KinoDie Welt ist eine Boxhalle

In seinem Oscar-prämierten Film "Million Dollar Baby" holt Clint Eastwood zum großen Schlag aus von 

Seit vier Jahrzehnten schreitet er durch das amerikanische Kino, als Dirty Harry, Bronco Billy oder Fremder ohne Namen. Eastwood, der wölfische Einzelgänger mit zusammengekniffenen Augen und durchgedrücktem Kreuz. Der Mann, der als Kopfgeldjäger und Cop mit der 44er Magnum zu unser aller Aufräumer-Fantasie wurde. Eastwood, der in in ein Sandwich beißt und zwischen exakt fünf Kaubewegungen einen halben Straßenzug samt Bankräubern in Schutt und Asche legt. Und der noch vor drei Jahren in zeigte, dass er immer eine kleine Pumpgun im Kofferraum hat, da, wo bei anderen die Einkaufstüten neben dem Reserverad liegen:

Im kollektiven Kinogedächtnis wird Clint Eastwood für immer der große Zyniker bleiben, der es all den kleinen bösen Wichten gezeigt hat. Das ist seine Tragik, aber auch seine Größe. Schließlich gehört die raue Fassade zur klugen Selbstinszenierung eines Dialektikers. In seinen eigenen Filmen arbeitete der Regisseur Clint Eastwood von Anfang an daran, das Image des Schauspielers Clint Eastwood im Kugelhagel des Lebens zu härten – und zu verflüssigen.

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Auf die eine oder andere Art sind alle seine Filme amerikanische Passionsgeschichten. Ob er einen geläuterten Revolverhelden spielt (Erbarmungslos), einen an der Polizeigewalt zweifelnden Sheriff (A Perfect World) oder als abgefuckter Polizeireporter gegen die Todesstrafe kämpft (True Crime) , stets haben seine Figuren einen leidvollen Entwicklungsroman hinter sich, der nicht erzählt werden muss, weil ihnen die wichtigste Prüfung sowieso noch bevorsteht. Doch nie ist Eastwood dabei so weit gegangen, nie hat er einem Helden so viel aufgebürdet wie in seinem Oscar-Gewinner Million Dollar Baby .

Mit der ganzen Wut des Underdogs prallt Maggie gegen die Kamera

Schon der billig blinkende Titel verweist mit milder Ironie auf die amerikanischen Sportfilme und Rocky-Geschichten, in denen sich ein Underdog den Aufsteigertraum zurechtboxt. Million Dollar Baby beginnt mit der alten amerikanischen Helden-Geschichte. Als spätes Boxtalent Maggie Fitzgerald verkörpert Hillary Swank den eisenharten Kampfgeist einer White-Trash-Frau, die es mit über dreißig doch noch auf die Titelseiten schaffen will. Es sind nicht die verbissenen Punch- und Trainingsszenen, die vermitteln, was für ein Wille hier am Werk ist. Es ist die Szene, in der man sieht, wie sich Maggie abends, nach dem armseligen Kellnerinnen-Job, die Fleischreste von den Tellern der Gäste aufwärmt.

Dass sie sich ausgerechnet den stoischen Frankie Dunn als Trainer auserkoren hat, führt zu einer jener wunderbaren Seelenverwandtschaften, für die Eastwood schon immer ein Händchen hatte. Maggie braucht Frankie, weil sie einen väterlichen Mentor sucht, der an sie glaubt. Frankie braucht Maggie, weil seine wirkliche Tochter seit Jahren alle seine Briefe ungeöffnet zurückgehen lässt. Beide brauchen einander, weil die Welt eine zugige Boxhalle ist. Sie brauchen sich so sehr, dass es kaum auszuhalten ist.

Man muss sich anschauen, wie Eastwood, der am Anfang kaum die Zähne auseinander kriegt, mit statuarischer Zurückhaltung durch diesen Film wandelt. Wie sein Gesicht, das im scharfen Schattenriss manchmal nur noch Schädel ist, aus der Dunkelheit hervortritt. Eine Skulptur der Härte, ein Panzer gegen die Affekte. Zu Beginn von Million Dollar Baby taucht seine Gestalt wie aus einer verschatteten Erinnerungslandschaft auf. Sie ist ganz gegenwärtig und doch schon Kinomythos, Teil einer Geschichte, die Morgan Freeman mit gelassener Schicksalsstimme erzählt. Die Boxhalle scheint eine Art Endbahnhof, betrieben von zwei Freunden, die vom Leben nicht mehr viel erwarten. Eastwood, der Boss, und Freeman, der Hausmeister, liefern sich knickerige Diskussionen über das beste Putzmittel und die Philosophie des Sockenlochs. Ihre Dialoge sind purer Jazz. Im coolen Groove vertrauen sie auf den Einsatz des anderen, routiniert und eingespielt im ewig gleichen Rhythmus. Mit Maggie kommt ein anderer Drive ins Spiel. Aggressiver, schneller, härter.

Million Dollar Baby ist ein wunderbar musikalischer Film, weil sich Figuren, Licht und Dialoge zu einer ruhig voranschreitenden, epischen Erzählung verbinden. Weil seine seltsam komplizierte Konstruktion – drei Akte, zwei Teile – den Eindruck der allergrößten Schlichtheit erweckt. Und weil Eastwood jeden Wechsel der Tonlage meisterhaft instrumentiert: die grell ausgeleuchteten Kampfszenen, in denen Maggie ihre Gegnerinnen sekundenschnell k. o. boxt, in denen sie wie ein angespanntes Raubtier aus der Ring-Ecke schießt und mit der ganzen Wut des Underdogs gegen die Kamera prallt. Dann die Gespräche zwischen Maggie und Frankie im Auto, in der Kabine oder beim Essen. Kurze Momente einer großen Zuneigung, getragen von Nähe und unzerstörbarer Loyalität.

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  • Schlagworte Clint Eastwood | Film | Baby | Dollar | USA
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