Die Himmelsscheibe von Nebra, die als Sensationsfund im Jahr 2002 auf einem Acker der kleinen Gemeinde südlich von Halle entdeckt wurde, brachte den sachsen-anhaltinischen Landesarchäologen Harald Meller auf den Plan. Dass er für sein Bundesland das Eigentum an dem Kleinod beansprucht, ist nicht überraschend und im Ausgrabungsgesetz geregelt. Das Land darf also seinen Schatz in Ausstellungen zeigen. Doch mit den Eintrittsgeldern allein wird der schwindsüchtige Kulturhaushalt des ostdeutschen Landes nicht saniert werden können. Deshalb möchte der Landesarchäologe am liebsten an jeder Publikation einer Abbildung der Himmelsscheibe mitverdienen und hat einige Verlage verklagt: Er meint, die Verwertungsrechte an der Scheibe zu besitzen.

Diese stehen aber bei Kunstwerken üblicherweise nur dem Urheber zu. Auch wenn es zunächst Streit darüber gab, aus welcher Epoche der Fund stammt – die herrschende Meinung datiert die Entstehung auf einen Zeitpunkt vor zirka 3600 Jahren. Zu dieser Zeit lebten im Tal der Unstrut die Kelten, die das Urheberrecht wohl noch nicht kannten. Darauf käme es auch nach den heutigen Gesetzen nicht an, weil jeder Schutz für den Künstler und seine Nachfahren 70 Jahre nach dem Tod des Werkschöpfers erlischt. Bei der Himmelsscheibe ist das lange her.

Diese Situation ließ den Landesarchäologen aber nicht ruhen. Er fand eine Vorschrift im bundesdeutschen Urheberrecht, mit der er jetzt auf die Jagd geht und jeden verfolgt, der "seine" Scheibe abbildet, ohne ihn vorher gefragt zu haben.

Im Gesetz steht geschrieben, dass derjenige, der erstmals ein bisher unveröffentlichtes Werk in die Öffentlichkeit bringt, dafür noch 25 Jahre lang Schutz wie ein Urheber genießt. Der Gesetzgeber hatte bei dieser Regelung zwar an die mühevolle Arbeit von Archivaren gedacht, die noch spät unveröffentlichte Kompositionen oder Manuskripte finden. Aber was dem Archivar recht, ist dem Archäologen billig.

Das Problem ist nur: War die Himmelsscheibe über drei Jahrtausende immer vor der Öffentlichkeit verborgen? Der Landesarchäologe behauptete das bisher in zwei Eilverfahren vor den Landgerichten in Magdeburg und Leipzig. Die Gerichte ließen das genügen. Sie wussten ja nicht, dass der gleiche Archäologe an anderer Stelle erklärte: "Die Scheibe wurde zur Bestimmung der Sommer- und Wintersonnenwende benutzt und bei Umzügen herumgetragen." Wenn der Archäologe Recht hat, war die Scheibe also damals veröffentlicht. Wie er aber seine Erklärungen bei den Gerichten damit zur Deckung bringt, bleibt abzuwarten. Jedenfalls dürften diese wissenschaftlichen Erkenntnisse seine juristische Position erschüttern.

Das Land Sachsen-Anhalt hat aber noch einen zweiten Förderschacht eröffnet, um seinen Bodenschatz auszubeuten: Es hat die Scheibe zur Marke angemeldet, um wenigstens dann Geld verlangen zu können, wenn sich das Bild beispielsweise auf einem Buchtitel findet. Ob berühmte Kunstwerke als Marken geschützt werden können, ist rechtlich sehr umstritten. Der Landesarchäologe nimmt dieses Recht jedenfalls für das von ihm vertretene Bundesland gegen Dritte in Anspruch, die eine Abbildung der Scheibe zeigen.

So ist es dem Piper Verlag bei seinem jüngst erschienenen Buch Die Tochter der Himmelsscheibe ergangen. Der Autor und die Lektorin hatten den Landesarchäologen in dessen Amtsstube in Magdeburg extra besucht, um das Romanprojekt vorzustellen. Meller informierte die Gäste freimütig und ließ sie das kostbare Fundstück sogar ausnahmsweise in Händen halten. Als das Buch dann aber mit einer Abbildung der Scheibe auf dem Titel erschien, setzte er die Anwälte gegen den Verlag wie auch gegen andere Veröffentlichungen in Bewegung. Das Land Sachsen-Anhalt muss sich dabei nicht nur nach der rechtlichen, sondern auch nach der moralischen Legitimation fragen lassen. Kulturschätze der Menschheit dürfen der öffentlichen Erörterung nicht entzogen werden, nur weil sie wie eine Handelsware monopolisiert sind. Dem Staat steht das Privileg an Altertumsfunden zu, um die Interessen der Öffentlichkeit zu wahren und nicht um sie auszuschließen.