Auf die Frage, was weiblich sei, hält die Literaturgeschichte unendlich viele Antworten bereit: von Amazone, Antigone, Pandora über Gretchen und Käthchen bis hin zu Christa T. und Trobadora Beatriz. In der Literatur sind sämtliche denkbaren Erscheinungsformen des Menschseins, alle Varianten von Edelmut und Niedertracht, alle Ausprägungen des Schönen und Hässlichen, Verwegenen und Sanften anhand von Frauenfiguren gestaltet. Zwar lassen sich mit ein wenig buchhalterischem Fleiß für gewisse Epochen durchaus Konjunkturen bestimmter Charaktereigenschaften herauspräparieren. Zwar ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine goldhaarige Prinzessin Lisvana von Nordland, wie sie in Karen Duves neuem Buch, einer Parodie des mittelalterlichen Ritterromans, auftritt, nicht die schmutzige Männerarbeit des Drachentötens zugeteilt bekommt – aber sind Lisvanas Sturheit, ihr politischer Mutwille und übertriebener Nationalstolz darum Indizien ihrer "Weiblichkeit"?

Aus dem neumodischen Glauben, der Mensch sei ein schieres Produkt seiner Lebensumstände, leiten wir heute die Überzeugung ab, die Erziehung zur Küchenarbeit korreliere notwendigerweise mit einer ausgeprägten Sensibilität, Geschwätzigkeit, Minderbegabung fürs Mathematische und was der Weiblichkeitsklischees mehr sind. Die großen Schriftsteller, insbesondere die des 20. Jahrhunderts, sahen das jedoch anders, und die der Antike, ob Aischylos oder Sappho, dachten ohnehin in geschlechtsunabhängigen tragischen Verhaltensmustern. Genau darin, in der Unerschöpflichkeit der Menschheitsentwürfe, liegt das bisher noch zu wenig gewürdigte emanzipatorische Potential der Literatur.

Um alle bisher imaginierten Möglichkeiten des Frauseins zu erfassen, müsste man so viele Namen aufzählen, dass einem am Ende das Gegensatzpaar "männlich – weiblich" außerordentlich töricht erschiene: Lady Macbeth und Miss Sara Sampson, Jane Eyre und Effi Briest, Madame Bovary und Mrs. Dalloway, nicht zu vergessen Anna Karenina, Lulu, die heilige Johanna der Schlachthöfe… Angesichts der überwältigenden Unähnlichkeit dieser Heldinnen könnte man beinahe auf den Gedanken verfallen, dass auch die Frau außerhalb der Literatur zu buchstäblich jeder Tat fähig wäre (sogar zur Revolution) und dass folglich die Frage "Was ist weiblich?" zutiefst frauenfeindlich sei.

Natürlich haben einzelne Literaten, allen voran Goethe, den Mythos vom ewig Weiblichen erst zementiert: die tugendhafte Lotte, die sanfte Margarete, die schöne Helena. Doch mit gutem Grund kommt im Lexikon der literarischen Motive das Stichwort Frau nicht vor. Frau kann fast alles heißen: Das ist die Utopie, die bis heute bei den Euphorikern des Yin und Yang auf taube Ohren trifft und doch in der Literatur längst verwirklicht ist.

Es hätte, unter diesen Umständen, die vornehmste Aufgabe einer feministischen Literaturwissenschaft sein können, absichtlich nicht oder nur mit Vorbehalt von "Weiblichkeit" zu reden. Doch seltsamerweise hat sie, zumindest in der Zeit ihres größten Einflusses, in den siebziger und achtziger Jahren, das genaue Gegenteil getan. Allenthalben wurden damals Frauenfiguren auf ihre Differenzen zu Männerfiguren geprüft, wurden die Ähnlichkeiten zwischen Schriftstellern und Schriftstellerinnen herausgearbeitet, war bis zum Überdruss von Frauenliteratur und weiblicher Kreativität die Rede. Aus der soziologisch beglaubigten Tatsache einer Benachteiligung der Frau wurde ihre moralische Überlegenheit abgeleitet. So wie die marxistisch-leninistische Gesellschaftstheorie sich von der unterdrückten Klasse des Proletariats eine Befähigung zur Gerechtigkeit erhoffte, so versprach sich die Literaturwissenschaft der damaligen Zeit von der "Neuen Frau" besondere Zukunftsträchtigkeit. Bei dieser Herangehensweise war es unvermeidlich, dass dauernd alles durcheinander geriet: kultursoziologische, psychologische und literaturhistorische Befunde.

Unter emanzipatorischen Gesichtspunkten hat die Rede von der Frau im Allgemeinen, die so genannte Konstruktion von Weiblichkeit, natürlich ihren Sinn. Denn sie erlaubt, die Benachteiligung einzelner Frauen als Unterdrückung der Frau an sich zu analysieren, als Ergebnis repressiver Gesellschaftsstrukturen, eines von Männern durchgesetzten Machtanspruchs, dem entgegenzutreten die meisten Frauen lange Zeit nicht willens oder fähig waren. Der Fehler der feministischen Literaturwissenschaft bestand darin, dass sie mehr an der Bekämpfung dieser Herrschaftsverhältnisse als an deren kühler Analyse interessiert war. Und am allerwenigsten vielleicht an der Literatur selbst.

Anders ist die trotzige Ignoranz gegenüber dem damaligen Stand der Theorie nicht erklärbar. Als sei der Biografismus des 19. Jahrhunderts nicht bereits überwunden gewesen, als stünde die Entdeckung der Werkimmanenz und des Dekonstruktivismus erst noch aus, fuhrwerkte man im Lebenslauf und in den Texten einer Virginia Woolf gleichzeitig herum. Es war, als bestünde kein Unterschied zwischen Literatur und Leben. In dem Bestreben, die von Frauen verfassten Werke ins Blickfeld zu rücken, wurden große Autorinnen wie Emily Brontë, Sylvia Plath, Gertrude Stein ins Ghetto der Frauenliteratur gezwungen. Einige ihrer gepriesenen Repräsentantinnen haben sich selbst gegen diese Klassifizierung gewehrt. "Was heißt hier Frauenliteratur?", schimpfte Irmtraud Morgner 1983. "Literatur von weiblichen Autoren? Literatur mit weiblichen Hauptpersonen? Literatur nur für weibliche Leser?"

Heute wird der Begriff Frauenliteratur fast nur noch auf Sachbücher mit Schminktipps oder auf das einschlägige Unterhaltungsgenre der Prosecco-Tupperparty-Liebeskummer-Romane angewendet. Dass die feministische Literaturwissenschaft alten Stils weitgehend außer Mode gekommen ist, kann auch als Befreiung von einigen Selbstwidersprüchen der Emanzipation gefeiert werden. Überwunden ist damit das unkontrollierte Gerede von Weiblichkeit aber noch nicht. Man erinnere sich nur an das so genannte Fräuleinwunder, erfunden von einem ältlichen Direktor des Literaturbetriebs, um die komplexen Textwelten jüngerer Autorinnen auf ein journalistisch handhabbares Magazinformat zu schrumpfen. Oder man denke an den Altherrenchauvinismus, mit dem die fröhlich erregten Kritiker Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek im Literarischen Quartett über ihre Kollegin Sigrid Löffler herfielen, weil sie sich weigerte, die erotischen Passagen eines mediokren Romans zu goutieren.