Verhaltensforschung Wir im TiervisierSeite 4/4
Schafe sind Haustiere, Zooschimpansen können nicht abhauen: Sie sind gezwungen, sich mit Menschen zu beschäftigen. Aber wie steht es mit den wilden Verwandten? Wie auch immer sie uns sehen – wollen sie uns überhaupt sehen? Haben nicht alle Tiere eine natürliche Scheu vor dem Menschen? Auch dabei kommt es mal wieder auf die Art an. Die Fachliteratur spricht von shy species und bold species , scheuen und kühnen Arten. Die einen flüchten panisch ins Unterholz, wenn ein Mensch auch nur am Horizont auftaucht. Bei den anderen überwiegt die Neugier. Diese Grundhaltung ist genetisch verankert. Doch ob bold species den Kontakt zu uns aufnehmen, hängt obendrein entschieden von ihren Erfahrungen ab. In afrikanischen Nationalparks kann man an der Fluchtdistanz der Tiere erkennen, wie lange das Schutzgebiet schon existiert. Tiere, die die Großwildjagd noch in frischer Erinnerung haben, flüchten viel früher als solche, die Menschen nur als harmlose Insassen zebragestreifter Touristenbusse kennen.
Dies ist auch der Grund, warum man beim Wandern in Deutschland so wenige Tiere sieht. Auch in unseren Wäldern kreucht und fleucht es. Deutsche Wildtiere werden jedoch durch ein fragwürdiges Jagdsystem unnötig scheu gemacht. Lange Jagd- und kurze Schonzeiten führen dazu, dass Hirsch und Hase, Reh und Fuchs ganzjährig auf der Flucht sind. Anders in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern mit kurzer Jagdsaison. Dort wird ein Naturspaziergang nicht nur durch liebliche Landschaften zum Erlebnis, sondern auch durch die Wildtiere, die man dort zu Gesicht bekommt.
Bei uns in Deutschland ist das fast nur in Wildparks und Zoos möglich. Und auch dort zeigen sich Unterschiede zwischen scheuen und vorwitzigen Arten. Norbert Sachsers Studenten testeten im Zoo von Münster die Einstellung unterschiedlicher Spezies zu den Menschen auf der anderen Seite des Gehegezauns. Nashörner, so fanden sie heraus, würden sich gern verstecken. Pinselohrschweine hingegen freuen sich über Besucher und strecken ihnen neugierig den Rüssel entgegen. Es gibt also doch ein Schwein, das sich für uns interessiert.
Der Autor ist Journalist und Filmemacher. Von ihm erschien das Standardwerk »Das bizarre Sexualleben der Tiere« (Eichborn-Verlag)
- Datum 23.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.03.2005 Nr.13
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