Island Das erlesene Land
Wie aufregend Island ist, lernten Generationen aus dem Kinderbuch »Nonni«. Es verspricht nicht zu viel
Das Haus mit den weißen Fensterrahmen und den schwarzen Planken, in dem der isländische Jesuitenpater und Schriftsteller Jón Svensson bis 1870 gelebt hat, ist kaum mehr als eine Hütte. Um ins Dachgeschoss zu gelangen, muss man sich über eine Leiter durch die Luke nach oben winden, wo Jón, den alle nur Nonni nannten, mit seiner Schwester Bogga, seinem Bruder Manni und seinen Eltern in winzigen Zimmern gelebt hat. An kaum einer Stelle kann man aufrecht stehen, und die Schlafkojen sind so gebaut, dass man sie tagsüber zusammenschieben und gebückt ans Fenster treten kann.
»Als ich aufwachte, lag auf der Bettdecke vor meinem Mund ein kleines, schneeweißes Kissen von leuchtenden Kristallen. Mein Atem hatte sich des Nachts, als ich schlief, an der Bettdecke festgesetzt und war zu Eis gefroren. Mir fiel auf, dass das Licht ungewöhnlich weiß war. Ich sprang auf und lief ans Fenster. Da hatte ich einen wundervollen Anblick. Der ganze Fjord war mit Eisbergen bedeckt, die nachts in aller Stille hineingetrieben waren. Es wehte kein Wind mehr. Die Eisberge lagen ruhig und friedlich gerade vor unserem Haus.«
So berichtet Jón Svensson in seinem Buch Nonni . Die Erinnerungen an seine isländische Kindheit gehörten zu meinen Lieblingsbüchern, und nicht nur zu meinen. Sie wurden in zwanzig Sprachen übersetzt, sogar ins Japanische, und in einigen Millionen Exemplaren verbreitet. Eine lange Zeit, die von den zwanziger bis zu den sechziger Jahren reichte, war er der bekannteste Isländer. Seine Geschichten vom Forellenfischen, vom Kampf mit den Eisbären, vom gefahrvollen Ritt auf Islandpferden durch eiskalte Wildwasser, vom gerade noch abgewendeten Erfrierenstod im Schneesturm – all diese wunderbar erzählten Abenteuer haben das Islandbild einiger Generationen geprägt. Es ist mehr als hundert Jahre alt.
Das Nest, in dem Nonni aufwuchs, ist heute ein Villenviertel
Das schwarze Holzhaus in Akureyri beherbergt jetzt das Nonni-Museum. Brynhildur Pétursdóttir, die Leiterin, sagt, sie habe schon seit vielen Jahren kein Treibeis mehr im Eyjafjördur gesehen, geschweige denn Eisberge. Der Fjord, im hohen Norden gelegen, zieht sich 80 Kilometer ins Land hinein. Heute, an diesem relativ milden Wintertag, leuchtet die Sonne über die sanft gewellte Senke, an deren östlichem Rand sich die blauen Wasser entlangziehen, während am Westrand die kleine Hafenstadt liegt, eingebettet in von goldenem Wintergras bedeckte Hügel. In der Ferne schneeweiße Gipfel, zu denen Skilifte hochführen. Am Stadtrand breiten sich moderne Einkaufszentren aus, und vor ihnen stehen keine isländischen Pferde, sondern japanische Geländewagen.
Akureyri muss zu Nonnis Zeiten ein ärmliches Nest gewesen sein, gekrönt von ein paar wenigen immerhin ansehnlichen dänischen Kaufmannshäusern. Der Vater war Sekretär des Bezirksamtmannes in Mödruvellir, ein Stück weiter im Norden. Dort wurde Nonni 1857 geboren, in einem winzigen Schuppen, der nicht anders als feucht und kalt gewesen sein kann. Drei von Nonnis älteren Geschwistern starben dort. Der Umzug in das schwarze Häuschen am Fjord war ein Aufstieg. Heute steht es in der zweiten Reihe, und dahinter, oben auf dem Hügel, breitet sich ein neues Villenviertel aus mit Kindergarten und Schule.
Es war am 31. Juli 1870, an diesen Tag erinnert sich Jón Svensson genau, als ihn seine Mutter zu sich rief. Mit schlechtem Gewissen – er fürchtet eine Strafe für zurückliegende, von ihm schon fast vergessene Streiche – kommt er zu ihr und spürt sofort, dass etwas Dramatisches ansteht. Ob er Lust habe, ernsthaft etwas zu lernen, auf ein Gymnasium zu gehen? »Nun bekam ich Herzklopfen. Aber wirklich, im Ernst. Studieren! An eine höhere Schule gehen! Aber es gab nur eine höhere Schule auf ganz Island; das war in Reykjavik. Reykjavik lag aber auf der anderen Seite der Insel, in einer Entfernung von mehreren hundert Kilometern. Sollte es wirklich so sein, dass ich so weit fortgeschickt würde? Ich war so betroffen, dass ich nichts zu sagen wusste.«
Seltsames Gefühl – mit einem Schritt von Europa nach Amerika
- Datum 23.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.03.2005 Nr.13
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