Buch im Gespräch »So ist Krieg, deshalb darf Krieg nicht sein«

Renate Meinhof: Das Tagebuch der Maria Meinhof

Tagebüchern haftet etwas Intimes an. Meist werden sie von Menschen geschrieben, die ihr Erlebtes für sich selbst festhalten wollen und vielleicht auch verarbeiten. Als aber im Frühling 1945 die Flüchtlingstrecks durch das Dorf Ducherow, sechzig Kilometer nordwestlich von Stettin, ziehen, als versprengte deutsche Soldaten auf der Flucht vor den anrückenden Russen Unterschlupf suchen, greift die Pfarrersfrau Maria Meinhof zum Federhalter und beginnt »Mutti’s Tagebuch in schwerer Zeit«. Für ihre sechs Söhne, die in den Krieg gezogen sind, schildert sie in alter deutscher Schrift und alltäglichem Ton das tägliche Leben, das wahrlich kein Alltag ist. Zeile um Zeile wächst Marias Chronik zum Kern einer beeindruckenden Schrift gegen den Krieg.

Dramatische Filme und Fotos suggerieren, Krieg bedeute tote Soldaten und rollende Panzer, stürmende Infanterie, ratternde Maschinengewehre und jaulende Bomber. Die Frontberichterstatter finden ihren Weg nicht in die Dörfer, suchen ihn vielleicht auch nicht. Denn dort gedeiht kein Ruhm. Aber ob damals in Europa oder heute im Irak, im Kongo und in Darfur: die wahren Gräuel des Krieges finden in den Hütten statt. Keiner filmt es, niemand drückt auf den Auslöser. Aber Maria schreibt es.

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Zu Beginn des Jahres 1945 kommen aus dem Osten Flüchtlinge durch Ducherow, die sich gerade noch retten konnten, »bis auf einen lieben 10-jährigen Sohn, der ertrank«. Maria Meinhof erzählt nüchtern, es würde zu weit führen, all die tragischen Schicksale aufzuführen. Sie lässt keine großen Gefühle, keinen Schmerz und erst recht keinen Hass aufkommen. Ein deutscher Soldat erschießt zwei polnische Zwangsarbeiter, der Ortsgruppenleiter lässt den Lebensmittelhändler Winkelmann als »Volksschädling« aufhängen.

Dann kommen Soldaten aus Russland. Einer schenkt den Kindern Kekse, ein anderer setzt sich ans Klavier. Aber immer wieder ruft einer in den Keller hinunter, wo sich die Pfarrersfrau mit ihren Schützlingen versteckt: »20 Russen oben, 5 Frauen kommen mit.« Und sie sind grobschlächtig, als wollten sie »in jeder Frau Hitler bezwingen«. Entweder gehen die Frauen mit, Frau Rieske, Anna, Grete Schumacher … oder sie nehmen ihre Kinder und stürzen sich in den Bauernpfuhl. In einer Nacht ertranken acht, sechs erhängten sich. Das geht bis in den Mai, da fand »man Körper wie Fallobst unter den Bäumen der Allee«.

Von den sechs Söhnen der Maria Meinhof kehren drei zurück. Und nur einer hat die Handschrift, bald ein halbes Jahrhundert später, entziffert, als Marias Enkelin Renate Meinhof das Tagebuch auf dem Speicher des Pfarrhauses von Putbus findet. Nun schreibt Renate Meinhof als Journalistin für die renommierte »Seite drei« der Süddeutschen Zeitung, nach drei Jahren als Redakteurin bei den Tagesthemen. Und da die Großmutter meist nur andeutet, was den Frauen widerfuhr, geht die Enkelin den Spuren nach, findet Überlebende und liest in deren Erinnerungen.

Heute noch fragen sich die Frauen aus Ducherow, was wohl ihre Brüder in Russland angestellt haben, dass »die so über uns herfielen«. Mit außerordentlichem Feingefühl und ungewöhnlichem literarischem Talent fügt Renate Meinhof dem Tagebuch weitere Szenen hinzu, führt uns vom Kriegsende in die Gegenwart und erzählt, wie so manch eine ihr Leben bis heute ertrug. Und immer wieder begegnet Renate Meinhof der Satz: »So ist Krieg, deshalb darf Krieg nicht sein.«

Diese Spurensuche enthüllt die bisher in einem Tabu versteckten Wurzeln, weshalb sich zwischen DDR-Bürgern und Sowjetsoldaten nie Freundschaft entwickeln konnte. Aber sie erklärt auch den Aufbruch im Westen, als junge Menschen plötzlich nach der Nazivergangenheit ihrer Väter fragen. Denn der Gauleiter und seine Richter, die den Lebensmittelhändler erhängten, kamen in der Bundesrepublik gut davon.

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