Meine PappenheimerSeite 2/2
Das war die Stunde von Aldi. Es begann der Siegeszug der massenproduzierten und vorgekochten Lebensmittel, dieser Bastarde aus der Vereinigung von gewissenlosen Großbauern mit der gierigen Pharmaindustrie. Dass ungefähr gleichzeitig plötzlich über das Folterverbot diskutiert wurde, mag ein Zufall gewesen sein. Aber der Eindruck, dass plötzlich alles den Bach runterging, dass Besserungsschwüre und zivilisatorische Teilerfolge unter einer Lawine von billigem Schund begraben würden, dieser Eindruck dominiert in der Tagespolitik ebenso wie beim Inhalt unserer Kühlschränke.
Merkwürdigerweise profitiert von dieser Misere die biologische Landwirtschaft nur in geringem Maße. Sie ist zwangsläufig etwas teurer als konventionell erzeugte Massenprodukte – schon lässt der Konsument die Finger davon. Er spart am falschen Ende. Daran erkennt man die Geizigen. Sie gönnen nicht nur ihren Nachbarn nichts, sie versagen auch sich selbst das kleine Glück, das sie sich ohne weiteres leisten könnten. Hat also die Industrie Recht, wenn sie den Verbraucher für dumm hält? Aus der Consumer Study geht lediglich hervor, dass 42 Prozent aller Verbraucherinnen, welche Bio-Produkte kaufen, eine höhere Schulbildung besitzen.
Männliche Konsumenten untersuchen die Produkte nicht so gründlich auf Bio-Siegel und Verfallsdatum. Vielleicht sind sie mutiger als Frauen. Dass sie dümmer sind als Frauen, beweist allein die Zusammensetzung der nationalen Parlamente. Nur in einem Punkt lassen sich die Männer nicht unterbuttern: Sie gehen häufiger in Restaurants als Frauen. Nicht nur in Deutschland.
Vor allem in Italien müssen die Mammas zu Hause RAI Uno glotzen, während ihre Männer und Söhne in den Trattorien das große Wort führen. 30 Prozent der befragten Signoras bekannten, nie außer Haus zu essen. Am häufigsten gehen die Österreicher auswärts essen, gefolgt von den Italienern (Männer!). Der Durchschnittsdeutsche hält sich erwartungsgemäß zurück. Nach den Holländern gehen wir insgesamt am wenigsten häufig ins Restaurant. Ohne hier auf Einzelheiten einzugehen – wie die Tatsache, dass sie in ihren Wohnwagen heimisches Klopapier bevorzugen: Die Umfrageergebnisse der Consumer Study 2004 bestätigen meine Beobachtungen, dass uns die Holländer im Wettstreit um den größ ten Geiz knapp auf den Fersen sind. Wenn ich daran denke, wie Deutsche mit dem Trinkgeld knausern, wundere ich mich über unsere Reiselust. Denn jede Reise endet erfahrungsgemäß mit zwar berechtigten, aber dennoch horrenden Trinkgeldforderungen.
Wie schon in den vergangenen Jahren ist auch heute die Stimmung schlechter als die wirtschaftliche Situation. Immer noch haben Konsumenten die Befürchtung, sie müssten morgen verhungern, wenn sie heute nicht an der Butter sparten. Neben dieser Furcht ist für kulinarischen Genuss in der Tat kein Platz. Also führen die Deutschen laut Consumer Study 2004 die Gruppe der Geizigen an. Erst nach uns kommen die Franzosen, Polen, die Holländer, Österreicher, Briten, Spanier und die Italiener.
In der vorliegenden Übersicht wird die Geiz-ist-geil-Fraktion als »preisbewusst« bezeichnet. Dass ihre Knauserigkeit aber platt egoistisch motiviert und fürs Allgemeinwohl schädlich ist, erkennt sie nicht. So wie eine Demokratie nicht funktionieren kann, wenn niemand zur Wahl geht, so kann der Einzelhandel keine besseren Qualitäten anbieten, wenn der Konsument den Konsum verweigert.
Die düstere Zukunft, vor der sich der Geizige fürchtet, beschwört er also selbst herauf. Wenn er wenigstens die Frage, ob es ein Leben nach dem Geiz gibt, in seine Überlegungen einschlösse! Doch die übersteigt wohl seine Intelligenz. Jedenfalls sagt die Europaen Consumer Study 2004 nicht, dass von den »Preisbewussten« – wie unter den Bio-Käufern – 42 Prozent eine höhere Schulbildung haben.
- Datum 23.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Serie Siebeck haupttext
- Quelle (c) DIE ZEIT 23.03.2005 Nr.13
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