Der Ball war tückisch, aber zu halten. Trotz der Windböe, die plötzlich der Flanke einen Drall verlieh und das Leder jäh auf den Kopf des Stürmers lenkte. Der Torwart ahnte zwar die Ecke, doch mehr als den aufgewirbelten Staub des Aufsetzers bekam er nicht zu fassen. Das Spiel war gelaufen, der Traum von der Titelverteidigung geplatzt. Das 1:3 in der Nachspielzeit konnten die Bayern nicht mehr aufholen. Doch die Mannschaft ist sich bis heute einig: Nicht der launische Wind oder die tief stehende Sonne war schuld an der Niederlage, nicht der holperige Boden oder das fortgeschrittene Alter des Schlussmanns. Es lag am Zauber des Gegners. Denn in dessen Entourage hielt man einen Hahn in Fesseln, den man vor dem Match auf den Namen des Torhüters getauft hatte. Dass die Nummer eins der Bayern bei jedem Gegentreffer eine seltsam unbewegliche Figur machte, konnte darum niemanden verwundern.

Dabei hatte der Schamane des Fußballclubs Bayern Munich aus dem bolivianischen Hochlanddorf Llica alles getan, um die eigenen Stärken zu mobilisieren und die Elf des Finalgegners Los Andes zu schwächen. In der Nacht vor dem Spiel rief Mero Mero den Tio del Sabajo, den Geist einer alten spanischen Kupfermine. Um ihn gewogen zu stimmen, verbrannte der Aymara-Indianer das Fett von Lamas und schwarzen Hühnern, ließ Kräuter und Teile von Eidechsen in Flammen aufgehen, kaute Koka, spuckte und trank Singani, einen hochprozentigen Tresterschnaps. Und noch in derselben Nacht brachen Mero Mero und die Mannschaft stocktrunken auf, um auf Geheiß des Tio an den Eckfahnen des Stadions Kokablätter zu vergraben. Der Einzige, der fehlte, war der Torwart. »Aus religiösen Gründen«, entschuldigt der sich heute und deutet auf ein Kruzifix an der Wand des Vereinsheims. Vis-à-vis steht ein Regal mit Pokalen, darüber grüßt der Papst von einem Foto.

Dietmar Krämer lächelt. Auf 4000 Meter Höhe dürfe man es mit dem Katechismus nicht so genau nehmen, kommentiert er das Treiben seines Teams und hebt beschwichtigend beide Hände. Der hoch gewachsene Mann mit den grau melierten Haaren ist nicht nur der Torhüter, Trainer, Präsident und Gründer des Provinzclubs mit dem berühmten Namen. Seit vielen Jahren ist der fußballverrückte Deutsche auch der Gemeindepfarrer des staubigen 1000-Einwohner-Kaffs Llica in der südwestbolivianischen Wildnis zwischen Chile und Argentinien.

Wer die Diözese von Padre Dietmar besucht, hat keinen Zweifel, dass er sich am Ende der Welt befindet. Eine magische Aura liegt über der Gegend, die auch nüchterne Menschen in Taumel versetzt. Wie ein gigantisches Geheimnis changiert auf Höhen bis zu 5000 Meter eine Marslandschaft in allen erdenklichen Brauntönen. Schichtvulkane ragen in den dunkelblauen Himmel, Geysirfelder fauchen, Lavabrocken liegen wie verendete Urtiere in den endlosen Ebenen. Eine gestirnhafte, mineralisierte Überwelt tut sich auf, eine Antithese der belebten Natur, in der alles zur Metapher gerinnt und die vor Unwirklichkeit geradezu zu bersten scheint.

Man meint verstehen zu können, dass es magischer Rituale bedarf, um die erbarmungslose Erhabenheit dieser Umgebung zu bannen. Und als sei dies alles nicht genug, schwimmt in ihrer Mitte der größte Salzsee des Planeten auf den Resten eines einstigen Binnenmeers. Vor Jahrtausenden trocknete es aus und hinterließ auf seinem Boden den Salar de Uyuni, in dessen Abmessungen ein Drittel des belgischen Staatsgebietes Platz fände. Weißer als Schnee gleißt seine Kruste aus Kochsalz in der stechenden Sonne des Altiplano. Während der Regenperiode jedoch steht das Wasser bis zu kniehoch auf dem Salar. Es verwandelt dann die Salzpfanne in einen gewaltigen Spiegel, reflektiert den Himmel bis an die Horizonte und lässt die Welt in ihrer Indifferenz verschwinden.

Padre Dietmar hebt seine breiten Torwarthände

Gebettet zwischen das Nichts der Salzwüste und einen Zaubergarten aus Staub und Geröll, leistet sich das bitterarme Llica ein Wohlstandsproblem: Es fehlt an Parkplätzen. Tag für Tag verstellen Hunderte von Fahrzeugen ohne Nummernschilder die Wege. Es sind chutos, geschmuggelte Gebrauchtwagen aus Chile. Gesteuert von vermummten und bis an die Zähne bewaffneten Bankräubergestalten, jagen sie kolonnenweise über den See, um später in La Paz, Sucre oder Potosí verkauft zu werden.

Weil Llicas Polizeistation verwaist ist, fahren die Schmuggler das Dorf als Etappenziel an. Dort füllten sie manchmal zu Dutzenden die Kirche, um göttlichen Beistand zu erbitten, erzählt Padre Dietmar. Und tatsächlich haben die Chauffeure Schutzengel bitter nötig. Erst kürzlich sind bei einem Feuergefecht mit bolivianischen Militärtruppen wieder zwei von ihnen zu Tode gekommen. Dabei ging es nicht um die Autos, die meist für einen Geldbetrag die Kontrollen passieren dürfen. Es ging um deren Fracht: Viele Wagen haben Kokainpaste für chilenische Labors an Bord. Auch halb Llica sei in die Drogengeschäfte verstrickt, sagt Padre Dietmar und hebt wieder mit öffnender Geste seine breiten Torwarthände. Die Begeisterung für Bayern Munich indes lindere den kriminellen Eifer des Nachwuchses. Dass seine Spieler dem Tio mehr Vertrauen schenkten als den katholischen Heiligen, ließe sich so verschmerzen.