Miss Germany

Sie war 16 Jahre lang Chefredakteurin der »Brigitte«, der wichtigsten Frauenzeitschrift des Landes. Anne Volk weiß, wie es den deutschen Frauen geht

Es gibt zwei Gründe, weshalb man Anne Volk unbedingt kennen lernen muss, wenn man wissen will, wie es den Frauen in Deutschland geht. Der offizielle zuerst: Anne Volk, 61 Jahre alt, war von 1985 bis 2001 Chefredakteurin der , dem wichtigsten deutschen Frauenmagazin. Sie war die erste Frau in diesem Job, und sie hat ihn sehr gut gemacht, oder wie schreiben würde, »richtig klasse«. Das Heft ist unter ihr, bei zunehmender Konkurrenz, die größte zweiwöchentliche Frauenzeitschrift in Deutschland geblieben; das deutscheste war es sowieso immer. Die gibt es seit 120 Jahren, und sie ist nie eine internationale Marke geworden – wahrscheinlich, weil Französinnen einem einen Vogel zeigen würden, wenn man ihnen erklären wollte, wie man Handschuhe mit Pailletten verschönert (Heft 22/04), oder Amerikanerinnen, wie man mit der Diät gesund abnimmt, pro Woche.

Von Anne Volk heißt es, sie habe immer sofort gewusst, welches Thema, welches Foto, welches Model, welches Kleid zu Brigitte passt. Wer könnte also besser Auskunft über die Frauen in Deutschland geben? Das ist der offizielle Anlass unseres Gesprächs, und sie will gern erzählen, in ihrem neuen Designerreihenhaus mitten in Hamburg, in das sie gerade eingezogen ist, bei Kaffee und Plätzchen, nachmittags um drei, sie arbeitet ja nicht mehr. Zum 31. Dezember hat sie den Verlag verlassen.

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Der zweite Grund, sich für Anne Volk zu interessieren, hat mit dem Frauenthema (erst mal) nichts zu tun. Es ist die schlichte Neugier auf diese Frau, über die in der Medienbranche mit so viel Respekt, Bewunderung, ja man muss fast sagen: Liebe geredet wird wie über kaum jemanden. Vielleicht gibt es ein paar wenige Männer, die in der Branche einen ähnlich besonderen Status haben, Legenden wie Augstein, mit dem sie befreundet war. Aber die wenigen Frauen, die es im Magazinjournalismus in Chefpositionen gebracht haben, haben eher das Image von champagnerschwenkenden Diven, was natürlich ein frauenfeindliches Zerrbild ist (aber vielleicht ja trotzdem nicht ganz falsch). Anders bei Frau Volk, wie sie von ehemaligen Kollegen genannt wird. Wenn man die zu ihrer ehemaligen Chefin befragt, erntet man Lobeshymnen seitenweise. Das folgende ist nur best of:

»Sie ist groß. Ich seh sie noch auf der Toilette vor dem Spiegel stehen, damals. Diese langen Haare. Diese raumgreifenden Schritte.«

»Dass sie im klassischen Sinne Charisma hatte, eine dieser extrem seltenen Erscheinungen. Wenn man sich von der Sache her gut versteht, dann ist es extrem klasse, mit so jemandem zusammenzuarbeiten.«

»Fabelhafte, sehr scharfsinnige Frau mit einem Lachen, das einen aus dem Sessel weht. Keine Spur von dem Manolo-Blahnik-Püppchen, das man bei Chefredakteurinnen von Frauenzeitschriften gern im Kopf hat.«

»Kein Mann fällt mir ein, der selbst bei wichtigen Präsentationen so er selbst bleibt: Die Typen ziehen ihre besten Krawatten an, und sie kommt in den Raum und redet so wie immer.«

»Ihr Menschenbild: Geschichten über den Megasex, die Hammerdiät mochte sie nicht, ihre Haltung war immer: Lasst euch keine Scheiße erzählen, in Wahrheit sieht’s doch eher so aus.«

»Kritisch über Jil Sander oder Kosmetik berichten, das geht in Brigitte nicht, aber ich weiß auch nicht, ob das im Spiegel oder stern möglich ist. Aber der Rest durfte inhaltlich nicht verkommen. Das wusste sie, und das konnte die klasse austarieren.«

»Diese Mischung aus Machtbewusstsein und mädchenhaft. Und das Schwäbische hat sie immer sehr ausgespielt. Dass sie weiß, wie Kässpätzle gemacht werden, dass sie weiß, was in Schorndorf serviert wird. Egal, neben wem sie sitzt auf irgendeinem Meeting, sie kriegt diesen persönlichen Dreh.«

»Dieser verschmitzte Zug um den Mund.«

»Als wäre sie frei von jeglichen Minderwertigkeitskomplexen.«

»Wie sie manchmal sechzig Jahre Lebenserfahrung in einem Halbsatz rüberbringt.«

»Ich habe mir oft gedacht, wenn man so altert, dann braucht man sich keine Sorgen zu machen: so unkompliziert, so neugierig, ohne große Allüren.«

So reden Männer, Frauen, gleichaltrige, jüngere, welche, die von ihr befördert wurden und welche, die sie entlassen hat (nach schlaflosen Nächten, wie sie sagt). Und sogar die, die Anne Volk aus ihren Albträumen kennen, schaffen es nicht, schlecht über sie zu reden. »Natürlich ist sie machtbewusst. Wenn jemand zu stark wird, dann hat sie den runtergefaltet. Durch eine Bemerkung: Die Klamotten auf den Fotos – das kann man so doch nicht anziehen. Aber das war auch professionell.«

Noch ein Versuch, bei einer früheren Kollegin, die selbst gegangen ist. »Ich hab gleich gemerkt, mit der kann ich nicht. Sie war mir fremd, obwohl wir Redakteurinnen damals dafür gekämpft haben, dass sie kam. Sie hat viel Konkurrenz auf dem Zeitschriftenmarkt abwehren müssen, aber sie hat dafür gesorgt, dass die Brigitte seriös geblieben ist, und sie hat das Dossier eingeführt. Ich muss heute sagen: Sie hat es toll gemacht.«

Auf den ersten Blick ist Anne Volk eine ganz normale Frau. Sie ist groß, irgendwie rund, sie kocht gern, isst gern, hat noch nie eine Brigitte- Diät gemacht, hat noch nie versucht, mit dem Rauchen aufzuhören (filterlose Reval), sie treibt keinen Sport, geht aber viel zu Fuß, trägt ihre Haare undefinierbar mittellang, in einer Farbe, an die man sich, in dem Moment, in dem sie den Raum verlassen hat, nicht mehr erinnern kann. Sie ist der leibhaftige Beweis für die alte Frauenzeitschriftenweisheit, dass es vor allem auf die Ausstrahlung ankommt. Oder vielleicht ist es auch ihr Schwäbisch, das alles andere übertönt, ihren schwarzen Karrierefrauenanzug, das neue Haus, die Bauhausmöbel darin, die Bilder von Katharina Grosse und Eberhard Havekost. Sogar ihr Lachen ist irgendwie schwäbisch, aus dem Bauch, laut, gackernd, es versetzt einen an einen Gartenzaun in Schorndorf bei Stuttgart, wo die Nachbarin gerade einen Witz gemacht hat. So redet sie auch, klar und uneitel, aber nicht wie eine, die 120 Angestellte unter sich hatte und eine Auflage von, bis 1996, über einer Million.

Sie gibt nicht gern Interviews. Als Brigitte vor einem Jahr Jubiläum hatte (gefeiert wurde die Umbenennung vor fünfzig Jahren, davor hatte sie Das Blatt der Hausfrau und Dies Blatt gehört der Hausfrau geheißen), hat Anne Volk fast alle Anfragen abgelehnt. Was damit zusammenhing, dass sie zu der Zeit Herausgeberin war und die Bühne dem Chefredakteur überlassen wollte. Aber sie findet es auch schwierig, Interessantes und Neues über das Frauenbild der Brigitte zu sagen: Es stand ja schon alles in der Brigitte . In den fünfziger Jahren, dass die Frau ihrem Mann durch ihre Anmut und Schönheit gefalle und weniger durch Intelligenz, und was zu tun sei, wenn sein Chef zum Abendessen kommt. Später dann kamen die avantgardistischen Modefotografien von F. C. Gundlach, der die Mannequins aus ihrer arroganten Pose entließ; in den Siebzigern gab es Kampagnen für die Einführung von Tagesmüttern und für Lohngleichheit, eine Haltung, die sich in den achtziger Jahren vor allem in den breiten Schulterpolstern in den Modestrecken ausdrückte.

Als 1985 Frau Volk zur Brigitte kam, war sie mit all dem einverstanden. Es ging ihr mehr um Feinheiten. »Ich bin wahnsinnig empfindlich bei Sprache, weil man sehr schnell merkt, das ist altbacken oder das ist anbiedernd jugendlich. Und bei der Optik, die schien mir auch nicht gerade auf dem neuesten Stand. Es gab Themen, die ich vorbei fand. Da war noch teilweise so eine kämpferische, emanzipatorische Haltung, die fanden junge Frauen 1985 absolut lächerlich. Gleichberechtigung hielten die für eine Selbstverständlichkeit. Ich wusste zwar, dass das nicht stimmt, aber ich wusste auch, dass man es so nicht mehr machen darf. Ich glaube, dass ich in einer der ersten Konferenzen gesagt habe, dass ich möchte, dass es humorvoller wird, und da wurde ich dann belehrt, dass wir ein seriöses Magazin sind. Worauf ich sagte: Das ist mir neu, dass sich das ausschließt.«

Es sind solche Sätze, die einem nach einem Gespräch mit Anne Volk nicht mehr aus dem Kopf gehen wie eine gute Zeile in einem Popsong, einfache Wahrheiten, mit denen sie alle Widersprüche weglacht. »Aber so ist das Leben« (über Schminktipps und Sozialreportagen in einem Heft, was ihr auf Podiumsdiskussionen oft vorgehalten wurde). »Sie sind doch auch geschminkt und gefärbt, und jetzt fragen Sie mich so einen Dreck« (zur Frage, warum in der Brigitte so viel Mode und Kosmetik steht). »In jedem anderen Land gehört Mode zur Kultur« (wenn ihr ihre Hamburger WG-Mitbewohner in den siebziger Jahren vorhielten, dass sie ihre Zeit als Moderedakteurin bei der Für Sie vergeude). »Aber wenn’s halt gelesen wird« (über die Horoskope, die ihr Vorgänger bei der Brigitte eingeführt hatte). »Das können Sie gern machen, aber ohne mich« (zum Vorstandsvorsitzenden von Gruner+Jahr, der ihr vorgeschlagen hatte, wie die Für Sie Sammelkarten mit Haushaltstipps einzuführen – es sei denn, sie habe eine bessere Idee. Sie führte das textlastige Brigitte-Dossier ein). Man hört diese Sätze und denkt, ach so, alles klar, so ist das Leben, wenn die das sagt. Eine Kombination von Dingen, die am Ende, wie Journalisten es nennen, eine gute Blattmischung ergeben. Sie scheinen sie sogar zu amüsieren, die Widersprüche, die Unvereinbarkeiten, im Heft und im eigenen Leben.

Ihr Vater starb im Krieg, sie ist mit vier älteren Brüdern in einer Kleinstadt bei Stuttgart aufgewachsen. Für ihre Mutter sei das hart gewesen, sagt sie, aber manchmal wartete statt eines Mittagessens auch ein Zettel auf dem Tisch: Bin im Schwimmbad, weil es um diese Zeit am schönsten ist, kommt doch nach! Anne Volk wollte immer selbst eine große Familie, eher vier Kinder als eines, und blieb dann in der entscheidenden Zeit mit einem Mann zusammen, der keine wollte. Brigitte- Psychologinnen haben ihr später erklärt, dass sie sich getrennt hätte, wenn ihr Kinderwunsch wirklich so groß gewesen wäre. Das mag so sein, sagt sie. Aber sie hätte trotzdem sehr gern eigene Kinder gehabt. Aus der Brigitte hat sie auch gelernt, dass arrangierte Ehen mindestens ebenso gut funktionieren können wie eine Liebesheirat. Und trotzdem hätte sie selbst nie Kompromisse gemacht, »nicht weil ich glaube, dass ich so doll bin, sondern weil es ja nicht einmal leicht ist, mit jemandem zusammenzuleben, den man liebt«. Mit 47 hat sie Axel Hecht geheiratet, den Chefredakteur von art, nachdem sie ein paar Monate mit ihm zusammen war, man kannte sich aus Chefredakteursrunden. Nach dem Tod seiner Frau war er alleinerziehender Vater, und Anne Volk, die erfolgreiche Verlagskollegin, wurde plötzlich glückliche Mutter zweier Teenager.

Sie hat nie einen eigenen Text veröffentlicht, obwohl sie fünfzehn Jahre lang als Chefredakteurin eines Magazins wirkte, das damals größer war als der Spiegel. Sie hat sich immer als Blattmacherin begriffen, sie ist sich nicht sicher, ob sie wirklich selbst schreiben könnte. Aber sie kann nähen. Sie hat nach der Schule eine Modeschule besucht, und die Vorhänge in ihrem Landhaus hat sie selbst gemacht. Über ihre Nähmaschine, eine Adler Standard, sagt sie, dass sie ohne die gar nicht sein möge. Was natürlich eine Übertreibung ist, »schreiben Sie das bloß nicht«, sie kennt ja den Stoff, aus dem Überschriften gemacht werden.

Sie hat darum gekämpft, als Verlagsgeschäftsführerin der Brigitte- Gruppe auch für die Finanzen verantwortlich zu sein. Sie sagt auch, es sei ihr immer mehr um Gerechtigkeit gegangen als um die Sache der Frauen. Erst gestern hat sie in der Süddeutschen Zeitung gelesen, dass den Frauen nur ein Prozent des globalen Vermögens gehöre, sie findet das einen Skandal. Sie glaubt, dass sie dem Feminismus beruflich viel zu verdanken hat. Sie glaubt, dass sie manchen Männern beruflich viel zu verdanken hat. Sie glaubt, dass die meisten Frauen ihre Karriere selber sabotieren: In den entscheidenden Momenten käme dann immer das Argument Lebensqualität. Sie hat nie geglaubt, dass ihre Aufgabe ihre Lebensqualität einschränke. Aber sie hätte sofort gekündigt, wenn sie keinen Spaß mehr gehabt hätte. Sie sagt auch, sie habe noch nie erlebt, dass ein Mann sich einen neuen Job nicht zugetraut habe. Aber als sie selbst mit 28 Jahren stellvertretende Chefredakteurin der Neuen Mode werden sollte, bat sie den Verleger, die Redaktion darüber abstimmen zu lassen, ob sie wirklich die Wunschkandidatin wäre. Und noch ein Fehler, den nur die Frauen machten: Sie verplauderten ihre Mittagspausen jahrzehntelang mit denselben Kolleginnen, statt in der Zeit Kontakte zu knüpfen. Mit wem hat sie ihre Mittagspausen verbracht?

Sie lacht. Aber da habe sie auch schon keine Kontakte mehr machen müssen.

Einfache Wahrheit über Anne Volk: Anne Volk ist Brigitte. Wie ihr Name schon sagt. Dieser feminine, klassische Vorname, der allumfassende Nachname. Sie ist die deutsche Durchschnittsfrau. Und wieso schwärmen dann alle so von ihr? Weil sie so gute Laune hat.

Es gibt so wenig Vorbilder. Das Problem mit den deutschen Frauen und der Karriere ist nicht, dass es in diesem Land unmöglich wäre, als Frau Karriere zu machen. Bei schwarzen Gangmitgliedern in Amerika schiebt man dieses Phänomen auf fehlende Role-models: Wenn die einzigen Leute mit Job Basketballmillionäre sind, dann fällt einem selbst halt auch nichts Besseres ein. Wenn die meisten Frauen, die in unserem Land richtig exponierte Jobs haben, divenhaft, versteinert, einsam und beschwipst wirken (oder glücklich und lesbisch), dann fällt einem halt auch nichts Besseres ein. Außer Anne Volk. »So könnte es gehen«, erzählt eine jüngere Chefredakteurin, die sich lange überlegt habe, ob sie je noch einen Mann finden würde, wenn sie das Jobangebot annähme. Vielleicht war das der große Vorteil der Anne-Volk-Generation: Die sah ihre abschreckenden Beispiele eher bei den abhängigen Hausfrauen. Anne Volks Vorbild war ihre Patentante, die in den zwanziger Jahren in Paris studiert hat. Auch Alice Schwarzer findet sie toll, selbst wenn diese ihr Magazin in den kämpferischen Zeiten mal als »Igitte« beschimpft hat. »Die kocht übrigens auch wunderbar, sie würden sich wundern, mit Rosendecke und Rosenblättern auf dem Tisch.«

Anne Volk – These – ist Miss Germany im Alter von 61. Nicht mehr jung, aber attraktiv, kinderlos, aber nicht entwurzelt, tough, aber nicht versteinert, gerade, aber nicht dogmatisch, kann kochen, nähen und sie hat – Dauterthema in der Brigitte seit 35 Jahren – beides: eine tolle Karriere und einen tollen Mann. Ein Haus auf dem Land und eins in der Stadt. Und eine Wohnung in Paris.

Sie sagt, dass das Älterwerden nicht einfach sei. Sie erschrickt, wenn sie sich selbst auf Fotos sieht, sie findet, dass sie zu alt aussieht, aber sie würde sich auch nie liften lassen, weil ihr diese Gesichter auch nicht gefallen. Sie wisse nicht, was mit sechzig auch nur einen Tick besser sein solle als mit vierzig. Außer dass sie jetzt Zeit habe. Es gäbe so viel nachzulesen, so viele Ausstellungen zu besuchen, »ich hatte lange vor Axel Hecht ein wirkliches Kunstinteresse«. Und dass man vielleicht ein bisschen gelassener werde. Dass sie sich viel zu viele Gedanken gemacht habe: Ob sie etwas verpasst habe, als der Verlag sie nicht aus dem Vertrag entließ, obwohl sie das Angebot hatte, das SZ-Magazin zu entwickeln, ob sie eine Beziehung beenden sollte oder nicht, einen Job annehmen, in München leben sollte oder Hamburg. Weil ja alles gut ausgegangen sei. Es ist sieben Uhr abends, das Telefon klingelt, und gleich kommt ihr Mann nach Hause.

 
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