Erinnerung Die Schande bleibt
Zur Eröffnung des neuen Schoah-Museums am Mahnmal Yad Vaschem: Genozide sind ein universelles Phänomen
Das soeben eröffnete Museum am Yad Vaschem, der Schoah-Gedenkstätte in Jerusalem, bietet eine Interpretation des Genozids der Juden an, die sich von ähnlichen Interpretationsversuchen unterscheidet. Es sind zwar die Opfer – und natürlich auch die (wenigen) Retter –, die im Zentrum stehen, aber nicht als nur passive Leidtragende, sondern als Einzelne, Familien und Gemeinden. Nicht nur als Objekte des Massenmordes, sondern als Subjekte, Akteure, lebendige Gestalten, die arbeiteten, träumten, liebten, hassten. Wir begegnen in Yad Vaschem einem lebendigen Kulturvolk: Orthodoxen, Atheisten, Liberalen, Kommunisten, Zionisten, Sozialisten. Es ist der Verlust dieser unzähligen unersetzlichen Leben, den das Museum betont. Wie viele Einsteins, Liebermanns, Menuhins, Husserls gingen da der Menschheit verloren?
Yad Vaschem ist eine israelische Institution, die als allgemeine jüdische Gedenkstätte anerkannt werden will, und ihr erklärtes Ziel besteht darin, die Erinnerung an die Opfer zu pflegen. Das streben zwar auch andere Gedenkstätten an, aber im Ergebnis gibt es doch große Unterschiede: Das demnächst zu eröffnende Berliner Holocaust-Mahnmal beispielsweise betont die Anonymität und das enorme Ausmaß des Massenmordes durch Betonblöcke verschiedener Größen, andererseits sollen den Besuchern die Namen von Millionen der Ermordeten vorgezeigt werden. Yad Vaschem tut das Gegenteil: Statt der bloßen Namen werden Lebensläufe erzählt, Gesichter gezeigt, zum Beispiel das der Berliner Jüdin Charlotte Salomon (1917 bis 1943). Sie konnte trotz der schon gültigen nationalsozialistischen Rassengesetze 1935 an der Berliner Kunstakademie studieren und Malerin werden. Nach Frankreich geflüchtet, schuf sie dort Hunderte Bilder von außerordentlicher Qualität. Sie heiratete einen anderen Flüchtling; beide wurden später von den Deutschen nach Auschwitz verschleppt und ermordet. Die Gemälde aber blieben in Frankreich und befinden sich jetzt im Yad Vaschem.
Auf ähnliche Weise wird die ganze Geschichte der Schoah erzählt. Wir sehen den Wohnraum einer typischen deutsch-jüdischen Familie, der es gelang, nach Palästina auszuwandern. Die Schicksale sowohl der vielen Ermordeten als auch der wenigen Überlebenden erscheinen natürlich im Kontext des nationalsozialistischen Verbrechersystems. Erwähnt, aber nicht eingehend behandelt, werden auch die so genannten Zuschauer, die bystanders, der Schoah: die europäischen Völker, unter denen die Juden lebten, sowie die westlichen und östlichen Mächte, die am Ende das nationalsozialistische Deutschland niederschlugen. Natürlich sind auch die Täter da, die berühmten und die gar nicht bekannten, in Lichtbildern der Gesichter und Dokumentationen einiger ihrer Taten. Damit das Ganze übersichtlich bleibt, wird die Chronologie der so genannten »Endlösung« befolgt.
Flinke israelische Journalisten, die mehr schreiben, als sie verstehen, haben versucht irgendwelche Zwistigkeiten, Konkurrenzen zwischen den verschiedenen Gedenkstätten ausfindig zu machen, damit die Museumseröffnung auch journalistisch pikant wird. Doch kann man heute sagen, dass die verschiedenen Museen, die den Genozid an den Juden darstellen (sei es das Holocaust Museum in Washington, das Museum in Auschwitz, das Imperial War Museum in London, das Centre de Documentation Juive Contemporaine in Paris), gut, sehr gut oder ausgezeichnet miteinander arbeiten. Yad Vaschems riesiges Archiv, mit ungefähr 58 Millionen Seiten von Dokumenten, und das ebenfalls sehr große Archiv in Washington tauschen Dokumentenserien, sodass in Zukunft beide Sammlungen an beiden Stellen dem Publikum zugänglich sein werden. Israelische Forscher sind in Amerika sehr willkommen, genauso amerikanische am Yad Vaschem. Auch mit Berlin besteht eine sehr gute Zusammenarbeit – die erwähnte Namensliste der Ermordeten wurde vom Yad Vaschem zur Verfügung gestellt.
Jeder Massenmord wird durch eine Ideologie gerechtfertigt
Das soll nicht heißen, dass die verschiedenen Gedenkstätten die Schoah auf dieselbe Weise beschreiben. Amerikaner, Juden und Nichtjuden, deutsche Nachkommen der Tätergeneration, Nachkommen polnischer Opfer des Nationalsozialismus und in der Zukunft bestimmt auch Sinti und Roma, werden dieselbe Geschichte unter verschiedenen Gesichtspunkten erzählen. So erwähnt das neue Museum am Yad Vaschem auch den Genozid an den europäischen Roma und Sinti, doch ist es eben kein Museum über den Genozid als allgemeines Phänomen. Wie verhält sich aber die Schoah zum Genozid als solchem?
Jeder Genozid ist immer gegen eine spezifische Gruppe von Menschen gerichtet, und wenn man ihn verstehen will, muss man sich notgedrungen mit dieser Menschengruppe befassen. Juden wurden nicht in die Vernichtungslager verschleppt, weil sie Menschen waren, sondern Menschen wurden dorthin verschleppt, weil sie Juden waren. Die Jungtürken ermordeten nicht Massen x-beliebiger Menschen, sondern Armenier. Dasselbe galt für die Tutsi in Ruanda und gilt heute für die afrikanischen Ethnien in Darfur, die von den arabischen Janjawid-Milizen im Sudan ermordet werden. Das Spezifische jedes Genozids erklärt aber zugleich das Universelle am Genozid. Das gilt für Yad Vaschem ebenso wie für die eindrucksvolle Gedenkstätte des Völkermords an den Armeniern in Jerewan. Dort wird zwar nichts über die Juden oder die Roma oder die von der deutschen Armee ermordeten Hereros im heutigen Namibia erwähnt, trotzdem ist es eine Gedenkstätte des Genozids an sich. Jeder Genozid ist verschieden, aber es gibt Gemeinsamkeiten. Da sind zunächst die Leiden der Opfer. Es gibt keinen besseren oder schlimmeren Genozid, so wie es auch keinen besseren oder schlimmeren Mord gibt, keine bessere oder schlimmere Tortur und keine Skala des Leidens überhaupt. Juden, Armenier, Polen, die gepeinigt, geschändet und ermordet wurden, litten dasselbe. Auch die Unfähigkeit der so genannten zivilisierten Welt, Genozide zu verhindern oder wenigstens zu stoppen, ist ein übergreifendes Charakteristikum. Die Unterschiede liegen anderswo.
Das Argument, die Schoah sei die bisher extremste Form des Genozids, beruht auf der Tatsache, dass da ein moderner Staat den totalen Mord an jedem Einzelnen der zur vernichtenden Menschengruppe verüben wollte, und zwar möglichst überall auf der Welt. Auch die die Schoah rechtfertigende Ideologie – und jeder genozidale Massenmord wird immer durch eine Ideologie gerechtfertigt – war speziell, nämlich unpragmatisch. Der Antisemitismus der Nazis beruhte auf christlich-antijüdischen, albtraumartigen Vorstellungen, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hatten: dass die Juden Weltherrschaft anstrebten (ein verzerrter Spiegel der nationalsozialistischen Sucht, die Welt zu beherrschen), dass sie die Kultur anderer Völker korrumpierten… Andere genozidale Ideologien fußten immer auf wirtschaftlichen, politischen oder militärischen Interessen. Doch die Nazis ermordeten Juden, die durch Zwangsarbeit kriegswichtiges Material produzieren oder Straßen hätten bauen können. Dass so etwas in einem kapitalistischen Staat geschehen konnte, macht die These, die Schoah sei ein Resultat der Moderne gewesen, äußerst fragwürdig.
Die Reaktionen der plötzlich von Vernichtung bedrohten Juden waren unterschiedlich. Es gab viele, die der extremen Situation moralisch nicht standhalten konnten: jüdische Polizisten, die Handlanger der Deutschen wurden, Spitzel, Verzweifelte und Verhungernde, die keine Energie mehr aufbringen konnten, um durch ihren Kampf ums Weiterleben den Nazis wenigstens symbolisch die Stirn zu bieten. Doch es gab auch sehr viele Juden, die ihrem Sterben einen Sinn zu verleihen versuchten. Ihre Bemühungen, in den Ghettos ein kulturelles Leben weiterzuführen, Lebensmittel zu schmuggeln, die Familie vor dem Verhungern zu bewahren werden nun im Museum dargestellt. In diesen Zusammenhang gehört auch die Geschichte des Warschauer Ghettoarchivs, das nach dem Krieg im Schutt der Ghettohäuser gefunden wurde, und die der heroischen Gestalt des Emmanuel Ringelblum, Historiker im Ghetto, der 1944 ermordet wurde. Überlebende Augenzeugen wiederum, darunter Marcel Reich-Ranicki, der als Übersetzer beim Warschauer Judenrat arbeitete, sind in Videoaufnahmen zu sehen. Man kann – vielleicht soll man – mehrere Stunden im Museum verbringen.
Dem bewaffneten Widerstand, der viel massiver war, als man es sich bisher vorgestellt hat, ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Dort beeindruckt vor allem der Bericht des 1987 verstorbenen Schriftstellers Abba Kovner, der der zweite Kommandant der Untergrundorganisation in Vilnius war und dann die jüdischen Partisanenorganisation in den litauischen Rudniki-Wäldern befehligte. Für die überschaubare Gruppe der »Gerechten« kommen stellvertretend der Deutsche Oskar Schindler und der Schwede Raoul Wallenberg zu Wort, aber auch Aristide de Sousa Mendes, der portugiesische Konsul in Bordeaux, der 1940 Tausenden jüdischen Flüchtlingen die Flucht nach Portugal ermöglichte.
Medien nehmen den Nahost-Konflikt zum Anlass für antijüdische Kritik
Am Ende stehen: die Befreiung, die DP-Lager in den westlichen Besatzungszonen. Jüdische Überlebende aus Osteuropa flohen in die DP-Lager in Deutschland, Österreich und Italien, und fast 70000 versuchten, illegal nach Palästina zu kommen. Andere wurden von jüdischen Hilfsorganisationen versorgt und gelangten nach Nord- und Südamerika. Die Ausstellung schließt einerseits mit Überlebenden, die in Amerika ankommen, im Hintergrund sieht man die Wolkenkratzer von New York, und andererseits mit der Unabhängigkeitserklärung Israels durch Ben Gurion am 14.Mai 1948. Jedoch: Wo werden die Konsequenzen der Schoah dargestellt? Wo die Lehren, die man ziehen soll? Die Antwort lautet: Nirgends. Jeder lernt in Yad Vaschem aus der Schoah das, was er lernen will. Es scheint dem Museum gelungen zu sein, keine Ideologie zu predigen, und doch wird klar, was die Ausstellungsmacher sagen wollen.
Das Ganze ist wie ein riesiger dreieckiger Keil in den Berg getrieben, und man hat das Gefühl, in einer Untergrundanlage zu sein. Am einen Ende ist die Vorkriegswelt durch eine Videocollage beschrieben, dann verengt sich der Keil aus nacktem Beton. Doch man kann nicht einfach hindurchgehen, sondern ist gezwungen, im Zickzack durch die eigentlichen Ausstellungsräume zu wandern, bis sich der Keil wieder, bergauf führend, erweitert. Dort befindet sich ein riesiger Konus mit unzähligen Fotos und Kurzbeschreibungen von Ermordeten, die sich unten im Brunnenwasser widerspiegeln. Ringsum, in konzentrischen Kreisen, die ursprünglichen Zeugenblätter, jetzt über zweieinhalb Millionen, die vom Yad Vaschem gesammelt wurden. Und dann geht man hinaus. Der Ausgang führt zu einem dreieckigen Riesenfenster, und man blickt über Jerusalem und die Wälder am Rand der Stadt. Das ist die Botschaft des Architekten Moshe Safdie: Das jüdische Volk wurde nicht vernichtet. Das Symbol seines Überlebens ist die Verbindung zwischen der Gedenkstätte und Jerusalem.
Wer Yad Vaschem besucht, sollte angesichts der Einzelschicksale Folgendes nicht vergessen: dass die nationalsozialistische Ideologie von einer besonders radikalen Variante des Antisemitismus geprägt war, dass an die 35 Millionen Menschen durch den vom antisemitischen Nazideutschland verursachten Krieg ums Leben kamen und das Europa in weiten Teilen zerstört wurde. Wäre das nicht Grund genug, die jetzige Welle des Antisemitismus in Europa zu bekämpfen? Hier dürfen die Neonazis und die Glatzköpfe durchaus nicht als Hauptsache missverstanden werden, zwei andere Phänomene sind nämlich maßgebend. Da ist einerseits der radikale und gewalttätige Antisemitismus einer kleinen, aber wachsenden Minderheit verzweifelter, diskriminierter, nicht integrierter, zum großen Teil arbeitsloser muslimischer Jugendlicher, gewöhnlich Söhne von Immigranten. Andererseits gibt es einen verbreiteten Antisemitismus unter Vertretern der plappernden Klassen, also der Intelligenz und der Medien. Sie nehmen den israelisch-palästinensischen Konflikt zum Anlass, um ihre antijüdische Einstellung zu rechtfertigen. Dabei geht es letztlich nicht um politische Kritik an einer israelischen Regierung – das wäre durchaus in Ordnung, und die in Israel geübte Kritik an der eigenen Regierung ist inhaltlich viel schärfer als die im europäischen Ausland. Das Ressentiment ist vielmehr gegen die Existenz Israels gerichtet, gegen das Recht der Juden auf ihre politische Unabhängigkeit. Wenn dem Staat Israel aber die Existenzberechtigung abgesprochen wird, verbirgt sich dahinter eine implizit genozidale Einstellung.
Trotz der Genocide Convention von 1948 sind seit der Schoah andere Genozide oder genozidale Massenmorde verübt worden. Der Genozid, der jetzt in Darfur stattfindet, kann nur weitergehen, weil die so genannte internationale Politik zu gespalten und auf nationale Interessen ausgerichtet ist, um den Massenmord vermeiden zu wollen. Auf einer internationalen Konferenz in Stockholm, im Januar 2004, versuchte man zwar die Bemühungen um eine gemeinsame antigenozidale Stellungnahme zu fördern, ein besonderer Berater des UN-Generalsekretärs wurde ernannt, doch das Massensterben der afrikanischen Ethnien im sudanesischen Darfur geht weiter. Ja, es wird mehr darüber geschrieben als vorher. Mehr Menschen zeigen sich besorgt, doch bisher hat das noch nicht geholfen. So wird es weitergehen, es sei denn, die so genannte zivilisierte Menschheit, darunter auch ganz prominent die EU, erkennt den Genozid als Bedrohung für alle Menschen an und greift praktisch ein. Das ist eigentlich die Warnung, die das neue Museum an seine Besucher richtet.
Yehuda Bauer, geboren 1926 in Prag, ist einer der bedeutendsten Historiker der Schoah. Er ist wissenschaftlicher Berater des International Center for Holocaust Studies am Yad Vaschem, dessen Leiter er von 1996 bis 2000 war. Im Suhrkamp Verlag erschien von ihm »Die dunkle Seite der Geschichte«
- Datum 23.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.03.2005 Nr.13
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