Kriegsgeschichte Genau hingesehen

Deutschland 1945: Die unbestechlichen Reportagen des Kriegs-Korrespondenten Osmar White

Das ist nun wahrlich bester britischer Reporter-Stil: unsentimental, aber nicht lakonisch; sehr genau beobachtend, aber nicht durch ein Vorurteilsmonokel; eigene Überlegungen und Analysen dem Augenscheinlichen nicht hintanstellend. An Berichten über den Zweiten Weltkrieg mangelt es ja nicht, auch nicht an Schilderungen der waffenstarrend-siegreich sich vorankämpfenden britischen und amerikanischen Armee – von Klaus Manns Reportagen bis zu Stefan Heyms Roman Doch diese knappe Darstellung des Vormarschs im »Feindesland« in einer Art Wochenschautechnik ist ungewöhnlich.

Dieser Journalist in englischer Uniform – doch keineswegs »embedded« – gibt zuerst einmal Bilder: die verkohlte Leiche, die aus dem Geschützturm eines abgeschossenen Panzers hängt; das Stuckdecken- und Eichenmöbel-Domizil des unpolitischen rheinischen Zahnarztes, Goethe- und Schiller-Ausgaben hinter den Bleiglasscheiben des Bücherschranks – aber auf dem Dachboden versteckt er seine NSDAP-Erinnerungsstücke; das peinlich-bettelnde Gewinsel derer, die alle von nichts gewusst, doch bis zum unseligen Ende mitgemacht hatten. »Nach dem Scheitern der Gegenoffensive in den Ardennen im Dezember befand sich Deutschland militärisch in einer aussichtslosen Lage. Aber der Widerstand hielt an, weil die deutschen Soldaten und das deutsche Volk, so erschöpft sie auch sein mochten, sich klaglos der Zuchtrute des Polizeistaates beugten.«

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Osmar White schneidet seine Bilder hart gegeneinander. Eben noch jenes Grauen des Krieges, der nur verkohlte Trümmer, Pferdekadaver und Überreste von Menschen produziert – »Blut hatte die Pfützen rot gefärbt. Ein überfahrener Leichnam lag mitten auf der Straße, und ein Panzer nach dem anderen rollte darüber hinweg« – und gleich darauf schärfste Kritik am legendenumwobenen General Patton und seiner Besessenheit, möglichst viele Leichen dem Konto seiner speziellen Kriegsführung zuschreiben zu können. White zögert nicht zu sagen, »Ich verabscheue Patton« – und »Schlächterei« zu nennen, was diese Apocalypse now- Kriegstechnik anrichtet: »Ein zwanzigjähriger Kampfpilot, das Gesicht von vielen Einsätzen gezeichnet, sagte: ›Es war wie die Jagd auf Ratten. Ja, Rattenjagd. Du stöberst sie auf. Du holst aus. Du schlägst auf das Ungeziefer drauf. Du tötest es.‹ Achtzehn Stunden später passierte ich einen Straßenabschnitt, wo die Mustangs ausgeholt, draufgeschlagen und getötet hatten. Über Telefondrähten neben der Straße hingen menschliche Eingeweide.«

Das ist, was den Rang dieses Buches ausmacht: Whites vollkommene Unbestechlichkeit des Urteils. Insofern ist er eben doch kein »Kameraauge«, sondern ein nach den Spuren von Recht, Ungerechtigkeit, Unterwürfigkeit und Größenwahn suchender Schriftsteller. Er ist ebenso angewidert von jenen, »die einst aus Hitler einen Gott und aus seinen Worten eine Religion gemacht und ihn nun verleugneten«, wie von der Brutalität, mit der die Sudetendeutschen – deren fahlen Zug ins Elend er beobachtete – vertrieben wurden. Er kann und will den würgenden Ekel nicht verbergen, die eigene Fassungslosigkeit, als er als einer der ersten Korrespondenten das KZ Buchenwald – man muss wohl sagen: erlebt; aber er mag auch nicht verhehlen, dass es marodierende, stehlende, vergewaltigende US-Soldaten gab; er hat auch die karikierende Fähigkeit des Hohns, wenn er die in unendlich verzweigten Stollen und Verliesen versteckten Fafner-Schätze der Nazibande mit aufspürt, sinnlos gewordene Tonnen von Gold, Millionen Dollar in Währungen aller Herren Länder und riesige Kisten voller Dürer, Manet, Raphael, Tizian: ein Stollen-Museum der Verbrecher, die ihm in Irrwisch-Manier ein Göring-»Kurator« mit kriminellem Stolz vorführt – »Ist es nicht wundervoll«, schleimt er zu Rubens’ Kreuzigungsszene, oder »sehr amüsant« zu Bouchers erotischen Meisterwerken, die das Genie für das Schlafzimmer der Madame Pompadour gemalt hatte. Allein diese Passage ist ein Hexen-Ballett, ein Einakter, der die Zierrat-Brunst der Henker und Mörder ins Absurde steigert.

Niemals, wie heikel das Problem auch sein mag, nimmt White ein Blatt vor den Mund – ob er einen rachsüchtigen GI, der einen zehnjährigen »kleinen Nazi« am liebsten umbringen würde, in ein Gespräch des Zweifelns und Zauderns verwickelt, oder ob er die britische wie amerikanische Entnazifizierungs-Kampagne als zumeist lügenverbogene Farce kritisiert. So verwundert es nicht, dass man diesem »besten Kriegsreporter des Zweiten Weltkriegs« – wie ihn ein Kollege nannte – das Blatt vor den Mund kleben wollte: das Buch, in Großbritannien und den USA 1946 zur Publikation angekündigt, wurde von der Zensur verboten. Osmar White hatte zu genau hingesehen, zu differenziert geurteilt und die Enthumanisierung, die jeder Krieg bewirkt, zu scharf gezeichnet; warnend auch:

»Eine Frau zupfte an meinem Jackenärmel, deutete auf ihren Mund und stieß hervor: ›Essen, essen!‹ Ich fragte mich, ob sie, nur weil sie Deutsche war, weniger Mitleid verdiente als die wandelnden Skelette am Fuß des Hügels in Buchenwald. Da begriff ich, daß der Krieg mit der Vernichtung und Zerschlagung von Hitler-Deutschland nicht geendet hatte. Es lauerten noch andere Ungeheuer in anderen Höhlen.«

Die Straße des SiegersPolitisches BuchEine Reportage aus Deutschland 1945; aus dem Englischen von Ursel SchäferOsmar WhiteBuchPiper Verlag2005München/Zürich14294
 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 23.03.2005 Nr.13
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  • Schlagworte Buchenwald | Großbritannien | USA
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