Studiengebühren So macht’s der Nachbar
Österreich hat keine Probleme mit Studiengebühren
Bislang ist es eine akademische Diskussion: Was passiert, wenn einzelne Bundesländer demnächst Studiengebühren einführen sollten? Gebührengegner befürchten eine noch stärkere soziale Benachteiligung von Arbeiterkindern, die Befürworter versprechen sich kundenorientiertere Hochschulen, zielstrebigere Studenten, kurz: ein effizienteres Studium. Wer Recht hat, ist offen, Verweise auf Länder mit Studiengebühren wie die USA, Großbritannien oder Australien scheitern meist an der mangelnden Vergleichbarkeit der Bildungssysteme. Was fehlt, ist ein groß angelegter Modellversuch.
Vielleicht gibt es den aber doch schon. Er heißt Österreich. Die Republik ist Deutschland wohl von allen europäischen Ländern am ähnlichsten, sowohl von der Gesellschaftsstruktur als auch vom Bildungs- und Sozialsystem her. Und Österreichs Hochschulen erheben seit 2001 Gebühren. 363 Euro kostet ein Semester in Österreich, etwas weniger als die in Deutschland zunächst angepeilten 500 Euro.
Aktuelle Statistiken des Wiener Bildungsministeriums belegen nun offenbar, dass die Einführung von Gebühren funktionieren kann: In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der Absolventen in Österreich um fast 20 Prozent gestiegen, während der Anteil der Studenten, die keine einzige Prüfung absolviert haben, um die Hälfte zurückgegangen ist. Dieser Effizienzgewinn ging einher mit einer verbesserten Studienförderung: Zwischen 2000 und 2004 hat Wien die Mittel für Stipendien und Förderungen um 57 Prozent ausgeweitet, der Prozentsatz unterstützter Studenten erhöhte sich von 13 auf 20 Prozent.
Der soziale Kahlschlag ist ausgeblieben. Gebührengegner hatten zunächst den deutlichen Einbruch der Studentenzahlen nach der Einführung kritisiert. Zwischenzeitlich waren deutlich weniger als 200.000 Studenten immatrikuliert, ein Rückgang um 20 Prozent gegenüber dem Höchstand vom Wintersemester 2000 (243.000). Mittlerweile aber liegt die Zahl der Studienanfänger so hoch wie nie zuvor, und auch die Studentenzahl insgesamt überstieg im vergangenen Wintersemester 2004 schon wieder die Marke von 210.000. Offenbar haben viele so genannte Scheinstudenten die Hochschulen verlassen, die übrigen Studenten bemühen sich um einen zügigen Abschluss, wie der Boom bei den Absolventen belegt. Insgesamt also ein Erfolg, trotz handwerklicher Fehler am Anfang.
Erste Testreihen im zehnmal größeren Deutschland könnten schon bald starten: Bayern und Hamburg zumindest setzen aufs Wintersemester 2006.
- Datum 23.03.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 23.03.2005 Nr.13
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