Die Seele diskutiert mit dem Körper

klassik: Emilio de' Cavalieris Rappresentatione di Anima, et di Corpo ist ein Meisterwerk aus der Frühgeschichte der Oper

Das hätte sich dieser edle Römer, der lange im feindlichen Florenz wirkte, nicht träumen lassen: dass er einmal Prüfungsthema in deutschen Musikwissenschaftsinstituten würde. Dort wird die Frühgeschichte der Oper nämlich gern mit einem kleinen Exkurs zu einem gewissen Emilio de' Cavalieri ausgeweitet. Wie hieß dessen finales Opus doch gleich? Rappresentatione di Anima, et di Corpo.

Cavalieri (1550 bis 1602) war mitnichten ein Opernkomponist, denn die Gattung gab es Ende des Cinquecento noch gar nicht. Aber im Jahre 1600 schlüpfte er, nachdem er bereits zu den prominenten Florentiner Intermedien entscheidende Beiträge geleistet hatte, in die fast ungetragenen Kinderschuhe der Oper - kurz nach Dafne und vor Euridice des Jacopo Peri. Cavalieris Hauptfiguren waren keine (mythologischen) Menschen, sondern die allegorischen Figuren Seele und Körper. Sie meditieren mit einem erklecklichen Aufmarsch an theologischen Argumenten und volkstümlichen Liedern und Madrigalen über weltliche Lust und jenseitige Seligkeit. Wobei das Himmelreich, als hätten wir's geahnt, das erstrebenswertere Ziel ist.

Dazu hat Cavalieri nicht nur bewährte musikalische Techniken verwendet, sondern auch neue erfunden, etwa den Stile recitativo und den Basso continuo.

In der Rappresentatione begegnen sich spätmittelalterliches Mysterienspiel und zukünftiges Musiktheater. Das Markenzeichen des Komponisten ist eine anspringende Farbigkeit des Orchesterklangs, und die Aufnahme mit dem Ensemble L'Arpeggiata unter Christina Pluhar arbeitet sie ohne jede Altertumsehrwürdigkeit heraus. Die Künstler lassen die Musik wie einen Nationalpark erscheinen, in dem lauter vom Aussterben bedrohte (Instrumenten-)Tiere wie Psalterion, Violetta, Lirone, Flautino oder Dulzian sich traulich oder knurrend an den Zuhörer schmiegen. Auch sängerisch tönt das fabelhaft lebendig. Als die Oper in Rom erstmals erklang, war Cavalieri schon wieder entschwunden, nach Florenz natürlich. Ein anderer war ebenfalls nicht zugegen, hat aber seinen Cavalieri sorgfältig studiert und viel gelernt - Claudio Monteverdi.

Emilio de' Cavalieri: Rappresentatione di Anima, et di Corpo

Johanette Zomer, Marco Beasley u. a., Ensemble L'Arpeggiata, Ltg. Christina Pluhar

(alpha 2 CD 054/Note 1)

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    • Von Wolfram Goertz
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 14/2005
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