Verhaltensforschung Wir im Tiervisier

Viele Menschen sind Tierfreunde. Aber gibt es auch Menschenfreunde unter den Tieren – oder interessiert sich kein Schwein für uns?

Vor Mexiko traf ich mal einen Wal. Ich hockte mit sechs amerikanischen Rentnern in einem Schlauchboot, als eine große Grauwalkuh samt Kalb zielstrebig auf uns zusteuerte. Zunächst kommt da ein etwas mulmiges Gefühl auf: Nur ein luftgefüllter Gummiring trennt uns von einem Tier, das so viel wie elf Elefanten wiegt. Doch die Walkuh will nur spielen. Sie streckt uns ihre gescheckte Schnauze entgegen und lässt sich kraulen. Dann erwidert sie die Zärtlichkeit auf ihre Art, taucht unter das Boot und hebt es aus dem Wasser. Kurz darauf lässt sie sich wieder kraulen, liftet das Boot erneut in die Höhe und so weiter, bis sie nach etwa einer Stunde genug hat und abdreht.

Was wollte dieses Wesen von uns? Wirklich spielen oder sich die Wal-Läuse vom Rücken kratzen? Erfasste sein Auge uns überhaupt als Einzelwesen, oder hielt es das Boot samt Passagieren für ein vielarmiges Monster mit einem Rumpf aus rotem PVC? Auskunft könnte wohl nur ein Wal-Telepath geben.

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Interessieren sich Tiere für Menschen? Hunde und Katzen sicherlich, denn sie leben seit Tausenden Jahren in unseren Wohnstätten, werden gefüttert, gestreichelt und manchmal auch geprügelt und gequält. Für sie lohnt es sich tagtäglich, gute Menschenkenner zu sein. Die Verhaltensforscher Josep Call und Brian Hare konnten nachweisen, dass Hunde die Gestik und Mimik des Menschen viel besser verstehen als andere Tiere. Zeigt der Versuchsleiter auf verstecktes Futter, kapiert der Hund, was Sache ist. Schimpansen – aber auch Wölfe – verstehen die Geste nicht. Will der Hund etwas Unerlaubtes tun, etwa verbotenes Futter stibitzen, beobachtet er genau, ob der Versuchsleiter vielleicht gerade aus dem Fenster schaut oder Zeitung liest. Hunde sind tatsächlich »die besten Freunde des Menschen«, hinter den Schlappohren arbeitet ein »anthropophiles« Gehirn.

Und die anderen, die wilden Bewohner der freien Natur? Was im Kopf des Hasen beim Anblick eines Menschen vor sich geht, ist der Forschung bislang verborgen geblieben. Klar ist nur, das Langohr lebt länger, wenn es Fersengeld gibt. Für manchen Tiger dagegen sind wir ein gefundenes Fressen. Beute oder Bedrohung – und darüber hinaus? Interessiert sich irgendein Schwein für uns? Als was betrachten Tiere Menschen: als Artgenossen, Ressource, höhere Mächte?

Begegnungen mit Meeressäugern kann man heute im Reisebüro buchen. Am zugänglichsten haben sich Große Tümmler erwiesen (die populärste der 80 Delfinarten). Manche von ihnen scheinen den Kontakt zu Menschen von sich aus zu suchen. Urlauber auf den Bahamas, vor Sansibar oder Gomera schwimmen mit den Meeressäugern. Im Hafen des irischen Küstenorts Dingle kommt seit 20 Jahren der Delfin Fungie zu Besuch. Aus Freude darüber errichtete man ihm schon zu Lebzeiten ein Denkmal im Ort. An manchen Stränden Australiens trauen sich die wilden Tümmler sogar ins flache Wasser. Dort werden sie von Spezialisten begrüßt, die mit ihrer Hilfe behinderte Kinder therapieren. »Delfin-Therapie ist mehr als Esoterik«, sagt die Bewegungstherapeutin Sabine Klektau. »Die Tiere versetzen einige Kinder in Entspannungszustände, durch die neue Lernschritte möglich werden.« Vermutlich hängt dies mit den Ultraschallwellen zusammen, die die Tiere aussenden.

Den meisten Menschen geht bei tierischer Kontaktaufnahme das Herz weit auf. Es gibt kaum etwas Rührenderes als zutrauliche Wildtiere. Einer der schwersten Abschiede meines Lebens galt einem jungen Kapuzineraffen, der eigentlich auf dem Dach eines Urwaldhotels hauste, aber aus mir unerfindlichen Gründen drei Tage lang seinen Zweitwohnsitz auf meine Schulter verlegte. Selbstkritisch sinniert man in solchen Momenten über all die Jahrtausende, in denen unsere ewig hungrigen Ahnen alles in den Kochtopf warfen, was nicht schnell genug wegrennen konnte. Das zutrauliche Wildtier vergibt uns die Sünden. Und wir vergessen dabei gern, dass oftmals nur die Spekulation auf ein paar Erdnüsse dahinter steckt.

Was auch immer der kleine Affe von mir dachte – als Augentier mit nach vorne gerichtetem Gesichtsfeld war seine Wahrnehmung meiner ähnlich. Er hat vermutlich mehr von mir mitbekommen als die Schmetterlinge und Käfer auf der Terrasse. Sie und viele andere Tiere haben technische Probleme, Menschen auf unsere Weise zu erfassen. Denn sie leben in einer anderen Sinneswelt. Fixierung auf das Gesicht ist nur eine von vielen Möglichkeiten, ein Gegenüber zu scannen. Kleine nachtaktive Säugetiere leben in einer Welt der Gerüche, Singvögel in einer Welt der Melodien, und Korallenfische interessieren sich vornehmlich für grelle grafische Muster. Auf diesen Feldern haben wir wenig zu bieten – deshalb sind Menschen für viele Tiere nicht sonderlich interessant.

Wie andere Geschöpfe Menschen sehen, lässt sich am einfachsten von denen sagen, die von Geburt an unter Menschen lebten. Sie sehen in uns ihresgleichen. Für die Gössel, die beim Ausschlüpfen Konrad Lorenz erblickten, war der bärtige Ethologe ihre Mutter. Solchermaßen fehlgeprägte Tiere fremdeln, wenn sie erstmals Artgenossen begegnen. Und sie richten ihr sexuelles Verlangen auf Menschen. »Für die allermeisten Arten«, sagt der Verhaltensbiologe Norbert Sachser, »zählen nur Schlüsselreize. Ihnen fehlt die Gestaltwahrnehmung, die nötig ist, um einen Menschen so zu sehen, wie wir selbst es tun.«

Manche Schlüsselreize sind roboterhaft programmiert. So kann man Jungvögel aus einem Nest entfernen und stattdessen ein Reagenzglas hineinstellen. Man muss nur an der Öffnung der Röhre ein Stück Pappe anbringen, das wie der aufgesperrte Rachen des Nestlings aussieht. Dann füttern die Eltern ungerührt weiter und füllen das Reagenzglas mit Würmern. Sie haben also noch nicht einmal ein Bild ihrer eigenen Jungen im Kopf. Wie sollten sie einen Menschen erfassen?

Und doch kommt derselbe Vogel auf die Hand geflogen, wenn man ihm Futter anbietet. Sobald unsere Handlungen relevant für sie werden, fangen Tiere an, sich sehr genau für Menschen zu interessieren. »Manche«, sagt Norbert Sachser, »sind extreme Wahrnehmungskünstler und kriegen mehr von einem Menschen mit als seine Mitmenschen oder er selbst.«

Der berühmteste aller »Wahrnehmungskünstler« war der Kluge Hans. Das Pferd dieses Namens lebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Berlin. Hans war vermeintlich mathematisch begabt. Stellte man ihm eine Rechenaufgabe, teilte er die richtige Lösung durch Hufschläge mit. Nachdem Wissenschaftler zunächst vor einem Rätsel standen, fand ein Psychologe heraus, dass dieses Wundertier nicht wirklich rechnen konnte, sondern mit feinsten Antennen unbewusste Körpersignale sondierte. Winzigen Veränderungen in der Physis der fragenden Personen verrieten ihm das Ergebnis. Dann hörte er einfach auf, weiterzuklopfen. Leider verloren die Wissenschaftler ihr Interesse, als herauskam, dass Hans nicht wirklich rechnen konnte. Seine phänomenale Wahrnehmungskunst hat niemand untersucht. Im Ersten Weltkrieg wurde er zum Militär eingezogen, wo sich seine Spur verliert.

Von der scharfen Beobachtungsgabe seiner Tiere ist auch Dieter Farell überzeugt. Er trainiert seit einem halben Jahrhundert Raubkatzen und ist mit ihnen in fast allen großen Manegen aufgetreten. Farell weiß genau, welche Körpersignale für einen Tiger relevant sind, und setzt sie ganz bewusst bei der Dressur ein. Sein aufrechter Gang ist für das Raubtier eine Dominanzgeste – im Kampf stellen sich Katzen auf die Hinterbeine. Ruft Darell aber ein Tier zu sich heran, zieht er leicht den Kopf zwischen die Schultern, deutet ein Ducken an – und das Tier getraut sich, auf ihn zuzugehen.

Kleine Gesten spielen in der Mensch-Tier-Begegnung eine entscheidende Rolle. Dem französischen Psychiater Boris Cyrulnik wurde das klar, als er gesunde und geistig behinderte Kinder in einem Hirschgehege beobachtete. Die Hirschkühe flohen vor den gesunden Kindern. Diejenigen mit Down-Syndrom konnten die Tiere sogar streicheln. Cyrulniks Erklärung: »Sie vermeiden direkten Blickkontakt, gehen oft seitwärts und bewegen sich langsam.« Die anderen Kinder dagegen schauten die Hirschkühe frontal an, zeigten beim Lächeln ihre Zähne und streckten die Arme zum Streicheln aus.

Raubtiertrainer Farell ist sich sicher, dass seine Tiger ihn als Artgenossen betrachten, obwohl sie nicht von Menschen aufgezogen wurden. Dafür hat er schlüssige Indizien. Beispielsweise bieten die rolligen Weibchen sich ihm an, wie sie es im Dschungel beim ranghöchsten Kater ihrer Umgebung tun. Sie sehen ihn durch Tigeraugen. Selbst wenn ein Zirkustiger den Dompteur anfällt, betrachtet er ihn nicht als Beute, sondern als Rivalen.

Undressierte Tiger dagegen sehen Menschen durchaus als Beute. Das kann jeder selbst im Zoo ausprobieren. Gehen Sie zweimal am Tigergehege vorbei. Das erste Mal festen Schrittes. Die Tiere werden Sie in der Regel nicht beachten. Machen Sie das Ganze nochmals und hinken dabei. Auf dieses vermeintliche Flucht-Handicap reagieren manche Raubkatzen wie elektrisiert: Sie gehen in Sprungstellung und folgen Ihnen mit den Augen.

In den fünfziger Jahren wollte Bernhard Grzimek erforschen, wie Pferde Menschen sehen. Er suchte dafür Pferde aus, die gegen jedermann aggressiv waren außer gegen ihren vertrauten Pfleger. Doch das Bild, das sie von ihrer Bezugsperson hatten, war offenbar verschwommen. Schon wenn der Vertraute auf Grzimeks Bitte sich mit einem fremden Mantel und einem Hut verkleidete, griff das Pferd ihn an – so wie alle anderen Fremden. Eine Faschingsmaske vorm Gesicht hatte dagegen keine Wirkung. Betrachten Pferde Menschen als Kleiderpuppen? Sind wir gegenüber der Kreatur nichts weiter als die Darbieter primitiver Schlüsselreize oder bestenfalls vermeintliche Artgenossen?

Für eine kleine Elite von Intelligenzbestien sind wir vermutlich mehr. »Es gibt keine Beweise dafür, aber die begründete Vermutung«, sagt Norbert Sachser, »dass Menschenaffen, Seelöwen, Delfine, Elefanten und Hunde kapieren, dass wir keine Artgenossen sind.« Er nimmt an, dass diese Arten über eine Gestaltwahrnehmung verfügen, die ihnen erlaubt, eine geistige »Kategorie« für Menschen zu bilden – was auch immer sie damit verbinden mögen. Max-Planck-Forscher Tobias Deschner, der seit zehn Jahren frei lebende Schimpansen in Afrika beobachtet, pflichtet bei: »Die wissen hundertprozentig, dass wir keine Schimpansen sind.« Das kann ich auch selbst bestätigen. Als ich mit einem Fernsehteam wilde Schimpansen in Tansania filmte, kam plötzlich Frodo aus dem Wald gestürmt. Alle rannten panisch auseinander, nur der Kameramann Gerd Weiss blieb eisern auf seinem Posten. Frodo warf ihn zu Boden und schlug auf ihn ein.

Doch kein Knochen war danach gebrochen und selbst die Kamera noch heil. »Es war«, erklärte uns die Schimpansenforscherin Jane Goodall später, »eine Schauveranstaltung, die sich an andere Schimpansen richtete.« Etwa so, als ob ein kleiner Junge Kühe scheucht, um andere kleine Jungen zu beeindrucken. Frodo hätte viel brutaler zugeschlagen, wenn er Menschen als rivalisierende Artgenossen betrachten würde. Für den Kameramann war das nur ein schwacher Trost.

Menschenaffen wissen, dass wir nicht ihresgleichen sind. Sie sind jedoch auch clever genug, um uns Menschen als ihnen ähnlich anzusehen, genauso wie wir umgekehrt sie als ähnlich empfinden. Davon ist Frank Brandstätter, Direktor des Dortmunder Zoos überzeugt. Deshalb zeigt er Orang-Utans, die sich bei der Paarung ungeschickt anstellen, Pornofilme. Seiner Erfahrung nach »reagieren Orang-Utan-Männer stark auf Menschenfrauen mit langem roten Haar«.

Und die rothaarige Sexbombe ist für sie nicht irgendeine Frau. Verhaltensforscher sind sich sicher, dass Affen Menschen individuell unterscheiden. Aus Zoos ist bekannt, dass die Tierärzte die Affenhäuser nicht betreten dürfen – auch nicht in der Freizeit in Zivil und versteckt in einer Menschenmenge. Die Primaten erkennen das Gesicht des verhassten Spritzengebers sofort und fangen an zu toben. Der niederländische Primatenforscher Frans de Waal wird heute noch von seinen alten Forschungsschimpansen im Arnheimer Zoo erkannt, obwohl er seit 1980 in Amerika lebt.

Allerdings besitzen nicht nur die einschlägig bekannten Hochbegabten unter den Säugetieren diese Fähigkeit. Auch Schafe, so fanden Wissenschaftler in Cambridge heraus, können sich das Gesicht ihres Schäfers über lange Zeit merken. Gesichter von anderen Schafen speichern sie sogar bis zu zwei Jahre lang ab.

Schafe sind Haustiere, Zooschimpansen können nicht abhauen: Sie sind gezwungen, sich mit Menschen zu beschäftigen. Aber wie steht es mit den wilden Verwandten? Wie auch immer sie uns sehen – wollen sie uns überhaupt sehen? Haben nicht alle Tiere eine natürliche Scheu vor dem Menschen? Auch dabei kommt es mal wieder auf die Art an. Die Fachliteratur spricht von shy species und bold species , scheuen und kühnen Arten. Die einen flüchten panisch ins Unterholz, wenn ein Mensch auch nur am Horizont auftaucht. Bei den anderen überwiegt die Neugier. Diese Grundhaltung ist genetisch verankert. Doch ob bold species den Kontakt zu uns aufnehmen, hängt obendrein entschieden von ihren Erfahrungen ab. In afrikanischen Nationalparks kann man an der Fluchtdistanz der Tiere erkennen, wie lange das Schutzgebiet schon existiert. Tiere, die die Großwildjagd noch in frischer Erinnerung haben, flüchten viel früher als solche, die Menschen nur als harmlose Insassen zebragestreifter Touristenbusse kennen.

Dies ist auch der Grund, warum man beim Wandern in Deutschland so wenige Tiere sieht. Auch in unseren Wäldern kreucht und fleucht es. Deutsche Wildtiere werden jedoch durch ein fragwürdiges Jagdsystem unnötig scheu gemacht. Lange Jagd- und kurze Schonzeiten führen dazu, dass Hirsch und Hase, Reh und Fuchs ganzjährig auf der Flucht sind. Anders in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern mit kurzer Jagdsaison. Dort wird ein Naturspaziergang nicht nur durch liebliche Landschaften zum Erlebnis, sondern auch durch die Wildtiere, die man dort zu Gesicht bekommt.

Bei uns in Deutschland ist das fast nur in Wildparks und Zoos möglich. Und auch dort zeigen sich Unterschiede zwischen scheuen und vorwitzigen Arten. Norbert Sachsers Studenten testeten im Zoo von Münster die Einstellung unterschiedlicher Spezies zu den Menschen auf der anderen Seite des Gehegezauns. Nashörner, so fanden sie heraus, würden sich gern verstecken. Pinselohrschweine hingegen freuen sich über Besucher und strecken ihnen neugierig den Rüssel entgegen. Es gibt also doch ein Schwein, das sich für uns interessiert.

Der Autor ist Journalist und Filmemacher. Von ihm erschien das Standardwerk »Das bizarre Sexualleben der Tiere« (Eichborn-Verlag)

 
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