Reflexion kommt von reflectere, zurückbeugen, die erste Person ist reflecto …" Was Wilfried Kürschner vor dicht besetzten Bänken über Wörter, ihre Herkunft und Grammatik vorträgt, erinnert an eine gymnasiale Lateinstunde für Anfänger. Doch die Zuhörer sind Studenten der Germanistik, Kürschner ist Professor für Sprachwissenschaft, und das Ganze spielt in einem Hörsaal der niedersächsischen Universität Vechta, mit 3.000 Studenten eine der kleinsten in Deutschland. Hier müssen künftige Deutschlehrer seit neuestem zwei Semester lang "Elementarlatein" büffeln. Die regelmäßige Teilnahme an der wöchentlichen Doppelstunde ist Pflicht, zwei Klausuren sind zu bestehen. Das Ziel ist nicht, die Studenten an die Lektüre von Cäsar und Tacitus heranzuführen, sondern ihr Verständnis für die Formen und Regeln der Grammatik zu schärfen.

Wilfried Kürschner hat das Mini-Latinum entwickelt, um auf diese Weise ein Handwerkszeug bereitzustellen, das den Studierenden auch in den Lehrveranstaltungen zur deutschen Sprache zugute kommt. In denen sollen sie – von den Wortarten bis zum Satzbau – alles über Grammatik lernen. Was wie ein Umweg wirkt, dient in Wahrheit als Erkenntnis förderndes Kontrastprogramm. Erst vor der Folie der fremden Sprache, davon ist Kürschner überzeugt, werden den Studenten die Strukturen der eigenen wirklich bewusst. Und dafür besteht dringender Bedarf.

"Es kam immer wieder vor", sagt Kürschner, "dass ich Studenten aufgefordert habe, zum Beispiel das Wort Tisch zu deklinieren, und dann feststellen musste, dass sie gar nicht wussten, was damit gemeint ist. Natürlich kann jeder die Formen seiner Muttersprache automatisch bilden. Aber können ist eben nicht gleich kennen." Und wer die Regeln der Sprache nicht begrifflich erfassen kann, hat auch Schwierigkeiten, sie als Lehrer anderen zu erklären. Auf Latein fiel die Wahl, weil es grammatisch dem Deutschen in vielem vergleichbarer ist als zum Beispiel Englisch und die Lateingrammatik ohnehin für die Beschreibung der europäischen Sprachen das Vorbild liefert. Hinzu kommt der Bildungswert: Im Kurs lernen die Studierenden neben Flexion und Syntax auch die Wurzeln und den kulturellen Hintergrund vieler Fremdwörter kennen.

Als das Pflichtlatein zeitgleich mit der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge in Vechta eingeführt wurde, setzte unter den Germanistikstudenten keine Massenflucht ein. Im Gegenteil, die meisten sehen den Kurs als Chance. "Man bekommt mehr Sicherheit in der Grammatik und auch beim Wortschatz", fasst die Grundschullehrerstudentin Edda Rückert die Meinung vieler Kommilitonen zusammen. Etliche ältere Semester, die von der neuen Regelung gar nicht mehr betroffen sind, nehmen freiwillig teil.

Manche Schüler verstehen unter Konjunktion "Blüte der Wirtschaft"

Gestandene Altphilologen mögen über das Schmalspurlatein aus der akademischen Provinz die Nase rümpfen. Doch es ist der ernsthafte Versuch, einer Misere zu begegnen, unter der das Deutschstudium und damit auch die Lehrerausbildung und der Schulunterricht allerorts seit Jahrzehnten leiden. "Die Grammatikkenntnisse vieler Germanistikstudenten entsprechen nicht mal mehr dem, was noch vor dreißig Jahren von einem Hauptschüler erwartet wurde", erklärt Ulrich Schmitz, Linguistikprofessor an der Universität Essen. Er testet seit Jahren das Wissen der Studienanfänger, die auf Fragebögen Grundbegriffe des Sprachsystems erläutern sollen. Achtzig Prozent der Teilnehmer beantworten mindestens zwei Drittel der Fragen falsch, Gymnasiasten und Gesamtschüler liegen dabei gleichauf. Manche Antwort erinnert an Karl Valentin: Da wird die Konjunktion als "Blüte der Wirtschaft" definiert, die deutschen Kasus werden durch "Nomitav" und "Objektiv" bereichert, der Genitiv wird mit dem Akkusativ, die Silbe mit dem Buchstaben und das Substantiv mit dem Subjekt verwechselt. Ein Physikstudent mit vergleichbaren Kenntnissen in Mathematik käme über das erste Semester kaum hinaus.

Dass Essen kein Einzelfall ist, zeigt das zustimmende Echo, das Schmitz von etlichen Kollegen aus anderen Hochschulen bekommen hat. Bedenklich sind diese Lücken vor allem deshalb, weil sie im Studium oft nicht gefüllt werden. Vorlesungen und Seminare, die Grundlagenwissen vermitteln, finden sich zwar sporadisch im Lehrangebot, sind aber nur selten obligatorisch. Ein großer Teil der Germanistikstudenten sieht in der Sprachwissenschaft nur die hässliche Stiefschwester der schönen Literatur und bringt den linguistischen Pflichtteil mit möglichst wenig Aufwand hinter sich. Viele Dozenten wiederum pflegen die Illusion, die Studenten brächten elementare Grammatikkenntnisse aus der Schule mit, um ihre Lehrveranstaltungen guten Gewissens wissenschaftlichen Spezialfragen widmen zu können.

Den Lehrern fehlt das Rüstzeug, Grammatik anschaulich zu vermitteln