Im Gespräch Eins in die FresseSeite 5/5
Rowohlt: Wie ich immer sage, ich bin ja noch im Weltkrieg geboren, und sofort hinzufüge: im Zweiten. Meine Mutter war unterernährt, als sie mich austrug, und ich in meinen ersten Lebensjahren ebenfalls. Weshalb mir plötzlich die Zähne ausgefallen sind, wunderbare Zähne, ohne Karies, ohne alles, weil die Knochen zu bröselig sind. Vor drei Jahren hab ich Zähne gespuckt wie 'ne Popcornmaschine. Auch dies verdanken wir unserem Führer.
ZEIT: Vielleicht erklärt sich aus der frühen Not Ihr lebenslanger Ehrgeiz. Schon Ihr Abituraufsatz war der beste von ganz Norddeutschland.
Rowohlt: Nicht so ganz. Von Hamburg, Nordniedersachsen und Südholstein. Vorhin hat ein Herr Nagel angerufen, der hatte gerade Die Asche meiner Mutter gelesen und wollte wissen, was man dazu studiert haben muss, um das so gut zu übersetzen. Und ich hab gesagt: »Ich hab gar nix studiert, ich hab lediglich anderthalb Jahre in New York gelebt.« Da sagt er: »Sie weichen mir aus.« Das ist eben der Nachteil, wenn man keine Geheimnummer hat. Aber Geheimnummer finde ich zutiefst unterschicht, mit kleinem U. Ich hab natürlich doch studiert, zweieinhalb Stunden, in München. Ein Übersetzerseminar. Immer, wenn ein schwieriges Wort vorkam, musste ich denen erklären, was das heißt, und da dachte ich mir: Wenn das Studieren ist, dann brauch ich das nicht.
ZEIT: Vorher haben Sie eine Lehre bei Suhrkamp gemacht. Bindet Sie noch etwas an den Verlag?
Rowohlt: Ist ja keiner mehr da, den ich noch kennen könnte. Inzwischen ist das Wort Suhrkamp-Autor zu genauso einer gestaltlosen Beschimpfung verkommen wie das Wort Doppelnamentusse.
ZEIT: Jetzt fehlt noch die berühmte Frage, ob Sie noch eine Frage haben, die Sie noch nie gefragt wurden, aber gern mal gefragt würden.
Rowohlt: Vor zwei Jahren, bei Ausbruch des zweiten Irak-Krieges, wurde mir immer nicht die Frage gestellt: »Sind Sie eigentlich antiamerikanisch?« Dann hat das eine Kollegin vom WDR doch endlich gemacht. Und ich hab gesagt: »Ich - antiamerikanisch?? Ich hab geweint, als Winnetou starb!«
ZEIT: Eine Frage haben wir noch, nicht überraschend, aber stellvertretend für alle ZEIT-Leser. Warum schreiben Sie keine Pooh's Corner mehr?
Rowohlt: Weil ich sie selbst mit wachsendem Unmut gelesen und gedacht habe, wenn man sie nicht mal selbst geschrieben hat, kann ich kaum verlangen, dass man sie mit einigem Gewinn oder Genuss lesen kann, wenn sie schon mir nicht gefallen.
ZEIT: Was müssen wir tun, damit Sie es sich noch einmal überlegen?
Rowohlt: Pooh's Corner war das Feuchtbiotop für Satzfehler. Da wurde aus dem Wort Schnürboden Schürboden gemacht. Wenn ein Korrektor schon nicht weiß, was ein Schnürboden ist - gut. Aber was ein Schürboden ist, weiß er noch viel weniger. Wo soll denn der wohl vorkommen, im Krematorium?
Das Gespräch führten Wolfram Runkel und Christof Siemens
- Datum 21.06.2006 - 13:54 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.03.2005 Nr.13
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