In Amerika würden sie Mohammed Saad zum Actionstar aufbauen. Saad hat diese Ausstrahlung wie Bruce Willis, rau und voller Spannung unter der gutmütigen Oberfläche. In Hollywood würden sie so einem einen Flammenwerfer in die Hand drücken und gegen ein paar hinterhältig clevere Terroristen antreten lassen. In Ägypten muss ein Bunsenbrenner reichen, und seinen ärgsten Feind hat der Mann in sich selbst. In Three Okal spielt Saad einen hysterischen Automechaniker. Einen, der greint und schwächelt bei jeder Gelegenheit. Der dauernd in hektischer Bewegung ist, aber ohne ein Ziel. Einen Helden wie Okal, endlos bedürftig, ohne die geringste Selbstachtung, völlig unberechenbar für sich und seine Umgebung – so eine Nullnummer wäre selbst in den billigsten amerikanischen C-Filmklamotten schwer zu finden. In Ägypten ist er ein Kassenmagnet, vor allem für junge Männer, die sich noch nachts um zwei Uhr um Karten prügeln.

Kairo ist das "Hollywood am Nil" und prägt das Selbstbild der Araber

Was sagt es über das Selbstbild der arabisch-islamischen Welt, wenn Tausende kleiner Okals sich vor den Kinokassen drängeln? Der ägyptische Film beherrscht den Fernseh- und Filmmarkt im Nahen Osten. Abseits von der hoch gelobten arabischen Literatur gibt es von Syrien bis in die Golfstaaten einen dankbaren Markt für das "Hollywood am Nil". Auf den ersten Blick herrscht in den meisten Produktionen der pure Eskapismus, zumal in fast allen Ländern die Zensur regiert. Doch unterschwellig spürt man den Druck sehr wohl, zu politischen, religiösen und sozialen Themen Stellung nehmen zu müssen. Dies hat nicht nur mit dem wachsenden medienpolitischen Einfluss der Islamisten zu tun. Von außen macht das Satellitenfernsehen Konkurrenz und setzt mit immer besser zugänglichen Kinofilmen und Erotikkanälen, Nachrichten und Dokumentationen aus dem Westen die heimische Medienindustrie unter Reaktionszwang.

"Es gibt keine Krise in unserer Filmindustrie. 95 Prozent der arabischen Dramaproduktionen kommen aus Ägypten", sagt Nabil Osman, und damit scheint das Thema für ihn erledigt. Osman ist einer der Geschäftsführer von Egyptian Media Production City (EMPC), der nach eigenen Angaben größten Fernsehproduktionsfirma in der arabischen Welt. Aus Osmans Perspektive sind Filme wie Three Okal kein besonders bemerkenswertes Phänomen. "Wir sind in erster Linie da, um Profit zu machen und um zu unterhalten. Oder produzieren Sie in Deutschland etwa Vorabendserien über Arbeitslosigkeit?"

So spricht ein früherer hochrangiger Regierungsbeamter, ein Vertreter jener prowestlichen Oligarchie, die in Ägypten und den meisten Nachbarländern das Sagen hat. Hier redet man sich den Status quo mit Globalisierungsoptimismus schön. "Wir leben in einer kosmopolitischen Gesellschaft, die über ihre Programme entscheidet. Der Name des Spiels ist: keine Restriktionen", sagt Osman. Doch den Optimismus teilen längst nicht alle. In der Filmabteilung der ägyptischen Handelskammer beklagt man, dass die Marktorientierung tatsächlich die alte Genrevielfalt mit Musicals, Literaturverfilmungen und realistischem Autorenkino zerstört hat. Heute könne man nur noch Komödien produzieren, die vor den strengen Zensurvorschriften in den meisten arabischen Ländern bestehen. Ingesamt ist der Output von Kairos Studios auf einen historischen Tiefstand in ihrer rund hundertjährigen Geschichte gesunken: Erst 15 Kinofilme wurden im laufenden Jahr produziert, gegenüber 300 im Jahr 1985.

"Die Produzenten sind nicht mehr sicher, wer ihr Publikum ist und was es sehen möchte", sagt der Filmkritiker Mohammed al-Assyouti. "Jeder weiß, dass zu Hause die Satellitenprogramme laufen, aber nach außen geben sich die Leute immer prüder. Es gibt natürlich Zensur von Seiten der Politik und Vorstöße der Religiösen, aber vor allem vonseiten der Öffentlichkeit selbst. Die Leute wollen sich nicht mit Religion, Politik und Sex konfrontiert sehen. Darin liegt die Heuchelei und die Stagnation", sagt der Mitarbeiter der Wochenzeitung Al-Ahram Weekly.

Zum Beispiel die Diskussion um die Schauspielerin und Sängerin Ruby. Wegen ihrer freizügigen Videoclips und frechen Ludersprüche zieht das ägyptische Girlie seit längerem schon den konservativen Zorn auf sich. In ihrem Film Seven Playing Cards, eine auf 90 Minuten mühsam gestreckte Clipshow, spielt Ruby eine Nachtclub-Sängerin in dem Badeort Scharm al-Scheich Bei ihrem ersten Auftritt rutscht sie an einem Stahlrohr herunter, darüber gehen die erotischen Anspielungen aber nicht hinaus. Es gibt nicht einmal einen offenen Kuss zu sehen. Der Frauentyp, an den sich Ruby hält, hat im ägyptischen Film eine lange Tradition: die verführerische, unschuldige Kokette. Stars wie Soad Hosni und Shems al-Barudi haben diesen Typ verkörpert. Gegen Ruby wurden dennoch Verbotsrufe laut, und zwar ohne dass der Staat oder die Fundamentalisten den Anstoß gaben. Der Vorstoß kam zuerst aus den Reihen der Künstlergewerkschaften, die sich über Dekadenz und Exhibitionismus der "Porno-Clips" beklagten.

"Man entblößt sich nicht dauernd. Niedere Werte helfen uns nicht"