München ist zu staubig, bald werden Stuttgart, Berlin und viele andere deutsche Städte ebenfalls zugeben müssen, dass sie gegen geltende Gesetze verstoßen: Sie muten ihren Bürgern zu viel Feinstaub zu. In einer unseligen Mischung aus Ignoranz und Arroganz haben sich Politik und deutsche Autobauer in die Sackgasse manövriert. Dabei waren sie lange vorgewarnt.

Feinstaub setzt sich aus ultrakleinen Partikeln zusammen, die aus Heizungen oder Baustellen entweichen, beim Abrieb von Autoreifen und Bremsen frei werden, vor allem aber – mit steigender Tendenz – aus ungefilterten Dieselmotoren in Pkw und Lkw in die Luft geblasen werden. Schon vor zwei Jahren hat das Umweltbundesamt ein Gutachten zu den gesundheitlichen Risiken in Auftrag gegeben. Das erschreckende Resultat: Die mit bloßem Auge kaum sichtbaren Partikel fordern hierzulande jährlich bis zu 14000 Menschenleben. Der Präsident des Amtes, Andreas Troge, rechnet damit, dass sich die durchschnittliche Lebenserwartung durch den Feinstaub um sechs Monate verkürzt (siehe Seite 26).

Umweltexperten weisen schon lange auf die Gefahren hin. Bereits 1999 beschloss die Europäische Union eine Richtlinie mit Höchstwerten der Staubbelastung, die im Jahr 2002 in Deutschland Gesetzesform erhielt: Schon damals stand fest, dass die Grenzwerte am 1. Januar 2005 in Kraft treten. Doch Bund, Länder und Kommunen blieben weitgehend untätig.

Ebenso versagt haben die Manager der deutschen Automobilindustrie. Dabei waren es Audi, VW, Mercedes und BMW, die den Selbstzünder vom Ruch des nagelnden, lahmen Antriebs befreiten. Sie lieferten reihenweise technische Spitzenleistung ab: Der kleinste Diesel (im Smart ForTwo CDI), der sparsamste (im VW Lupo 3L TDI) und der stärkste (im VW Touareg V10 TDI) wurden allesamt von deutschen Ingenieuren konstruiert. Bis zu 30 Prozent weniger Spritverbrauch im Vergleich zum Benzinmotor haben den Exporterfolg beflügelt und bei uns einen Dieselboom erzeugt: Von 22 Prozent (1999) stieg der Dieselanteil bei neu zugelassenen Pkw auf 47 Prozent (2004).

Doch als der französische Autobauer PSA Peugeot-Citroën im Jahre 2000 mit dem Peugeot 607 sein erstes Modell mit Rußfilter auf den Markt brachte und ankündigte, sukzessive alle Dieselmotoren damit auszurüsten, machten die deutschen Kollegen den Filter madig, anstatt Lizenzen zu kaufen. Sie wollten die Partikel angeblich "innermotorisch" eliminieren. Wieder mal glaubten sie, alles besser zu können. Zugleich setzten sie ihre geballte Lobbyistenmacht mit dem "Autokanzler" an der Spitze ein, um eine mögliche Verschärfung der EU-Abgasvorschriften abzuwenden oder zumindest zu verzögern. Eine grandiose Fehlkalkulation – zulasten der Bürger.

Heute haben viele deutsche Autobauer bei den Zulieferern nicht genügend Filter vorbestellt, um ihr gesamtes Dieselangebot damit auszurüsten. Derweil hat sich die Politik in den Fallstricken des Föderalismus verheddert: Anstatt die vom Bund nach langem Zögern endlich angeregte Förderung sauberer Diesel durch einen Nachlass bei der Kfz-Steuer umzusetzen, blockieren die Länder dies mit fadenscheinigen Argumenten. Gut möglich, dass jetzt die gutgläubigen Autofahrer mit Fahrverboten oder City-Maut in den Innenstädten dafür büßen müssen. Die Bürger sollten den tatenlosen Politikern und arroganten Automanagern darob kräftig was husten.