DiskussionIm grellen Zirkus des Gedenkens

Bis zum Exzess beschäftigen sich die Medien mit dem "Dritten Reich". Dabei geht es nicht mehr um die Wahrheit. Sondern nur noch um uns selbst von 

Vor sechzig Jahren ist das "Dritte Reich" untergegangen. Aber in diesen Monaten, die dem Jahrestag seines Endes vorausgehen, scheint es täglich neu zu erstehen. Fernsehen, Kino und illustrierte Magazine bringen uns die Gestalten in der braunen Partei- oder schwarzen SS-Uniform mit nie gekannter Intensität zurück. Sie sitzen in unserem Wohnzimmer, sie beherrschen das Stadtbild auf Plakatwänden, sie machen auf den Leinwänden ihr Identifikationsangebot. Heroen des Menschheitsverbrechens lächeln dich an. Als Bernd Eichingers Film ins Kino kam, schrieb ein Rezensent im Taumel der Überwältigung, erst jetzt, mit der Darstellung Hitlers durch Bruno Ganz, sei auch uns Nachgeborenen der Führer wiedergegeben worden.

Und schon fiebern wir dem nächsten Gast in NS-Uniform entgegen. Noch sind es sechs Wochen hin, bis Heinrich Breloers Film über Albert Speer ins Fernsehen kommt, und schon wird über eine grundstürzend neue Lesart spekuliert.

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Albert Speer, heißt es, war doch nicht der gute Nazi, Breloer enttarne die Legende vom Bourgeois, der ahnungslos dem Teufel verfiel, Speer selbst sei ein Teufel gewesen. Große Sache! Es ist, als habe ein Vergegenwärtigungs- und Veranschaulichungstaumel die Deutschen erfasst. Jetzt, da die letzten Zeitzeugen sterben, die wir befragen oder die uns widersprechen könnten, sollen aus dem Material der Archive, aus den Spekulationen der Historiker und den Fantasien der Filmemacher noch einmal Menschen entstehen, als seien sie lebendig, damit sie uns die Frage beantworten, wie alles gekommen ist und wie man sich dabei fühlte, als alles so kam.

Eine große Einfühlung in die Täter hat die Deutschen ergriffen

Nein. Das ist die Wahrheit noch nicht. Die Wahrheit ist: Wir wollen wissen, wie wir uns gefühlt hätten, wenn wir dabei mitgetan hätten, als alles so gekommen ist, wie es kam. Eine große Einfühlung in die Täter hat die Deutschen ergriffen, sei es nun eine schuldbewusste oder schuldvermeidende. Man könnte sagen: Endlich hat die verlogene Identifikation mit den Opfern ein Ende, die Behauptung der Unwissenheit und die Leidenslegende der familiären Vorfahren. Man könnte sagen: Mag die Beschäftigung mit dem "Dritten Reich" auch eskalieren und in der Eskalation ärgerliche Blüten treiben, es ist doch ein nützlicher, reinigender Sturm, der die moralischen Selbstgewissheiten hinwegfegt.

Und in der Tat. Wer nicht nur die Fernsehprogramme durchschaut, sondern die Verlagskataloge, die Veranstaltungskalender der Städte mit ihren Podiumsdiskussionen studiert, muss den Eindruck gewinnen, dass die Beschäftigung mit dem "Dritten Reich" zu neuer Ehrlichkeit vorstößt.

Gerade hat Götz Aly ein Buch über Hitlers Volksstaat vorgelegt, das endgültig die Lüge vom unwissenden Volk und seinem Opfergang für den Naziwahn auffliegen lässt (ZEIT Nr. 11/05). Umgekehrt, sagt Aly, war das Volk der erste Nutznießer des Naziregimes, allen voran die kleinen Leute. Sie mussten die Juden gar nicht hassen, um sich doch dafür zu begeistern, dass sie die Pelzmäntel, die Wohnungen, den Schmuck der Deportierten erbten.

Niemand kann, nach der Lektüre Alys, fürderhin behaupten, man habe von dem Judenmord und der Ausplünderung der besetzten Gebiete nichts gewusst, denn alle haben davon profitiert. Götz Aly räumt auf. Götz Alys Buch ist eine Tat. Es könnte dem Medienspektakel um das Hitler-Reich das ehrliche Erkenntnisinteresse nachliefern, das im Getöse unterzugehen drohte.

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  • Schlagworte Albert Speer | Götz Aly | Die Linke | Zirkus | DDR
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