Damit hatte niemand gerechnet. Knapp ein Jahr, nachdem die Europäer die Aufnahme von zehn neuen Mitgliedern feierten, geht die Angst um. Nicht bei den Nachbarn im Osten Europas, sondern hier, im reichen Westen. Lohn- und Sozialdumping wird den Neumitgliedern vorgeworfen. Die Osteuropäer, so protestierten 60000 Gewerkschafter in den Straßen Brüssels, machen das soziale Modell Europas kaputt und nehmen uns die Jobs weg.

Um bloße Stimmungsmache geht es dabei nicht. In den vergangenen Monaten wurden 26.000 Mitarbeiter der deutschen Fleischwirtschaft durch osteuropäische Kollegen ersetzt. Etwa 331.000 Saisonarbeitskräfte aus Osteuropa kamen im vergangenen Jahr ins Land. Allein in Berlin sind schätzungsweise 30.000 polnische Putzhilfen und Kleinhandwerker tätig, legal wie illegal. Die Zahl der polnischen Werkvertragsarbeiter, die in deutschen Betrieben arbeiten, liegt bei 20.000. Im vergangenen Jahr machten Handwerker aus den Beitrittsländern 4440 Betriebe in der Bundesrepublik auf. Grobe Bilanz: Schätzungsweise 600.000 Arbeitskräfte aus Osteuropa sind in Deutschland schon beschäftigt.

Ganz neu ist das Phänomen nicht. Spargelstecher, Kirschenpflücker, Zimmermädchen, Kellner, Sägewerksarbeiter – sie kommen seit langem mit Saisonverträgen ins Land. Fleischbetriebe fingen schon zu Beginn der neunziger Jahre an, Betriebsteile wie das Schlachten und Zerlegen auszulagern und ausländischen Subunternehmen anzuvertrauen. Und polnische Putzhilfen sind aus den Berliner Haushalten nicht wegzudenken, seit 1991 die Visumspflicht aufgehoben wurde.

Polnische Gewerkschafter sind erzürnt

Doch mit dem Anwachsen der Arbeitslosigkeit in Deutschland hat sich die Wahrnehmung verändert. Warum, so fragen viele, tut der Staat nichts gegen den Jobtourismus aus dem Osten – oder fördert ihn gar? Die Visa-Affäre, die gleichzeitig mit der Rekordzahl von 5,2 Millionen Arbeitslosen Schlagzeilen machte, hat Ängste geschürt. Tausende Osteuropäer, vor allem Ukrainer, strömten nach Deutschland, mancher blieb als Schwarzarbeiter hängen.

Die EU-Erweiterung vor knapp einem Jahr hat die Billigkonkurrenz verschärft. Osteuropäische Handwerksfirmen können seitdem hierzulande tätig werden und ihre eigenen Arbeitstrupps mitbringen. Zusätzlich soll eine neue Richtlinie der EU die Hindernisse für den Austausch von Dienstleistungen abbauen. Und selbst wenn nicht, spätestens mit dem Ende des Jahrzehnts fallen die letzten Schranken, dann darf sich jeder Bürger eines Beitrittslandes auch in Deutschland den Job seiner Wahl suchen.

Bisher dürfen sich nur Unternehmer und Selbstständige aus den neuen Mitgliedsstaaten relativ frei in der EU betätigen. Für Deutschland gelten Ausnahmen: Bau- und Reinigungsgewerbe bleiben geschützt. Ebenso die 41 Berufe, bei denen der Meistertitel für eine Gründung verlangt wird. Doch die Zuwanderer sind einfallsreich. Sie melden sich zum Beispiel als Fliesenleger an, einem Beruf ohne Meisterhürde – und suchen dann nach anderer Arbeit.

Obwohl die neue Bewegungsfreiheit nur für Betriebe und nicht für Arbeitnehmer gilt, finden sich auch da Auswege: Osteuropäische "Handwerker" schließen zeitlich begrenzte Werkverträge mit deutschen Unternehmen und werben zu diesem Zweck zu Hause Arbeiter an. Diese "entsandten Werkvertragsarbeitnehmer" brauchen keine deutsche Arbeitserlaubnis. Hiesige Tarifverträge gelten in der Regel nicht, Steuern und Sozialbeiträge werden – wenn überhaupt – im Herkunftsland gezahlt.