Ostern Die starke Frau am GrabSeite 2/2
Als nach Jesu Tod und Grablegung die Jünger zunächst den Bankrott aller ihrer Hoffnungen erleben, sind es die Frauen, an ihrer Spitze Maria von Magdala (bei Johannes ist es gar sie allein), die den Gang zum Grab eines von Staats und von Religionsobrigkeits wegen hingerichteten Aufrührers und Gotteslästerers wagen. So wird Maria von Magdala die erste Zeugin des leeren Grabes und der ersten Christophanie, der Erscheinung des Auferstandenen – und damit zur ersten Zeugin des eigentlichen christlichen Glaubens. Erst danach werden die Männer herbeigerufen.
Bevor man diesen Befund (früh-)feministisch überbewertet, sollte man freilich eine gewisse Vorsicht walten lassen. Zwar vermerkt Martin Luther hierzu: »Wenn das weibliche Geschlecht anfängt, die christliche Lehre aufzunehmen, dann ist es viel eifriger in Glaubensdingen als Männer … Magdalena war viel beherzter als Petrus.« Aber in jener Zeit galt das Zeugnis von Frauen und Kindern vor Gericht nicht viel. Es könnte ja sein, dass die Evangelisten die an sich unglaubliche Nachricht der Auferstehung eines Gekreuzigten von den Toten zunächst einmal Frauen in den Mund legten, auf deren Nachrichten man nicht gleich alles geben konnte, um so das Einsickern des Unerhörten gewissermaßen nach und nach vorzubereiten. Und selbst Maria von Magdala zeigt sich zunächst im höchsten Grade verwirrt. Folgt man dem Johannesevangelium, denkt sie angesichts des leeren Grabes zuerst an einen ruchlosen Leichenraub. Überzeugt davon, dass er der Einzige ist, der weiß, was gespielt wird, wendet sie sich an einen – wie sie vermutet – Gärtner: »Sage mir, wo du ihn hingelegt hast.« Erst als der ihr fremde Mann sie bei ihrem Namen anspricht, erkennt sie ihn: »Rabbuni! Meister!« In diesem Wiedererkennen, in dieser Glaubenserweckung durch das existenzielle Angesprochensein darf man durchaus ein frühes Stück existenzialer Theologie lesen.
Wie auch immer: In Maria von Magdala kann man wohl die Mutter des legitimierten Jesus-Glaubens erkennen, nicht aber die Mutter eines illegitimen Jesus-Sohnes. Und nach wie vor hat die Bibel immer noch eine höhere Auflage als Dan Browns Thriller.
- Datum 23.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.03.2005 Nr.13
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