Die Schreibmaschine

Manchmal kommt eine SMS, und es steht da »Ich habe nehmen Zug verpasst« – und der Empfänger ist ein wenig ratlos. Der Grund, weshalb solch kryptische Nachrichten entstehen, ist das Computerprogramm im Handy, T9 genannt, das seit ein paar Jahren schon aus der Reihenfolge der gedrückten Zahlentasten errät, welches Wort gemeint sein könnte, und welches die SMS-Tipperei eigentlich erleichtern sollte. Denn zuvor war es noch nötig, mehrmals auf einer einzigen Taste rumzutippen, um einen einzigen Buchstaben hervorzubringen. Der Nachteil von T9: Manche Wörter teilen sich Kombinationen, die Wörter »nehmen« und »meinen« etwa teilen sich die Reihenfolge der Tasten 6-3-4-6-3-6.

Auf 400 Millionen Telefonen pro Jahr wird T9, das für »Text auf neun Tasten« steht, inzwischen weltweit ausgeliefert. Wie funktioniert diese Software? Wieso entscheidet es sich bei 6-3-4-6-3-6 zuerst für »nehmen« und erst bei Widerspruch für »meinen«? Die Amerikanerin Lisa Nathan, T9-Produktmanagerin, erklärt es: »Wenn wir die Wort-Datenbank für eine neue Sprache anlegen, sammeln wir zuerst mehrere Gigabyte an Text aus Zeitungen, Zeitschriften und aus Internet-Seiten und Chaträumen in der jeweiligen Sprache.« Die so zusammengetragenen Wortmassen werden anschließend durchgesehen – offenkundig irrsinnige Wörter aus Chats etwa fliegen raus. Je häufiger ein Wort vorkommt, umso eher erscheint es zuerst auf dem Display.

Manche Rechtschreibfehler lassen die Programmierer absichtlich drin – schließlich ist ein SMS-Schreiber frustriert, wenn das Programm ein Wort hartnäckig verweigert, von dem er fest glaubt, dass es existieren müsse. So kommt es, dass T9 sogar ein Wort »Rhytmuß« kennt. »Andere Wörter ergänzen wir, Imperative zum Beispiel wie ›gib‹ oder ›nimm‹. Die kommen in gedruckten Texten nur selten vor, in Kurzmitteilungen dafür ziemlich oft«, sagt Lisa Nathan.

Aber wie kommt es, dass die Worterkennung zwar den Nazi-Jargon von Hitler bis Euthanasie im Programm hat, Wörter, die den Sex beschreiben oder das Einnehmen von Drogen, häufig aber nicht erkennt und die üblichsten Flüche einfach fehlen? »Wir zensieren nicht«, sagt Lisa Nathan. »in unserer Datenbank stehen alle Wörter – sofern sie häufig genug vorkommen. Aber fast alle Handyhersteller lassen Schimpfwörter und Wörter mit sexueller Bedeutung ausblenden.« Der Nazi-Jargon scheint niemand zu stören.

Weil Flüche, Spitznamen oder nette Abkürzungen im Programm fehlen, ist T9 neuerdings lernfähig geworden: Wer Wörter vermisst, kann sie der Worterkennung beibringen. Die neuesten Handys lernen sogar automatisch, indem sie die eingehenden SMS nach neuen Wörtern durchsuchen. Am meisten Zeit spart man durch die Funktionen »Wortkomplettierung« oder »Wortvorhersage«, die nicht nur vorschlagen, wie das angefangene Wort enden könnte, sondern auch, welches wohl als nächstes kommt. »Ich bin kein sehr pünktlicher Mensch«, gesteht Lisa Nathan, »und wenn ich das Wort ›komme‹ tippe, schlägt mir T9 automatisch ›etwas später‹ als folgende Wörter vor.« Das kann sehr praktisch sein – aber auch sehr nervig. Denn wer will schon ständig an den Namen der Exfreundin Natalie erinnert werden, wenn er nur »nat« für »natürlich« eingegeben hat? Christoph Koch

Die schönsten T9-Verschreiber von Handy zu Handy

SÜDEN    statt    RUFEN
AIDS    statt    BIER
GUTE MACHT    statt    GUTE NACHT
GUTEN PUTSCH    statt    GUTEN RUTSCH
LOKTÖNE    statt    KOLUMNE
ERFURT    statt    FREUST
LOVER    statt    KÖTER
TOD    statt    UND
ICH    statt    HAI
IM AUS    statt    IM BUS
GOA    statt    INA
KURS    statt    KUSS
RASCH    statt    SARAH
DROGE    statt    FROHE
HÖHE    statt    INGE
ECHSE    statt    FÄHRE
MEINEN    statt    NEHMEN
KALB    statt    JAJA
POP    statt    SMS
NAZI    statt    MAXI
SUPER    statt    STREß
LOHNT    statt    JOINT
COME    statt    ANNE
MARC    statt    NASA
MAFIA    statt    NADIA
UNS    statt    VOR
ROSEN    statt    SÖREN
EURE    statt    FÜßE
LOSE    statt    KOPF
RUNDE    statt    STOFF
SALATES    statt    PALAVER
EGAL    statt    DICK
KÖNNEN    statt    KOMMEN
FOOD    statt    DOOF
PAPI    statt    SARG

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  • Von Christoph Koch
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 23.03.2005 Nr.13
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