Vereinigte Staaten Pastor Teds Befreiungstheologie
Ostergottesdienst mit 50.000 Gläubigen? Kein Problem in Colorado Springs, Amerikas Zentrum der religiösen Rechten
Colorado Springs. Sie hüpfen. Sie recken die Hälse. Sie werfen die Arme gen Himmel. Wie Groupies drängen sie sich vor dem Halbrund der Bühne und schmachten ihren Stars entgegen: hinten der Schlagzeuger, davor Tenorsaxofonist und Gitarristen, vorne die Sängerinnen. Die Teenager am Bühnenrand, leicht entrückt, könnten die Mitglieder der Band mühelos berühren. Sie sind einander nahe, körperlich, altersmäßig, geistig. Sie singen.
Mein Herz wird sagen,
geheiligt sei dein Name.
Alle singen mit. Auch die Älteren, die hinten im Rund stehen. Hoch über der Bühne, zwischen den Belüftungsrohren der Halle, hängt ein Medienwürfel. Auf sechs riesigen Bildschirmen wird die Show samt Liedtext in die hintersten Winkel dieses gewaltigen Hexagons übertragen.
Heilig ist der Herr,
die ganze Erde singt.
Das kommt aus 7.500 Kehlen. New Life Church heißt die Kirche. Erst im Januar fertig gestellt, ist sie schon zu klein. Von Ostern an wird es zwei Sonntagsgottesdienste geben. Amerikas Gemeinden wachsen – und keine schneller als die Mega-Kirchen. Die New Life Church zählt 11.000 Seelen. Nachwuchs-Probleme gibt es nicht.
Sing Halleluja, sing halleluja,
Jesus, Sohn Gottes.
Nichts erinnert an eine Kirche. Kein Altar, kein Kreuz. Die Wände mausgrau, aus Waschbeton. Eine Glaubensarena im Wal-Mart-Stil. Nur in der Wandelhalle rund um die Arena steht der Erzengel Gabriel in Messing. Drum herum die Tische der Cafeteria. Die Gläubigen sollen bleiben, sie sollen essen und trinken, sie sollen mit ihren Laptops drahtlos ins Internet gehen. Verzopftheit fühlt sich anders an. Hier wird Christentum frisch erfunden – und amerikanisiert: kapitalistische Effizienz, protestantische Bescheidenheit und heimische Popkultur.
Von der Bühne ruft ein junger Mann im Designer-Anzug: »Lass das Leben in Colorado Springs sein wie im Himmel.« Ein bisschen Himmel ist schon auf diesem Streifen Erde. Nicht bloß weil die Natur es gut meint mit dieser Stadt, an deren Rand die Prärie sich zu den Rocky Mountains auffaltet. Nein, hier ist die Saat des Herrn aufgegangen, hier liegt Amerikas neues Jerusalem. Nirgends auf dem ganzen Kontinent haben sich so viele christliche Institutionen angesiedelt, 110 an der Zahl: Verlage, Bildungseinrichtungen, Stiftungen, Schwangerschaftszentren, Radiosender, Consulting-Firmen. Sie heißen Focus on the Family, International Bible Society, Compassion International oder Fellowship of Christian Cowboys. Fast alle der religiösen Rechten zuzuordnen, fast alle von Evangelikalen geführt.
Wiedergeborene zieht diese Stadt magisch an. Hier gibt es spontane Glaubenserlebnisse, hier reden sie in Zungen, hier nehmen die Schäflein Direktkontakt zum Herrn auf, und der Herr antwortet laut und hörbar, hier sprechen sie von Prophetie und erleben Spontanheilungen. Hier, wo die Mittelschicht einer Industriegesellschaft sich sonntäglich in einer Glaubensarena versammelt, geschehen wundersame Dinge.
Allein die Gründung der Kirche ist so ein Wunder. Erst zwanzig Jahre ist es her, da bestieg ein junger Mann, den sie heute »Pastor Ted« nennen, den Hausberg, um drei Tage lang zu fasten. Auf der felsigen Flanke angekommen, in 4000 Meter Höhe, breitete er seine Matte aus, schaute hinunter auf die Stadt und erkannte seine Bestimmung. »In meinem Kopf sah ich ein Stadion voll gläubiger Menschen«, sollte er sich später an seine Vision erinnern. Drum stieg Pastor Ted vom Berge herab und gründete seine Kirche mit 20 Freunden im Keller seines Hauses – so ähnlich wie einst Bill Gates seine Computerfirma. Amerikanische Erfolgsgeschichten. Zu Ostern erwartet der Pastor in der neuen Glaubensarena 50.000 Menschen zu den Aufführungen von The Thorn, einem Passionsspiel mit Hollywood-Effekten.
- Datum 23.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.03.2005 Nr.13
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