Dschenin. Seinen Auftritt hätte der prominenteste gesuchte Mann Palästinas kaum gelungener inszenieren können. Auf dem Märtyrerfriedhof ist es still, nur riesige Flaggen flattern laut und unheimlich im Wind – die schwarzen des Islamischen Dschihads, die grünen der Hamas, die weißen der Al-Aksa-Brigaden. Zwei verschleierte Frauen sitzen stumm an blumenumrankten Grabsteinen. Überall prangen die Bilder der Toten – mit stolzen Blicken, in der Pose des bewaffneten Kämpfers. Plötzlich preschen zwei helle Wagen heran. Sakaria Subeideh, in Jeans und ein M-16-Sturmgewehr übers Hemd geschultert, betritt die Bühne. Wie ein mächtiger Politiker zieht er die Menschen an.

Da sind Teenager mit Gel im Haar, die sich in der Aura des Al-Aksa-Chefs sonnen. Einer von ihnen trägt Zahnspangen, ein anderer ein Medaillon zum Andenken an seinen älteren Bruder – der hat sich vor zweieinhalb Jahren in der israelischen Stadt Chadera in die Luft gesprengt. Die älteren Männer im Anzug vertreten die Tabakindustrie. Sie suchen das Gespräch mit dem Anführer der Al-Aksa-Brigaden, weil sie den Zigarettenschmuggel unterbinden wollen, der die Preise zu sehr heruntergetrieben hat. Mit Subeideh soll nun ein Deal ausgehandelt werden. Er, nicht der Bürgermeister oder Polizeichef, ist der Ansprechpartner.

Der Aufstieg des 29-jährigen Palästinensers begann mit der Intifada vor viereinhalb Jahren. Die bewaffneten Gruppen wetteiferten damals darum, immer mehr und immer größere Anschläge gegen Israelis zu verüben. Um der Hamas und dem Islamischen Dschihad in ihrem Eifer nicht nachzustehen, gründete Subeideh mit anderen jungen Fatah-Leuten die Al-Aksa-Brigaden. Sie standen Arafat nahe – und auf seiner Lohnliste. "Die erste Militäroperation in Israel während der Intifada ging von Dschenin aus", erzählt Subeideh stolz – es handelte sich um ein Selbstmordattentat in Afula. Viele seiner Terrorkollegen wurden von den Israelis "gezielt exekutiert". Dadurch wuchs Subeidehs Macht nur noch; bald stand er ganz oben auf der Fahndungsliste. Informationen, nach denen er in der neuen Ära nicht mehr gejagt werde, traut er nicht. Erst am Vortag, erklärt er mit einem Fingerzeig in Richtung Norden, hätten israelische Undercover-Agenten hier ganz in der Nähe nachts wieder Leute verhaftet. Er bleibe deshalb weiterhin rund um die Uhr in Alarmbereitschaft.

Subeideh genießt die Aufmerksamkeit der Medien, die ihn längst zum Star gemacht haben. Immer wieder taucht sein mit schwarzen Flecken übersätes Gesicht auch im israelischen Fernsehen auf. Nicht zuletzt durch seine Freundschaft mit Tali Fahima, die seit Monaten wegen ihm im Gefängnis sitzt. Die 28-jährige Israelin hatte einen Film über Dschenin gesehen und wollte daraufhin – als die Intifada auf Hochtouren lief – Subeideh persönlich kennen lernen. Sie wohnte zwei Wochen als lebendes Schutzschild bei ihm. Die israelische Polizei wirft ihr nun Verrat vor, weil sie Subeideh unter anderem ein Dokument der Armee übersetzte, das es dem Gesuchten ermöglichte, wieder einmal rechtzeitig die Flucht zu ergreifen.

Er habe kein Problem, sich mit Israelis zu treffen, sagt Subeideh mit einem verschmitzten Lächeln und pflückt ein Blatt Minze, die zwischen den Gräbern wächst. In dieser Hinsicht ähnelt er vielen anderen jungen Fatah-Leuten, die in den neunziger Jahren, als beide Seiten über den Frieden verhandelten, an Koexistenz glaubten. Zu dieser Zeit arbeitete er auf dem Bau in Haifa. Dann geriet er auf die schiefe Bahn, stahl Autos, die er in den autonomen Palästinensergebieten verhökerte. Die Israelis steckten ihn für zwei Jahre ins Gefängnis. Dann kam seine Mutter bei einem israelischen Luftangriff ums Leben; auch sein Bruder, der dem Islamischen Dschihad angehörte, wurde von der Armee getötet. Subeideh radikalisierte sich. Doch jetzt hat er eine Kehrtwende vollzogen.

"Wir sorgen doch jetzt schon für Frieden in der Stadt"

Aus vollem Hals unterstützt er den palästinensischen Präsidenten Machmud Abbas. Das war nicht immer so. Denn als Abbas im Sommer 2003 während seiner hunderttägigen Amtszeit als Ministerpräsident nach Dschenin kommen wollte, ließ ihn Subeideh nicht in die Stadt. Abbas galt ihm als Verräter an Arafat und an der Sache der Palästinenser, weil er die militarisierte Intifada als verfehlte Strategie bezeichnet hatte. Nach dem Tod des PLO-Chefs erhielt Abbas Drohungen von Mitgliedern der Al-Aksa-Brigaden, die sich kurzerhand in "Arafat-Brigaden" umbenannt hatten. Subeideh aber schwenkte bald um. War es Opportunismus, Pragmatismus oder höhere Einsicht? Vermutlich alles zugleich. Sein ehemaliger Geldgeber war nicht mehr da; die Einheit der Fatah stand auf dem Spiel, außerdem sank die Unterstützung für Terroranschläge.

Höhepunkt der Versöhnung war Abbas’ Wahlkampfauftritt in Dschenin. Aus dem Canossa-Gang wurde ein Triumphzug. Hier, auf dem Märtyrerfriedhof, stemmte der schmale Subeideh den Leib des 69-jährigen Kandidaten einfach in die Luft und hievte ihn auf seine Schultern – eine solche Szene konnte Abbas’ Popularität nur steigern. Heute findet Subeideh lobende Worte für den neuen Boss, der ihn zum muslimischen Opferfest angerufen hat: "Abbas ist nicht korrupt. Er will das Gesetz walten lassen, unabhängige Richter einsetzen und Ordnung in die Verwaltung bringen."