medizinDesigner Babys

In England wird man bald das Geschlecht seines Kindes auswählen können - Das britische Unterhaus legt kontroverse Beschlüsse zur Genforschung vor von Jürgen Krönig für Zeit.de

Die Zunft der Genforscher in Deutschland wie anderen Ländern Europas dürfte mit Neid auf die britischen Kollegen schauen. In Großbritannien scheinen die Politiker entschlossen, im Namen wissenschaftlichen Fortschritts ein Tabu nach dem anderen auszuhebeln und den Weg freizumachen, der in die schöne neue Welt von Genforschung, reproduktivem Klonen und anderen, noch umstritteneren Feldern der Forschung führt.

Der Bericht, den der Parlamentsausschuss für Wissenschaft und Technologie am kommenden Donnerstag vorlegt, liefert den schlagenden Beweis dafür. Großbritannien setzt alles daran, seine günstige Ausgangsposition beim Wettlauf um die lukrativen Therapien der Zukunft auszubauen. In Zukunft soll es nach dem Willen des Ausschusses erlaubt sein, das Geschlecht eines Babys zu bestimmen. Voraussetzung für die Wahl zwischen Junge oder Mädchen ist nur, dass der Embryo aus künstlicher Befruchtung hervorging.

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Bei der In-vitro-Fertilisation werden stets mehr Embryos erzeugt als für die Einpflanzung benötigt. Bislang war es gestattet, diese Embryos auf genetische Defekte hin zu untersuchen und sich danach gegebenenfalls absichtsvoll für ein bestimmtes Geschlecht zu entscheiden. Etwa dann, wenn eine Krankheit diagnostiziert wurde, die nur bei einem Geschlecht auftritt. So konnte es ab und an unter der Hand doch gelegentlich schon zu der "Präimplantationsdiagnostik" kommen, die in Großbritannien bis heute aus ethischen Gründen verboten ist.

Der Ausschuss des Unterhauses will klare Verhältnisse schaffen und plädiert für eine Lockerung der Regel. Was Kritiker mit Entsetzen erfüllt. Wenn erst einmal die Geschlechtswahl erlaubt werde, argumentieren sie, sei es nicht mehr weit bis hin zum Designer Baby. Eltern könnten sich dann auch gleich noch Haar- und Augenfarbe oder Größe aussuchen. Auch wird die Befürchtung geäußert, auf Dauer könnte sich ein gesellschaftliches Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern herausbilden, hänge die Entscheidung allein von menschlicher Willkür ab.

Die Befürworter der Liberalisierung weisen diese Befürchtung mit Hinweis auf Erkenntnisse aus Amerika als grundlos zurück. Im Übrigen, so argumentiert die Mehrheit im Ausschuss, müssten "Eltern, nicht der Staat, das Recht erhalten, über ihre Familien zu entscheiden". Eine Minderheit der Parlamentarier widerspricht vehement. Sie lehnen nicht nur die Geschlechtsauswahl ab; sie verdammen den gesamten Report als unethisch und "viel zu wissenschaftshörig". In der Tat: Andere Beschlüsse sind noch radikaler und kontroverser. So soll das Verbot des reproduktiven Klonens von Embryos aufgehoben werden – bislang war in Großbritannien einzig das therapeutische Klonen von Stammzellen bis zum Alter von 14 Tagen erlaubt. Noch umstrittener ist die Absicht, selbst so genannte "chimerische" Experimente zu gestatten. Dahinter verbirgt sich die Technik, menschliche Embryos in Tiere zu verpflanzen und Hybride zu schaffen.

Forscher in Amerika haben bereits im Labor Mäuse produziert, die ein Prozent genetisches Material vom Menschen enthalten. Doch das war nur ein eher bescheidener Anfang. Es gibt bereits Schweine mit menschlichem Blut und Schafe, die mit Leber und Herzen vom Menschen herumlaufen. Einige Wissenschaftler planen nun, eine Mischung aus Schimpansen und Menschen zu kreieren. Die Begründung für diese Experimente ist stets die gleiche: Medizinischer Fortschritt, neue und bessere Methoden der Behandlung, ein goldenes Zeitalter der Medizin, das anbrechen werde, wenn man Biotechniker und Genforscher nur gewähren lasse. Ihnen reicht es nicht, dass man bereits dabei ist, die gesamte Natur zum Nutzen des Menschen zu manipulieren. Sie wollen das letzte große Tabu überwinden, das strikte Verbot nämlich, aus Mensch und Tier ein neues Wesen zu formen. Das neue Feld der Mensch-Tier-Verschmelzung birgt ein neues Risiko in sich. "Wir könnten", sagt der Autor Jeremy Rifkin, "die biologische Integrität unser eigenen Spezies unterminieren".

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