Meist ist eine Weltausstellung ja nur Weltverstellung. Da wird nach Kräften geschönt, erheitert, aufgehellt, und wenn doch mal ein Funken Wahrheit aufspringt, dann ungeplant und ungewollt – so wie im deutschen Pavillon auf der gerade eröffneten Expo in Japan. Heftig geriet da eines unserer Lieblingsklischees ins Wanken, denn Deutschland, das Dauerpünktliche, das Allzeitakkurate, es wurde nicht rechtzeitig fertig. Alle Nationen, fast alle, hatten ihre Pavillons aufgesperrt, selbst Pakistan und die Republik Vanuatu konnten die über hunderttausend Vorbesichtigungsgäste freundlich empfangen. Unser Germany aber hielt die Stahltür dicht. Und tröstete sich damit, dass schließlich auch drüben beim Jemen noch mächtig gewerkelt wurde.

Erst als der Andrang wuchs, als immer mehr Japaner die weiten Wege fluteten und der Hitachi-Pavillon bereits 200 Minuten Wartezeit meldete, ließ sich Deutschland doch noch blicken. Für zwei Stunden durfte sich zeigen, mit welchem Selbstverständnis die Republik – unter der Regie von Clements Wirtschaftsministerium – in Nagoya auftritt, welches Bild sie von sich selbst entwirft. Aber was heißt da Bild? Deutschland ist eine Höhle, drückend, spinnwebenverhängt. Schier endlos stolpert der Besucher durch die Düsternis einer Pappmachégruft, bis schließlich ein Gefährt auftaucht, eine rumpelnde Achterbahn, die ihn mitnimmt, steil hinauf, dann in Schussfahrt bergab, schaukelnd, ächzend, vorbei an Bildern lieblich-deutscher Lande. Am Schluss heftiges Bremsen, Stillstand, unbestimmtes Warten – nein, besser lässt sich deutsche Gegenwart wirklich nicht vorführen.

Der deutsche Geist? Er fährt rumpelnd in der Achterbahn

Gemeint ist das 13 Millionen Euro teure Gegauk-le natürlich als Unterhaltung, amüsant und irgendwie lehrreich, genau wie die sich anschließende Produktabteilung des Pavillons, wo Motorräder und Schwimmanzüge von Erfindungsreichtum und Bionik erzählen – der deutsche Geist fährt Geisterbahn. Und plötzlich erscheint selbst das Kulissengeschiebe, das Gemuse der Allegorien und Mythen auf der Expo Hannover vor fünf Jahren wie großes Staatstheater.

Von den vielen schlechten Erfahrungen damals hatten die Japaner eigentlich lernen wollen. Weil die Industriestadt Nagoya ähnlich verschossen und gesichtslos ist wie Hannover, nur viermal so groß, wählte man als Ausstellungsgelände ein schön bewaldetes Hügeltal jenseits der Stadtgrenze, einen Ort, der etwas Heiles und Heilendes zu verheißen scheint. Zumal für den, der an die "Weisheit der Natur", das Motto der Expo, zu glauben vermag. Viele Japaner tun dies offenbar, jedenfalls hatten schon vor der Eröffnung mehr als acht Millionen eine Eintrittskarte gekauft. Von solchen Zahlen wagte Hannover noch nicht einmal zu träumen.

Doch nicht nur die Natur zieht die Japaner an, viele verspüren auch ein wachsendes Bedürfnis nach einer großen gemeinschaftlichen Rückversicherung. Genau zehn Jahre liegen die Giftanschläge der Aum-Sekte zurück, die aller Welt vor Augen führten, welche Abgründe das vermeintliche Wunderland schon damals durchzogen. Es folgte ein "verlorenes Jahrzehnt", wie es in Japan heißt; alle Glaubenssätze der auf Fortschritt und Technik gepolten Gesellschaft bröckelten. Umso größer ist nun das Verlangen nach Sinn, nach einem frohen Expo-Blick in die Zukunft.

Gezeigt wird aber vor allem Vergangenheit. Anders als die traditionellen Weltausstellungen, die sich der Entdeckung des Neuen, des Weltraum- oder Atomzeitalters verschrieben oder zumindest Symbole des Aufbruchs wie den Eiffelturm hervorbrachten, gibt sich Nagoya bescheiden, ja selbstkritisch. "Die Menschheit hat einen Wendepunkt erreicht", heißt es in den Konzeptpapieren; nach den Höhenflügen des 20. Jahrhunderts müsse man nun hinab in die Niederungen, müsse über Umweltschutz reden, über den Hunger in der Welt und nicht zuletzt über die steil fallende Geburtenrate der Japaner. In europäischen Ohren klingt das nur zu vertraut, Asien allerdings scheint erst heute in die achtziger Jahre vorzurücken. So feiert Nagoya Windräder und Energiesparlampen wie großartige Exotika und Mülltrennung als Innovation – mit Extraeimern für die Essstäbchen.

Dass allerdings ein Warn- und Mahnfest nur wenig verlockend sein würde, war auch den Japanern klar. Sie brauchten ein Symbol mit Glitzerkraft, irgendetwas, das mit den alten Verheißungen des Fortschritts würde mithalten können. Angeboten hätte sich eine steile Architektenskulptur, etwas Futuristisches von Hadid oder Libeskind. Doch auch das hatten sich die Expo-Macher versagt, aus ökologisch-ökonomischen Gründen. Damit sich am Ende alles schnell und billig wieder abbauen lässt, müssen alle Teilnehmer mit Großcontainern vorlieb nehmen, mit Industriehallen der schäbigsten Sorte, notdürftig aufgehübscht mit Tulpendekor (Holland) oder melancholischen Sonnenuntergangsplakaten (Deutschland). Selbst Japan gönnt sich auf dem Hauptgelände nur Scheinarchitektur, eine amöbenförmige Hülle aus Bambus, was von ferne so wirkt, als habe jemand einen riesigen Kartoffelsack auf der Expo abgeworfen.