Du sollst dir kein Bild machen! Hüte dich vor Identifikation! Keine Einfühlung! Benutze deinen Verstand auch dann noch, wenn dich die Lust kitzelt, wenn dich der Schmerz packt! Thomas Kling hat sich immer gewehrt gegen Verstehens- und Verständigungskulte. Fremd und hell und plötzlich brach er über seine Hörer herein; ebenso seine Gedichte über den Leser. So mitreißend-heftig er liest, so wenig lässt er sein Publikum an sich heran. Ein Profi der Inszenierung, nicht der Selbstdarstellung. Ihn einzuladen für einen kultivierten Poesieabend mit unterhaltsamem Auftrittsevent kam manchen Impresario teuer zu stehen. Er wusste nachher nicht mehr, wo ihm der Kopf stand.

Auf dem Cover des jüngsten Buches ist Thomas Kling erstmals leibhaftig zu sehen. Seltsam genug. Ein sympathischer Mittvierziger steht auf einer fast mannshohen Säule vor altem Gemäuer und hält sich am Efeu fest. Vielleicht ist es auch eine Klematisranke. Wieso steht er da oben und sieht ein wenig ängstlich auf uns herunter? Oder ist eine Sprungbereitschaft darin? Eine Frage an uns? Oder verkündet er gleich etwas? Zum Beispiel etwas von den Sockeln, auf denen wir alle stehen? Sockeln aus Sprache, Landschaft, Geschichte und Bildern, die wir in uns tragen und die uns tragen?

Alles ist fern und fremd und kalt und geht unter die Haut

Die Flugdaten beginnen niederschmetternd und großartig. Statt auf Säulen zu künden, liegt im ersten großen Zyklus des Bandes, dem Gesang von der Bronchoskopie, ein Beobachter flach und voll verkabelt im High-Tech-Center einer Klinik, und statt bunter Weltdaten auf Unterhaltungsbildschirmen fließen Herzrhythmus- und Atemfre-quenzdaten über Monitore, fließen Nährlösungen und gut gemischte Gifte durch Schläuche.

Nun konkurrieren in Kling-Gedichten in der Regel die Erfahrungsdaten mit den Aufzeichnungstechniken, die sie vermitteln. Nichts ist unvermittelt da, alles geht durch die historisch geschichtete Zeit und die elaborierte Darstellungs- und Ausdrucksform hindurch. Etymologie, Geologie, Archäologie liefern die Basisverfahren der lyrischen Erkundungen; die neuen Medientechniken werden vorausgesetzt, nicht modernistisch vorgeschoben. Und so ist es auch bei der indirekten Beobachtung eines Eingriffs in die Atemorgane, deren "Gegenstand" der Betrachter selbst ist. Was dabei nicht gesagt wird, sind der Schmerz und die Angst, die überschwemmenden Kräfte, die jede differenzierte Wahrnehmung verhindern. Die strengen Exerzitien des Gedichts dienen im Gegenteil der Abkühlung dieses bohrenden Kerns, der kunstvollen Verspiegelung eines Leidens, das bei direktem Zugriff den Betrachter zerreißen würde. So liegt einer auf der Trage im Krankenhausflur, "unterm heimeligen stammheimdeckenmond". Alles ist fremd und fern und kalt und geht doch viel weiter als unter die Haut, in den Lungenschacht nämlich.

In Kling-Gedichten ist nicht viel von ICH die Rede, geschweige groß geschrieben wie manchmal die ersten Buchstaben GOttes. Doch dann haben wir eins, in der vierzehnten von sechzehn Strophen des langen ersten Gedichts, der Arnikabläue: "Jetzt ist es. jetzt werd ich: / zum schacht, zum lungen- / schacht wird ich." Man kann den ersten Satz mit einem "so weit" ergänzen. Dann wäre es so weit. Doch vor allem steht hier ein sächliches Personalpronomen im Zentrum. Das ist entscheidend. Denn in der nächsten Zeile wird die Grammatik gekrümmt, um das Schluss-ich sachlich-anonym werden zu lassen. Ich geschieht sozusagen, und zwar so: "Lungenschacht wird ich".

Die sprachliche Nachbildung einer vom Verstehen ungeglätteten, also immer psychisch und technisch verzerrten Wahrnehmung macht die Kling-Gedichte so intensiv. Dass man nicht "in sie hineinkommt", wie es manche Leser gerne hätten, ist ihr Gesetz; sie tauschen dauernd das Innere mit dem Außen, um eben diese Penetration des Verstehens zu verhindern. Hier im Falle einer schmerzhaften Lungenpenetration. Sie vermeiden die direkte Gefühlsbekundung. Doch ist sie spürbar in dem, was nicht konventionell subjektiv hingelitten und -gesagt wird. Manchmal ist es aber auch umgekehrt: Die Empfindung sagt sich in schlagwortartiger Überdirektheit und Lakonie: "frantic" heißt es wiederholt am Strophenende – frantic. Auch dieser coole Anglizismus ist ein wirkungsstarker Kälteschutz.

Der neue Kling-Band beginnt also mit einer fulminanten Reihe von K-Gedichten. K wie Krankenhaus und Krieg, der in ihm herrscht; wie Körper und Konkretion, die ihn zum Datum macht, wie Kälte und Kunst, die jedes Wehleid einfrieren in Wort und Bild. Deshalb tun sie weh, diese Aufzeichnungen eines Apparat und System gewordenen Schmerzes.