Generalleutnant Fritz Bronsart von Schellendorf, Generalstabschef des osmanischen Feldheeres. Er kümmerte sich selbst um Details, damit die Todesmärsche ohne Störungen abliefen. Ein Dokument vom 25. Juli 1915 zeigt, dass er gemeinsam mit Kriegsminister Enver Deportationen autorisierte. Über Hilfsaktionen deutscher Konsuln führte er Klage. So war sein Offizierskollege Max von Scheubner-Richter, Vizekonsul in Erzurum, einem der moribunden armenischen Trecks begegnet. »Die Frauen warfen sich und ihre Kinder vor mein Pferd und baten um Hilfe«, teilte der Vizekonsul mit. Er habe darauf Brot verteilen lassen. An den Rand des Berichts schrieb Bronsart: »Das Brot sollte der Konsul lieber der türkischen Armee schicken.« Nach dem Krieg sagte er den Mordopfern schon im Stil der künftigen NS-Rassisten nach: »Der Armenier ist wie der Jude, außerhalb seiner Heimat ein Parasit, der die Gesundheit eines anderen Landes, in dem er sich aufhält, aufsaugt.«

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