Öl erscheint vielen Verbrauchern derzeit als sehr teuer. Tatsächlich ist Öl heute billiger als vor 20 Jahren, in realen Preisen gerechnet. Und es ist kaum teurer als Anfang der dreißiger Jahre. Damals entstand der internationale Ölmarkt. Seitdem ist die weltweite Nachfrage um 2000 Prozent gestiegen, während die Ölressourcen knapper wurden. Eigentlich hätte Öl also sehr viel teurer werden müssen. Doch entgegen der Logik des Marktes ist es billig geblieben.

Das Demokratie-Defizit in den Golfstaaten, der Region mit den größten Ölressourcen, ist der wichtigste Grund für dieses scheinbare Mysterium. Im Umkehrschluss folgt daraus, dass mehr Demokratie das Öl teurer machen wird. Das spricht keineswegs gegen die Demokratisierung der arabischen Länder. Es verleiht aber der Greater-Middle-East-Initiative der US-Regierung – so sie als solche ernst gemeint ist – eine Brisanz, die bisher kaum wahrgenommen wurde.

Nicht nur steigende Nachfrage und knapper werdende Ressourcen, auch das Zinsniveau auf den Finanzmärkten hätte den Ölpreis längst in die Höhe treiben müssen. Je geringer sich die Erlöse aus dem Ölverkauf verzinsen, desto größer ist der Anreiz für die Ölförderer, den Rohstoff erst später aus dem Boden zu holen – in der Hoffnung entweder auf steigende Preise oder auf ein steigendes Zinsniveau. Dieser Zusammenhang veranlasste 1931 den US-Ökonomen Harold Hotelling zu der These, dass die Marktpreise von erschöpfbaren Rohstoffen langfristig steigen, und zwar mindestens im Umfang der Wertsteigerung einer Geldkapitalanlage nach der Zinseszinsregel.

Tatsächlich sind langfristig zwar die Preise für Grund und Boden als Bauland nach dieser Hotelling-Regel gestiegen. Die Ölpreise blieben indes hinter der theoretisch zu erwartenden Entwicklung weit zurück. Aus Sicht des neoklassischen Mainstream ist damit die Hotelling-Regel widerlegt. Der Nobelpreisträger Robert Solow meinte 1974 sogar, die Ölressourcen seien gar nicht knapp, sondern im Überfluss verfügbar. Da Solows Behauptung sich inzwischen als grandiose Fehleinschätzung herausgestellt hat, muss ein anderer Faktor für die nur moderate Entwicklung des Ölpreises verantwortlich sein.

Tatsächlich gelten die Marktgesetze nur, wenn alle Marktteilnehmer in der Lage sind, souverän zu handeln. Dies ist die stillschweigende Grundannahme aller neoklassischen Markt- und Gleichgewichtstheorien. Die Souveränität der Marktteilnehmer ist aber untrennbar mit der Demokratie verbunden; dies gilt sowohl binnen- wie auch weltwirtschaftlich für den Handel zwischen Nationen. Weil es den Ölstaaten an Demokratie mangelt, konnten die Ölpreise sich nicht so entwickeln, wie es der Theorie entsprochen hätte.

Tatsächlich hatten die Öleigentümerstaaten des Südens ihre Souveränität als Marktteilnehmer bis Anfang der 1970er Jahre an eine Hand voll multinationaler Ölkonzerne übertragen, in der Regel gegen eine vernachlässigbare Gewinnbeteiligung von 10 bis 20 Prozent. Aus Furcht, die unfairen Verträge würden nicht von langer Dauer sein, holten die Ölmultis über beinahe vier Dekaden so viel Öl, wie sie nur konnten, aus den Bohrlöchern, um anschließend den Erlös auf den internationalen Finanzmärkten anzulegen.

Die starke Konkurrenz um die Verwandlung des mit geringem Aufwand geförderten Öls in Geldkapital machte die Ölmultis einerseits zu den finanzkräftigsten Konzernen der Welt, rief andererseits aber eine latente Überproduktion mit Preisen von 1 bis 2 US-Dollar pro Barrel hervor. Während die Ölschwemme aus den Quellen des Mittleren Ostens zum Grundstein des Massenkonsums in den USA und Europa wurde, verloren die Völker ganzer Regionen unwiederbringlich einen Teil ihres natürlichen Reichtums. Die Eliten der Ölstaaten ließen sich die Knebelverträge zur uneingeschränkten Ölausbeutung durch Ölkonzerne abtrotzen, weil sie sich ausschließlich von ihren eigenen Partialinteressen leiten ließen – und weder zum Wohl ihrer Völker noch zu dem künftiger Generationen handelten. Demokratisch legitimierte Eliten hätten derartigen Verträgen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zustimmen können.

Tatsächlich wurde 1951 die Nationalisierung der Ölindustrie zum Hauptziel der ersten – und bis dato einzigen – demokratisch gewählten Regierung im Iran und im gesamten Mittleren Osten. Diese mit dem Namen Mossadegh verbundene Regierung hätte schon damals andere Völker zum Nachahmen animiert, vielleicht sogar eine Demokratisierungswelle in der gesamten Region ausgelöst, wäre sie nicht 1953 auf Betreiben des amerikanischen Geheimdienstes CIA gestürzt und durch den diktatorisch regierenden Schah ersetzt worden. Ist aber dieses Beispiel nicht der Beweis dafür, dass der vom Ölrausch befallene Westen dazu neigte, souveräne Marktakteure auszuschalten und damit auch die Marktlogik auf den internationalen Ölmärkten außer Kraft zu setzen? Immerhin ging es um die Beibehaltung von Ölniedrigpreisen als Wachstumsmotor des Westens und um nicht weniger als ein Instrument zur Umverteilung beträchtlicher Ölrenteneinnahmen von der Anbieter- zur Nachfragerseite.