Ostern
Die starke Frau am Grab
Spekulationen über Spekulationen: Maria Magdalena musste seit je für allerlei Männerängste und -fantasien herhalten. Jetzt soll sie sogar ein Kind von Jesus gehabt haben. Aber nur im Thriller
Index und Zensur – die vormaligen Instrumente römisch-katholischer Glaubenskontrolle – sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Schon über 25 Millionen Mal wurde Dan Browns Thriller mit dem deutschen Titel verkauft, bevor nun aus dem Vatikan ein Widerwort kam – und selbst das war nur eine persönliche Meinungsäußerung des Kardinals Tarcisio Bertone: »Lest und kauft dieses Buch nicht.«
In diesem Krimi geht es, kurz gefasst, um ein angebliches Geheimnis, das die römische Kirche ebenso angeblich mit Mord und Totschlag gegen jede Aufdeckung verteidigt: Jesus von Nazareth hatte sehr angeblich mit Maria Magdalena nicht nur ein Verhältnis, sondern auch ein Kind. Recht spannend ist der Schmöcker schon – historisch aber offenkundig ein rechter Schmarren. Wer diese Geschichte glaubt, glaubt wahrscheinlich auch an die heilsame Wirkung von Index und Zensur oder zählt gar zu jenen Millionen von Amerikanern, die Johanna von Orleans – ungelogen! – für die Ehefrau von Noah halten, nur weil die englische Version ihres Namens, Joan of Arc, deutlich an die Arche ihres vermeintlichen Gemahls erinnert. Dan Browns Sakrileg mag für amtskirchliche Beobachter auch deshalb ein wenig ärgerlich sein, weil es in der gehobenen Klatschpresse Schlagzeilen produziert wie »Die Frau an seiner Seite« oder »Jesus war auch nur ein Mann«. Indes ein Skandal ist dieses Sakrileg – oder ein Sakrileg dieser Skandal, weil er die erste Osterzeugin des neuen Testaments in ein schiefes, anzügliches Licht rückt. Und wahrscheinlich hat deshalb auch Kardinal Bertone rechtzeitig zur Osterwoche seine Bannworte ausgestoßen.
Wer aber war Maria Magdalena wirklich? Dass sie eine starke Frau war, ist leicht zu erkennen, aber alles Übrige schwierig zu erheben, weil sämtliche Evangelien und nichtkanonischen Texte, in denen ihr Name vorkommt, Bekenntnistexte sind und nicht etwa historische Dokumente, nicht einmal im Sinne antiker Geschichtsschreibung. Zudem stammt keiner dieser Texte von einem Augenzeugen aus der Zeit Jesu, sondern alle wurden sie von Glaubenszeugen verfasst. Was man von Jesus von Nazareth historisch gesichert sagen kann, passt auf ein, zwei Buchseiten; für alle anderen Nebenfiguren braucht man noch weniger Platz. Das schafft viel Raum für Fantasie und Spekulation – auch für Kunst und Literatur.
Der berühmteste Titel, Maria Magdalene von Friedrich Hebbel, hat mit der biblischen Person gar nichts mehr zu tun. Die Hauptfigur dieses »bürgerlichen Trauerspiels« sollte ursprünglich Klara heißen. Auch die Umsetzung des Stoffes durch Franz Xaver Kroetz in ein kleinbürgerliches Augsburger Milieu bleibt ganz unfromm. Anders Luise Rinser, die in ihrem Roman Mirjam 1983 eine unbeholfen schlichte Heiligenlegende flocht und dafür von Franz Alt in der ZEIT sehr gelobt wurde. In der christlichen Kunst entstanden ungezählte Gemälde, ihr Sujet oft als fromme Büßerin darstellend. Das 19. Jahrhundert verwandelte Maria Magdalena im Vorgriff auf Dan Brown und im Rückgriff auf den frauenfeindlichen Sexismus des Mittelalters in eine Femme fatale oder Kurtisane – was sich bis in Emil Noldes Christus und die Ehebrecherin fortsetzt oder in Picassos Die weinende Frau.
Das gemeinsame Problem dieser traditionellen Rezeptionsgeschichte liegt freilich darin, dass in diesen Wahrnehmungen seit Gregor dem Großen (um 540 bis 604 nach Christus) mehrere Frauenbilder des Neuen Testaments übereinander geblendet – und dann, je nach Interessenlage, mit eigenen Vorstellungen aufgeladen werden. Geht man historisch-kritisch an die Texte heran, so kann man nicht mehr drei Frauen zu einem »Gesamtkunstwerk« legieren. Dann ist Maria Magdalene eben nicht identisch mit der Maria von Bethanien (bekannt aus dem Schwesterpaar Maria und Martha) und schon gar nicht mit der namenlosen »großen Sünderin« aus dem Lukasevangelium.
Maria Magdalena heißt eigentlich – und richtig: Maria von Magdala. Sie stammt also aus Magdala, einem Fischerdorf am See Genezareth. Sie war vermutlich wohlhabend und offenbar unverheiratet. Man könnte auch sagen: für ihre Zeit sehr emanzipiert, was in der späteren, männlich dominierten Leseweise natürlich Verdacht und Lüsternheit wecken konnte. Sie ist die einzige Frau im Neuen Testament, die nicht abgeleitet aus einer Familienbeziehung eingeführt wird. Immerhin war sie relativ weit gereist – das erklärt die Hinzufügung ihres Heimatortes zum Namen, wie bei Jesus von Nazareth. Eine Prostituierte wäre nie so prominent beim Namen genannt worden. Dass sie nebst den zwölf Jüngern zu den Anhängerinnen Jesu gezählt wird, hat zunächst – wie bei den Männern auch – Überzeugungsgründe, gefördert durch eine vorausgegangene Heilungsgeschichte.
In einer Reihe von apokryphen Evangelien und weiteren, zum Teil erst in der jüngsten Neuzeit wieder entdeckten nichtkanonischen Texten der frühchristlichen und gnostischen Periode wird Maria aus Magdala noch farbenkräftiger gezeichnet, was nun wiederum die feministische Theologie mit ihrem spezifischen Interpretationsinteresse neugierig gestimmt hat. Hatte die alte patriarchalische Theologie die Frauen um Jesus von Nazareth eher beiseite gedrängt, mit unterschwellig sinnlichem Interesse und antisinnlichen Ängsten, so betont die feministische Leseweise das Heiligengemäße und die selbstständige Rolle dieser Frau im Heilsgeschehen und misst dabei den Quellschriften ein größeres Gewicht zu, obwohl sie ansonsten im Prozess der Kanonisierung der Heiligen Schriften aus immer noch plausiblen Gründen ausgeschieden wurden. Dabei ergeben die »offiziellen« Texte des Neuen Testaments bei historisch-kritischer Lektüre bereits das Bild einer eindrucksvollen Persönlichkeit.
Man muss dazu die Texte nur, wie von ihrer ursprünglichen Intention dringend geboten, von Ostern her lesen. So gesehen kontrastiert das Bild dieser Frau deutlich mit dem Bild, das die Männer in den letzten Lebensstunden ihres Meisters abgeben. Judas verrät Jesus. Als Jesus beim letzten Mahl vom Verrat spricht, fragen alle Jünger: »Herr, bin ich’s?«, als sei jeder von ihnen des Verrats fähig. Petrus rühmt sich, er werde lieber sterben, als Jesus verleugnen – und alsbald kräht der Hahn. Und als Jesus im Garten Gethsemane unmittelbar vor seiner Verhaftung aufs Angesicht fällt und verzweifelt betet, hauen sich Petrus und die »zween Söhne Zebedäi« seelenruhig aufs Ohr und schlafen dreimal nacheinander ein.
Als nach Jesu Tod und Grablegung die Jünger zunächst den Bankrott aller ihrer Hoffnungen erleben, sind es die Frauen, an ihrer Spitze Maria von Magdala (bei Johannes ist es gar sie allein), die den Gang zum Grab eines von Staats und von Religionsobrigkeits wegen hingerichteten Aufrührers und Gotteslästerers wagen. So wird Maria von Magdala die erste Zeugin des leeren Grabes und der ersten Christophanie, der Erscheinung des Auferstandenen – und damit zur ersten Zeugin des eigentlichen christlichen Glaubens. Erst danach werden die Männer herbeigerufen.
Bevor man diesen Befund (früh-)feministisch überbewertet, sollte man freilich eine gewisse Vorsicht walten lassen. Zwar vermerkt Martin Luther hierzu: »Wenn das weibliche Geschlecht anfängt, die christliche Lehre aufzunehmen, dann ist es viel eifriger in Glaubensdingen als Männer … Magdalena war viel beherzter als Petrus.« Aber in jener Zeit galt das Zeugnis von Frauen und Kindern vor Gericht nicht viel. Es könnte ja sein, dass die Evangelisten die an sich unglaubliche Nachricht der Auferstehung eines Gekreuzigten von den Toten zunächst einmal Frauen in den Mund legten, auf deren Nachrichten man nicht gleich alles geben konnte, um so das Einsickern des Unerhörten gewissermaßen nach und nach vorzubereiten. Und selbst Maria von Magdala zeigt sich zunächst im höchsten Grade verwirrt. Folgt man dem Johannesevangelium, denkt sie angesichts des leeren Grabes zuerst an einen ruchlosen Leichenraub. Überzeugt davon, dass er der Einzige ist, der weiß, was gespielt wird, wendet sie sich an einen – wie sie vermutet – Gärtner: »Sage mir, wo du ihn hingelegt hast.« Erst als der ihr fremde Mann sie bei ihrem Namen anspricht, erkennt sie ihn: »Rabbuni! Meister!« In diesem Wiedererkennen, in dieser Glaubenserweckung durch das existenzielle Angesprochensein darf man durchaus ein frühes Stück existenzialer Theologie lesen.
Wie auch immer: In Maria von Magdala kann man wohl die Mutter des legitimierten Jesus-Glaubens erkennen, nicht aber die Mutter eines illegitimen Jesus-Sohnes. Und nach wie vor hat die Bibel immer noch eine höhere Auflage als Dan Browns Thriller.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.03.2005 Nr.13
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