Als Wiktor Juschtschenko sich unlängst im Bundestag für die deutsche Unterstützung der Revolution in Orange bedankte und um ein offenes Ohr für die Jugend der Ukraine bat, mögen ausgewiesene Popspezialisten wie Sigmar Gabriel an Ruslana gedacht haben, 2004 Gewinnerin des Schlager-Grand-Prix. Ansonsten hat die ukrainische Popularmusik bislang wenig Breitenwirkung entfalten können. Bands wie Haydamaky, Okean Elsi oder Tartak ("Sägemühle") kennen hierzulande so wenige, dass ein Sampler mit den Songs Of The Orange Revolution eine echte Pioniertat darstellt: praktizierte Osterweiterung und Werbung für ein frisch demokratisiertes Land.

Wie klingt ukrainischer Pop? Zunächst einmal nicht viel anders als handelsübliche Westware. Die Globalisierung scheint so weit fortgeschritten zu sein, dass Gruppen aus Kiew oder Lemberg mittlerweile jamaikanischen Ska, britischen Rock, nordamerikanischen HipHop spielen, das Know-how haben sie sich bei MTV abgeschaut. Besonders beeindruckend die Fortschritte auf dem Gebiet der Dancefloor-Kultur: Jeder Beat, jede Choreografie kennt ein innerukrainisches Pendant. Die Differenz liegt in jener Extraportion Enthusiasmus, die sich immer dann einstellt, wenn Umwälzungen stattgefunden haben, die bekannten Melancholien des Business aber noch unentwickelt sind. Man könnte sagen: Faszinierend am ukrainischen Pop ist sein Mangel an Dekadenz. Obwohl sämtliche Zutaten bekannt sind, passiert alles wie zum ersten Mal.

Dazu gehört auch, dass die ausgewiesene Modernität eine lokalpatriotische Kehrseite hat. Über Rosawa, ein ätherisches Wesen, das in seiner Nebenkarriere Kinderlieder singt, heißt es im Begleittext, ihr seien "Authentizität und ihre slawischen Wurzeln wichtig". Andere berufen sich auf das Reiterleben der Kosaken, die, zusammen mit den einheimischen Bauern, im 18. Jahrhundert der Feudalherrschaft trotzten, und mischen ihre Melodien mit alten Volksweisen. Ukrainischer Pop auf seinem Weg in den Westen – ein Mix aus globalen und lokalen Elementen. All die Fantasmen und Folklorismen, die einmal westlicherseits auf den wilden Osten projiziert wurden, von Tanz-Novelty-Hits der Gruppe Dschingis Khan bis hin zu Heinz Konsaliks Taiga-Beschwörungen, kehren in zeitgemäß aufbereiteter Form wieder. Der Unterschied: Sie sind von der Färbung her ein Ostprodukt. Der Osten hat gewissermaßen die Klischeeproduktion über sich selbst in die eigene Hand genommen.

Meisterin in dieser Disziplin ist zweifellos Ruslana, als Siegerin des European Song Contest zugleich Gastgeberin des diesjährigen Wettbewerbs in Kiew. Ruslana sieht sich nicht nur als Botschafterin ihres Landes, sie will auch auf die Kultur der Huzulen aufmerksam machen, eines Volks aus den Waldkarpaten. Im Video zu Dance With The Wolves, das die Liedersammlung der Revolution in Orange als Bonus Track beschließt, sieht man sie im knappen Ethno-Fellkostüm über die Bühne fegen. In welchem Outfit sie die Show im Mai moderieren wird, steht noch nicht fest, aber sie und ihre Designer werden sich garantiert etwas einfallen lassen. Die fortgeschrittenste Lektion, die Popmusik aus der Ukraine für westliche Ohren bereithält: Am Servicegedanken führt hüben wie drüben kein Weg vorbei.