Vor fünf Jahren sah die Welt anders aus. Das Internet versprach, die Wirtschaft zu revolutionieren, und die Unternehmen lechzten nach jungen Mitarbeitern, denen sie oft Traumgehälter zahlten. Zwar gab es Millionen Arbeitslose. Doch das waren die anderen: die ohne Ausbildung, die Unfähigen, die Faulen. Damals machten die heutigen Uniabsolventen gerade ihr Abitur, sie schrieben sich an der Hochschule ein, sie lernten im Glauben an die Zukunft. Jetzt haben sie das Diplom in der Tasche. Und stehen vor verschlossenen Türen.

Endlich Geld verdienen? Sie können froh sein, wenn sie ein unbezahltes Praktikum machen dürfen.

Im Career Center der Berliner Humboldt-Universität hilft Doris Köhler seit 1999 Studenten und Absolventen, den ersten Job zu finden. Nach dem Börseneinbruch 2001 habe sich die Lage für Jungakademiker in vielen Branchen deutlich verschärft, sagt sie. "Die Atmosphäre hat sich verändert. Die Leute, die zu uns in die Beratung kommen, stehen jetzt spürbar unter Druck."

Wer nach dem Examen keinen Job findet, verliert bald den Anschluss. Wissen veraltet schnell. Zudem schreckt der Makel im Lebenslauf potenzielle Arbeitgeber ab. Um die Wartezeit auf eine reguläre Stelle zu überbrücken, verdingen sich deshalb immer mehr Absolventen als Praktikanten – obwohl sie bereits hoch qualifiziert sind. "Das gab es zwar immer schon vereinzelt, aber seit 2002 hat sich das Phänomen potenziert", sagt Werner Brendli vom Hochschulteam der Münchner Agentur für Arbeit. "In manchen Bereichen ist es fast unmöglich, eine reguläre Stelle zu bekommen."

Der Ansturm von Akademikern hat Konsequenzen. Wo es früher immerhin ein Taschengeld gab, wird jetzt oft gar nichts mehr gezahlt. Nelke Mayenknecht verursacht das "Bauchschmerzen". Die Inhaberin einer Agentur für Marktforschung unterrichtet als Lehrbeauftragte an verschiedenen Berliner Hochschulen. Wenn sie ihren Absolventen rät, nur bezahlte Praktika zu übernehmen, erntet sie Erstaunen. "Dann gucken sie mich groß an und sagen: Die gibt es doch gar nicht mehr", so die 35Jährige. "Es ist inzwischen vollkommen üblich, dass Praktikanten kein Geld bekommen – aber voll arbeiten."

Die unbezahlten Arbeitskräfte, besonders jene mit Hochschulexamen, erledigen oft verantwortungsvolle Jobs. Sie arbeiten vor allem in der Kultur- und Medienbranche, bei kleinen Filmproduktionsfirmen, in Werbe- und Public-Relations-Agenturen, in den Kanzleien von Rechtsanwälten und Architekturbüros, im sozialen Bereich oder als Wirtschaftswissenschaftler im Marketingbereich. Sie stehen nicht mehr nur am Kopierer, sondern verwalten eigenständig ganze Werbeetats. Eigentlich ist das positiv: Sie bekommen echte Berufserfahrung – nur leider keinen festen Job.

"Die Chancen, ein wirklich anspruchsvolles Praktikum zu bekommen, stehen paradoxerweise heute besser denn je", sagt Doris Köhler von der Humboldt-Universität. Doch die vielen hoch qualifizierten Praktikanten werden sich selbst zur Konkurrenz, wenn es um reguläre Arbeitsplätze geht. "Die Unternehmen reagieren auf die Marktsituation", sagt Alexander Spermann, Arbeitsmarktspezialist beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). "Einige nutzen es auch aus, wenn man sehr gute Leute sehr billig kriegen kann." Er selbst hat in seinem Institut schon Bewerbungen von jungen Volkswirten bekommen, die ihr Studium als Jahrgangsbeste abgeschlossen haben und dennoch "in vorauseilendem Gehorsam" nur nach einer Praktikantenstelle fragten.

Kein Wunder, dass einige Unternehmen da Stellen streichen und die Aufgaben immer neuen, hoch motivierten Praktikanten übertragen – deren Perspektiven damit weiter schrumpfen. In mancher kleinen Firma stellen Praktikanten bereits die Hälfte der Belegschaft. Ein Indiz für den Trend, dass es um den Ersatz von regulären Mitarbeitern geht: Gesucht sind immer häufiger Praktikanten, die mindestens ein halbes Jahr bleiben. Nur so können die Billigarbeitskräfte eigenständig ganze Projekte betreuen.

Den Absolventen-Beratern an den Unis oder bei der Agentur für Arbeit ist das Problem präsent, empirisch belegt ist es noch nicht. Zwar verzeichnet der Betriebspanel, bei dem alljährlich eine statistisch relevante Zahl von Unternehmen befragt wird, unter den Beschäftigten immer mehr "Praktikanten und Aushilfen". In Hessen etwa stieg deren Zahl 2003 auf 62000, das waren über 20 Prozent mehr als im Vorjahr.