Meine Pappenheimer

Wolfram Siebeck über die geizigen Deutschen, die sich gutes Essen missgönnen – und damit auch das kleine Glück

Jetzt haben wir es amtlich. Eine große europaweite Untersuchung, die hat es an den Tag gebracht: Wir Deutschen sind geiziger als andere, unsere Genussfähigkeit entspricht ungefähr unserer Toleranz gegenüber Ausländern, und wo andere die Arbeit in der Küche preisen, verfluchen wir den damit verbundenen Zeitverlust. Wenn es in Herdnähe duftet, brutzelt und der kulinarische Genuss schon einen Fuß in der Tür hat, dann warnt der deutsche Familienvater (oder die deutsche Hausfrau) vor der Verschwendung wirtschaftlicher Rücklagen, die fehlen werden, wenn die Familie in den Urlaub nach Hiddensee fährt.

Aber ist es wirklich der furchtsame Blick auf die Arbeitslosenzahlen, der das Bekenntnis »Preis ist wichtiger als Qualität« zum Kredo der Schnäppchenjäger macht?

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Ich wage, Zweifel anzumelden. Der als geil gepriesene Geiz ist viel zu tief in unserer Volksseele verankert, als dass er auf eine temporäre, wirtschaftliche Schieflage zurückgeführt werden könnte. In den »Goldenen Jahren«, die der gegenwärtigen Krise vorausgingen, in diesen Jahrzehnten des allgemeinen Wohlstands, als wir lernten, hinter der guten Qualität eine noch bessere zu erkennen, reagierten wir auf diesen Zuwachs an Wissen schon verdächtig sparsam. Nicht wenn es darum ging, eine Ferienwohnung oder einen Zweitwagen zu kaufen. Aber beim Essen hielten sich die Deutschen zurück.

Viel durfte es sein, gewiss. Das über den Tellerrand hinaushängende Schnitzel war eine Empfehlung für den Wirt, die kleine Portion im Gourmetlokal schreckte ab. Der Gast wollte viel haben für sein Geld, die Qualität des Gekochten kam erst an dritter Stelle. Kein Wunder, dass die beliebtesten Speisen der Deutschen die Pizza und Nudelgerichte sind. Dazu passt, dass wir in unserer Vorliebe für Frühlingsrollen, Klebereis und Chop-suey nur von den Briten und Holländern übertroffen werden. Das sind nicht gerade Präferenzen, die auf anspruchsvolle Essgewohnheiten hinweisen. Das Komplizierte, mit dem jeder kulinarische Anspruch zwangsläufig verbunden ist, ist seit Luther, der die lateinische Sprache aus seiner Kirche verbannte, diskreditiert. Und als auf dem Höhepunkt der Deutschtümelei der Begriff »Dekadenz« mit einem urbanen, westlichen Lebensgefühl gleichgesetzt wurde, hatte die französische Küche beim deutschen Volk keine Chance. Wir konvertierten ziemlich geschlossen zur alleinseligmachenden Graupensuppe und zum Hering.

Dieser Rückfall in die Primitivküche wurde dann politisch ausgenutzt, nämlich als die dem deutschen Wesen angemessene Schlichtheit gepriesen, damit die kommenden Notzeiten nicht so krass als Beeinträchtigung unserer Lebensqualität empfunden würden. Die einzige Epoche unserer Geschichte, in der diese Entwicklung hätte unterbrochen und durch einen lebensfreundlichen Hedonismus ersetzt werden können, das war der vorhin als »Goldene Jahre« angesprochene Zeitraum zwischen 1970 und 2000. Und tätsächlich, beinahe hätten wir es geschafft!

Damals lernten die Jungen, Bordeaux von Burgunder zu unterscheiden, sie tranken Champagner, interessierten sich für die Spitzengastronomie und fragten nicht nach dem Kilopreis der weißen Trüffeln. Der Konsument interessierte sich plötzlich für die Herkunft seiner Lebensmittel. Ein Markenbewusstsein entwickelte sich beim Käse, bei den Hühnern und bei Schokoladen, bis es – Schluss mit lustig! – bei Schlabberhosen und Ladykracher landete.

Letztlich aber scheiterte der Hedonismus an der Angst. Wie Godzilla, aus dem Meer auftauchend, Angst und Schrecken verbreitete, so überfiel uns der BSE genannte Rinderwahnsinn in unserem Wohlstandsghetto. Da war es erst einmal vorbei mit dem Wunsch nach Verfeinerung. Und da wir bei der Angstausübung in diesem Jahrhundert ebenso gründlich sind wie bei der Schreckensverbreitung im vorigen, entdeckten wir gleichzeitig auch die Hormonkälber, die Pharmaschweine und die Dioxineier. Alles, was wir in den Mund stecken wollten, schien vergiftet bis zur Lebensgefährdung.

Wer wollte, wer konnte sich da noch über unterschiedliche Qualitäten informieren? Wenn schon jedes Ding ungenießbar war, dann sollte es wenigstens billig sein, mögen sich die verschreckten Hypochonder gedacht haben.

Das war die Stunde von Aldi. Es begann der Siegeszug der massenproduzierten und vorgekochten Lebensmittel, dieser Bastarde aus der Vereinigung von gewissenlosen Großbauern mit der gierigen Pharmaindustrie. Dass ungefähr gleichzeitig plötzlich über das Folterverbot diskutiert wurde, mag ein Zufall gewesen sein. Aber der Eindruck, dass plötzlich alles den Bach runterging, dass Besserungsschwüre und zivilisatorische Teilerfolge unter einer Lawine von billigem Schund begraben würden, dieser Eindruck dominiert in der Tagespolitik ebenso wie beim Inhalt unserer Kühlschränke.

Merkwürdigerweise profitiert von dieser Misere die biologische Landwirtschaft nur in geringem Maße. Sie ist zwangsläufig etwas teurer als konventionell erzeugte Massenprodukte – schon lässt der Konsument die Finger davon. Er spart am falschen Ende. Daran erkennt man die Geizigen. Sie gönnen nicht nur ihren Nachbarn nichts, sie versagen auch sich selbst das kleine Glück, das sie sich ohne weiteres leisten könnten. Hat also die Industrie Recht, wenn sie den Verbraucher für dumm hält? Aus der Consumer Study geht lediglich hervor, dass 42 Prozent aller Verbraucherinnen, welche Bio-Produkte kaufen, eine höhere Schulbildung besitzen.

Männliche Konsumenten untersuchen die Produkte nicht so gründlich auf Bio-Siegel und Verfallsdatum. Vielleicht sind sie mutiger als Frauen. Dass sie dümmer sind als Frauen, beweist allein die Zusammensetzung der nationalen Parlamente. Nur in einem Punkt lassen sich die Männer nicht unterbuttern: Sie gehen häufiger in Restaurants als Frauen. Nicht nur in Deutschland.

Vor allem in Italien müssen die Mammas zu Hause RAI Uno glotzen, während ihre Männer und Söhne in den Trattorien das große Wort führen. 30 Prozent der befragten Signoras bekannten, nie außer Haus zu essen. Am häufigsten gehen die Österreicher auswärts essen, gefolgt von den Italienern (Männer!). Der Durchschnittsdeutsche hält sich erwartungsgemäß zurück. Nach den Holländern gehen wir insgesamt am wenigsten häufig ins Restaurant. Ohne hier auf Einzelheiten einzugehen – wie die Tatsache, dass sie in ihren Wohnwagen heimisches Klopapier bevorzugen: Die Umfrageergebnisse der Consumer Study 2004 bestätigen meine Beobachtungen, dass uns die Holländer im Wettstreit um den größ ten Geiz knapp auf den Fersen sind. Wenn ich daran denke, wie Deutsche mit dem Trinkgeld knausern, wundere ich mich über unsere Reiselust. Denn jede Reise endet erfahrungsgemäß mit zwar berechtigten, aber dennoch horrenden Trinkgeldforderungen.

Wie schon in den vergangenen Jahren ist auch heute die Stimmung schlechter als die wirtschaftliche Situation. Immer noch haben Konsumenten die Befürchtung, sie müssten morgen verhungern, wenn sie heute nicht an der Butter sparten. Neben dieser Furcht ist für kulinarischen Genuss in der Tat kein Platz. Also führen die Deutschen laut Consumer Study 2004 die Gruppe der Geizigen an. Erst nach uns kommen die Franzosen, Polen, die Holländer, Österreicher, Briten, Spanier und die Italiener.

In der vorliegenden Übersicht wird die Geiz-ist-geil-Fraktion als »preisbewusst« bezeichnet. Dass ihre Knauserigkeit aber platt egoistisch motiviert und fürs Allgemeinwohl schädlich ist, erkennt sie nicht. So wie eine Demokratie nicht funktionieren kann, wenn niemand zur Wahl geht, so kann der Einzelhandel keine besseren Qualitäten anbieten, wenn der Konsument den Konsum verweigert.

Die düstere Zukunft, vor der sich der Geizige fürchtet, beschwört er also selbst herauf. Wenn er wenigstens die Frage, ob es ein Leben nach dem Geiz gibt, in seine Überlegungen einschlösse! Doch die übersteigt wohl seine Intelligenz. Jedenfalls sagt die Europaen Consumer Study 2004 nicht, dass von den »Preisbewussten« – wie unter den Bio-Käufern – 42 Prozent eine höhere Schulbildung haben.

 
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