Interview Jesus, unser SündenbockSeite 6/6
Girard: Das weiß ich nicht. Ich sehe nur die Möglichkeit, gute Interpretationen des Christentums zu liefern. Wir müssen erkennen, was das Christentum von uns fordert und was es uns in gewisser Weise auch angetan hat: Es hat unsere Freiheit vergrößert. Die Freiheit, uns zu zerstören oder uns zu retten. Im Augenblick scheint mir, dass wir es vorziehen, uns zu zerstören. Aber den Monotheismus für unsere jetzige Lage verantwortlich zu machen – das ist ein Witz.
ZEIT : In Deutschland sind Sie, zum Beispiel von Botho Strauß, oft als jemand interpretiert worden, der uns das Heilige an der Gewalt vor Augen führt. Fühlen Sie sich missverstanden?
Girard: Das ist leider ziemlich oft passiert. Ich werde entweder als totaler Pazifist verstanden oder als ein Mann, der in die Gewalt verliebt ist. Ich bin nichts von beidem.
René Girard ist einer der bedeutendsten Religionsphilosophen der Gegenwart. 1923 in Avignon geboren, lebt und lehrt er seit 1947 in den USA, zuletzt als Professor für französische Sprache, Literatur und Kultur an der Universität Stanford. In der vergangenen Woche wurde er in die Academie Française gewählt. Girards Hauptthese lautet, dass sich die jüdisch-christliche Offenbarung elementar von archaischen Religionen unterscheidet, weil sie historisch zum ersten Mal die Gewalt kritisiert und das Blutopfer anprangert. Von René Girard erschien 2002 im Carl Hanser Verlag »Ich sah den Teufel vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums« (ZEIT Nr. 40/02). Eine vorzügliche Deutung seines Werks stammt von Wolfgang Palaver (»René Girards mimetische Theorie«; LIT-Verlag, Münster 2004; 456 S., 22,90 €).
Das Gespräch führte Thomas Assheuer
- Datum 23.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.03.2005 Nr.13
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