Tiere sind Genies der Wahrnehmung. Sie hören, riechen oder sehen nicht nur besser als wir, sie beobachten auch genauer. Die verwunderten oder gerührten Anekdoten von dem Hund, der von der drohenden Abreise seines Herrchens schon weiß, ehe dieser überhaupt die Koffer packt, beruhen auf keinem Mysterium der Einfühlung oder gar einem sechsten Sinn der Tiere, sondern allein auf ihrer Beobachtungsgabe.

Hunde erkennen kleine und kleinste Abweichungen von unserem Alltagsverhalten, den beschleunigten Schritt durch die Wohnung, eine gehetzte Färbung der Stimme, und vergleichen diese Abweichung augenblicks mit früher beobachteten Abweichungen, zum Beispiel solchen, die zu einer Abwesenheit des Herrchens führten. Darum liegt mein junger Boxer Cato jetzt auf dem Sofa im Ankleidezimmer und legt eine Pfote auf den Rucksack, den ich dort zu packen pflege. Er wälzt sich auf den Rücken, wenn ich vorbeikomme, zum Zeichen loyaler Unterwerfung, und streckt eine Pfote nach mir aus, damit ich mich ihm zuwende und ihn nicht vergesse. In seinem Verhalten liegt, nach meinem menschlichen Verständnis, eine sanfte Resignation, sanft und flach liegen auch seine Ohren am Kopf an.

Denn nicht nur der Hund beobachtet mich, auch ich versuche den Hund zu beobachten. Ich weiß, dass seine Schlappohren, wenn er damit rechnete, auf die Reise mitzukommen, einen straffen, energischen Zentimeter weit vom Kopf abstehen würden. Er würde in diesem Fall auch nicht auf dem Sofa liegen, sondern aufgeregt und geschäftig durch die Wohnung eilen, um an dem Abreisefieber teilzuhaben, und vielleicht das eine oder andere Lieblingskissen zum Einpacken vorschlagen. Woraus er allerdings schlösse, dass er auf eine Reise mitkommt, weiß ich nicht; denn dazu müsste ich mich besser beobachten, als der Hund mich beobachtet, und das ist schlechterdings unmöglich.

Hunde sind Gewohnheitstiere. Sie versuchen sich mit einer ganz anderen Konzentriertheit als wir, mit geradezu existenziellem Ernst vor Überraschungen zu schützen, und die bedrohlichsten Überraschungen gehen für sie nun einmal von uns aus. Sie sind uns Menschen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, Jahrtausende der Züchtung haben noch an der Bestärkung dieses Abhängigkeitsverhaltens gearbeitet. Mit Ausnahme des Terriers vielleicht, der auf eigene Faust Ratten und Marder jagen sollte und deshalb noch heute schwer kontrollierbar ist, durfte keine Hunderasse zum selbstständigen Handeln neigen, schon gar nicht zur Selbstversorgung (also etwa zum Wildern).

Die Zucht hat sich dabei das natürliche Rudelverhalten des Hundes zunutze gemacht, das heißt seine Fähigkeit, sich in bestehende Sozialsysteme einzusortieren und den Menschen als Chef zu akzeptieren. In ihrem Ergebnis ist die Zucht allerdings weit darüber hinausgelangt, nämlich bis zur Bereitschaft des Hundes, sich an die persönlichen, schon nicht mehr hundegerechten Eigenheiten des Menschenchefs anzupassen und ihm Wünsche gleichsam an den Lippen abzulesen (oder umgekehrt die eigenen Wünsche nahezulegen). Nirgendwo ist diese "Vermenschlichung", die eigentlich eine Menschenanpassungsneigung ist, weiter fortgeschritten als bei den Doggen, zu denen auch der Boxer gehört. Die Doggen, die weder jagen noch Herden hüten noch Haus und Hof beschützen sollen, sind seit alters ausschließlich für den Menschen da, zu seinem Schutz und seiner Begleitung.

Das aber heißt, dass Hunde, auch wenn man sich ihr Rudelverhalten zunutze machte, keine reinen Naturwesen mehr sind. In ihrem Verhalten steckt schon der Mensch, durch seine züchterische wie seine erzieherische Anstrengung. Die säuberliche Unterscheidung, die der Philosoph Giambattista Vico im 18. Jahrhundert als Grundlage aller Erkenntnistheorie vorgeschlagen hat, nämlich zwischen Dingen, die von Natur aus da sind (ein Tier), und solchen, die vom Menschen geschaffen wurden (ein Haus), wird im Falle eines Haus-Tiers hinfällig. Im Hund kommt sich der Mensch auch immer selbst entgegen. Daraus entsteht das Rätsel seines Verhaltens: dass wir im aktuellen Fall nicht ahnen, wie und wie weit sich der Hund auf uns eingestellt hat. Deshalb weiß ich nicht, ob Cato mir beim Kofferpacken das Lieblingskissen bringt, weil er beobachtet hat, dass zum Abreisen das Zusammentragen von geschätzten Gegenständen gehört, oder ob er nur von der allgemeinen Aufbruchsenergie profitieren und mit dem Kissen ein Spielchen anfangen will.

Vielleicht liegt darin das Zaudern der klassischen Verhaltensforschung vor den Haustieren begründet: dass sich der Forscher dabei selbst beobachten müsste. Er hat es nicht mehr mit der Natur allein zu tun. Denn selbst wenn im Umgang mit Hunden klüglich davon auszugehen ist, dass sie uns als eine Art Überhund (hoffentlich nicht als Unterhund) sehen, so sehen sie uns doch nicht mit der gleichen Fremdheit an wie ihr Urvater, der Wolf. Aber mit welchen Augen sehen sie uns dann an? Wenn Cato mir im Überschwang der Begrüßung mitten auf den Mund schleckt, dann zeigt er das reine Unterwerfungsverhalten des Hundes gegenüber dem Ranghöheren. Wenn er mir mit den Pfoten auf die Schulter steigt und das Haar von oben beleckt (um die Wahrheit zu sagen: sorgfältig shampooniert), dann kippt der Respekt schon in ein Dominanzverhalten. Endgültig den rangniederen Platz hat er mir zugewiesen, wenn er sich neben meine Gefährtin auf den Beifahrersitz des Roadsters platziert und mir den Fußraum davor zuweist.

Woher aber kennt ein Hund die Hierarchie in einem Zweisitzer? Die hat er augenscheinlich seiner Menschenbeobachtung entnommen und in die Praxis umsetzen können. Die Chefin sitzt immer am Steuer. Von solcher Art sind die komplizierten Überlagerungen zwischen ursprünglich hündischem und menschenkopierendem Verhalten. Man kann einem Hund allerlei beibringen, damit er uns zu Willen ist. Folgenreicher ist aber das Verhalten, das er sich selbst beibringt, damit wir ihm zu Willen sind. Wenn Cato morgens die Hose ans Bett bringt, die ich anziehen soll, dann will er mir weder einen Gefallen tun noch eine modische Beratung zuteil werden lassen. Er möchte, dass ich mit ihm Gassi gehe, und weiß, dass es ohne die Hose niemals dazu kommt. Mit einer Formulierung, die der Wahrheit am nächsten kommt: Nicht nur wir erziehen den Hund, er erzieht auch uns.