Krankenstand Arbeitsunfähig wegen Depression

Der Krankenstand ist auf einen historischen Tiefstand gesunken. Doch immer mehr Menschen werden psychisch krank

Eine kranke Seele in einem gesunden Körper - so könnte die Zukunft des europäischen Arbeitnehmers aussehen. Arbeitsmediziner und Betriebskrankenkassen sehen eine bedenkliche Entwicklung: Während der Krankenstand auf einen historischen Tiefstand gesunken ist, hat sich der Anteil der psychischen Erkrankungen als Ursache für Arbeitsunfähigkeit seit 1990 auf acht Prozent mehr als verdoppelt.

Fast alle anderen Krankheitsarten wie Muskel- und Skeletterkrankungen (27 Prozent) und Verletzungen (15 Prozent) sind in den letzten Jahren seltener geworden - die Zahl der psychischen Erkrankungen ist dagegen sogar gestiegen. Ein allgemeiner Trend: Nach einer Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation werden depressive Störungen 2020 die zweitwichtigste Krankheitsursache in Europa sein. Schon jetzt sind sie die viertwichtigste. Der Studie zufolge werden zwanzig Prozent aller Europäer einmal in ihrem Leben eine Depression entwickeln.

Im Gesundheitsreport 2004 des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen sind Depressionen eine der häufigsten Einzeldiagnosen überhaupt - während der Krankenstand insgesamt sinkt. Die bei den Betriebskrankenkassen versicherten erwerbstätigen Pflichtmitglieder waren im Schnitt nur noch an dreizehn Kalendertagen arbeitsunfähig. 44 Prozent der Beschäftigten fehlten überhaupt nicht krankheitsbedingt. Damit hat die Krankenstandsquote mit 3,6 Prozent den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen 1976 erreicht. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam im Februar 2005 eine Erhebung des Bundesgesundheitsministeriums, die den Krankenstand der Mitglieder in der Gesetzlichen Krankenversicherung untersuchte. Die dort errechnete Krankenstandsquote liegt mit 3,37 Prozent für 2004 sogar noch niedriger.

Nach der Einführung der Lohnfortzahlung 1970 lag die Krankenstandsquote dem Gesundheitsministerium zufolge bei 5,6 Prozent und sank bis einschließlich 2002 nie unter 4 Prozent - doch seit 1995 (5,08 Prozent) nimmt die Zahl der Krankheitstage rapide ab.
Wagen es die Menschen aus Furcht um ihren Arbeitsplatz nicht, sich krank zu melden? Der BKK-Bundesverband warnt davor, den Angstfaktor zu hoch zu bewerten, wenn er auch eine wichtige Rolle spiele. "Dieses Argument greift jedoch viel zu kurz", bemängelt BKK-Sprecherin Christine Richter. Sie weist darauf hin, dass die Arbeitslosenquote zwischen 1997 und 2001 sank, die Krankenstandsquote jedoch weiter fiel.

Man kann ihr entgegenhalten, dass diese Zahlen nichts über das subjektive Empfinden der Menschen aussagen - und in der Tat gaben in einer Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK 2002 zwei Drittel der Befragten an, im Falle einer Krankmeldung berufliche Nachteile zu fürchten. 71 Prozent gingen trotz Krankheit zur Arbeit.

BKK-Sprecherin Christine Richter führt dagegen den Strukturwandel in der Arbeitswelt als entscheidenden Faktor an. Der Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor ist seit Anfang der Neunzigerjahre von 60 auf 70 Prozent gestiegen, und im Dienstleistungssektor sind die Krankenstandszahlen weitaus niedriger - so fehlt ein Elektroingenieur durchschnittlich 2,2, ein Betonbauer dagegen 21,2 Tage im Jahr. Peter Hernold vom BKK-Bundesverband weist allerdings auch diesem Strukturwandel nur einen "begrenzten Einfluss" auf die Entwicklung der Krankenstandsquote zu. Er sieht "Selektionsprozesse" in der Wirtschaft als Ursache: In den letzten Jahren seien vom Beschäftigungsabbau vor allem jene betroffen gewesen, die überdurchschnittlich häufig arbeitsunfähig waren.

Eine andere Erklärung bringt der Verband deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW)  ins Spiel. Er sieht im abnehmenden Krankenstand auch einen Erfolg der Betriebsärzte. So haben Arbeitsmediziner erreicht, dass Zementsäcke statt 40 nur noch 25 Kilogramm wiegen dürfen. "Das hat die Zahl der Muskelerkrankungen bei Maurern deutlich sinken lassen. Zugleich sind in vielen Branchen Absauganlagen installiert worden. Dadurch ist die Zahl der Bronchialerkrankungen gesunken", erläutert Präsidiumsmitglied Anette Wahl-Wachendorf. Auch habe sich das Arbeitsklima in vielen Betrieben verbessert, da die Ärzte zwischen Vorgesetzten und Untergebenen vermitteln - und ein gutes Betriebklima wirke sich positiv auf die Krankenstandsquote aus.

 
  • Serie cvd
  • Quelle (c) ZEIT.de, 29.3.2005
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service