Hirnforschung Hartz IV in der Synapse

Wir haben keinen freien Willen, sagen Hirnforscher. Wir sollen als Ich-AG selbstständig werden, sagen Politiker. Wie passt das zusammen? Erstaunlich gut. Ein Essay über die politische Dimension der Hirnforschung

Angenommen, ein Hirnforscher kehrt abends aus dem Labor nach Hause zurück und steht plötzlich vor den Ruinen seines Hausrats: Die Kinder haben das herrliche Mobiliar zersägt und mit Wurfgeschossen den Kronleuchter zu Boden gezwungen. Als Vater mag der Hirnforscher sich über seinen Nachwuchs entsetzen. Doch als Wissenschaftler darf er ihn für seine Taten nicht verantwortlich machen, denn er weiß: Keines der Kinder hat sein Zerstörungswerk aus freiem Willen vollbracht, keines hat Schuld. Denn den freien Willen, den gibt es nicht. Er ist ein Hirngespinst.

Tatsächlich, so dürfte sich herumgesprochen haben, sind Hirnforscher davon überzeugt, dass die menschliche Willensfreiheit eine Einbildung ist. Die Gründe und Motive, die jemand für seine Handlung angibt – sagen die Neurowissenschaftler –, hätten mit deren wahrer Ursache nichts zu tun. Sie seien lediglich Erlebnisformen des Hirns – sozusagen symbolische Kulissen, die wir vor unserem inneren Auge hin- und hertragen, die aber dem eigentlich neurophysiologischen Prozess äußerlich bleiben. Wir tun nicht, was wir wollen. Sondern wir wollen, was wir tun.

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Wenn dem so ist, beruht das »grundlose« Gefühl von Freiheit auf einer Trickschaltung im limbischen System. Die eingebildete Freiheit erspart dem Menschen die demütigende Wahrheit, nicht der stolze Souverän seines Willens zu sein, sondern bloß der artige Diener am Königshof der Synapsen. Was immer man von solchen Thesen halten mag: Die Hirnforschung ist eine Ernüchterungswissenschaft. Sie will das »abendländische« Subjekt entzaubern und es aus dem idealistischen Himmel zurück auf den Boden natürlicher Tatsachen holen.

Wie passt die unerbittliche Freiheitskritik der Hirnforscher in die politische Landschaft – zu den vollmundigen Freiheitsgesängen, die Politiker aller Parteien beim Abbau des Sozialstaates zuverlässig anstimmen? Wie passt sie zur Forderung nach Selbstverantwortung und Selbstsorge? Auf den ersten Blick verhält sich der Determinismus des Hirnforschers zum Freiheitslob des Politikers wie Tag zu Nacht, wie Feuer zu Wasser.

Auf den zweiten Blick passt die neurobiologische Freiheitskritik möglicherweise gut zum Dauerappell des Politikers, der Einzelne möge den »Fürsorgestaat« vergessen. Mag es auch paradox klingen: Freiheit und Unfreiheit, Selbstbestimmung und Determinismus gehorchen gegensätzlichen Weltbildern und Diskursen. Sie sind sich spinnefeind – und ergänzen sich trotzdem. Denn das Scheitern in der äußeren Freiheit lässt sich durch Verweis auf die innere Unfreiheit ertragen.

Schauen wir zurück: Die Karriere des Freiheitsbegriffs gehört zur reformpolitischen Begleitmusik beim Abbau des Sozialstaates. »Die Bürger«, so Bundeskanzler Schröder, »sollen die Zukunft in ihre eigenen Hände nehmen.« In dieser Forderung steckt zugleich eine Verheißung. Politiker versprechen Freiheitsgewinn durch den Abbau sozialer Leistungen (obwohl sie wissen, dass die staatliche Eingriffstiefe bei Hartz IV noch einmal zunimmt). Im Gegenzug fordern sie den vermehrten Gebrauch von Eigenverantwortung, um die Lücke zu füllen, die der Abbau sozialer Statusgarantien hinterlässt. Mittlerweile stimmen auch Konservative in den rot-grünen Chor der Freiheitssänger ein. Sie tun es, obwohl ihnen früher die Glorifizierung der Freiheit höchst verdächtig war.

Aber was die Freiheit vom Sozialstaat angeht, kann es von Selbstbestimmung und Eigenverantwortung gar nicht genug geben. Sogar im Weltbild der Konservativen taucht plötzlich eine Figur auf, die ihnen bis vor kurzem noch als Symbol erschreckender Bindungslosigkeit galt: der Einzelkämpfer und Selbstunternehmer, der sich als eigenständige Ich-AG durchs Leben schlägt. Bedacht auf größtmögliche Staatsferne, hält sich dieser »Einzeller« ohne fremde Hilfe über Wasser. Er ist seines Glückes Schmied, springt über seinen Schatten, ist kreativ, mobil, kundenorientiert, auch marktgerecht, zeiteffizient und stressresistent. Er ist frei, seine Marktchancen optimal zu nutzen und das Feld seiner Bedürfnisse störungsfrei zu bewirtschaften. Denn der Markt ist das naturwüchsige Medium seiner Freiheit.

Und was ist, falls der Selbstunternehmer auf dem Markt der Möglichkeiten Schiffbruch erleidet? Falls unterm Strich die Bilanz des Lebens negativ ausfällt? Dann hat er sich dies selbst zuzuschreiben. Vielleicht war Müßiggang seines Scheiterns Anfang. Vielleicht hat er in einem Anfall von Trägheit die inneren Zügel schleifen lassen und so die Chance seines Lebens versäumt. Vielleicht hat der Gescheiterte den kategorischen Imperativ der Selbstverantwortung sträflich missachtet. Nun ist er nur noch eine Investitionsruine und reif für Hartz IV, für die neue Gleichheit in relativer Armut.

Wenn man diesen Existenzentwurf zu Ende denkt, dann sind Angst, Unsicherheit und Zweifel das tägliche Brot des »Selbstbewirtschafters«. Heute drinnen, morgen draußen. Heute gehört er noch zur Gesellschaft, morgen ist er bereits entbehrlich. So lebt der Typ des Selbstunternehmers, der von allen Seiten als neues Leitbild ausgerufen wird, wie eine Sonde im Ungewissen. Er ist Sünder und Beichtvater, Richter und Ankläger in einer Person. Was immer auch geschieht – Schuld trägt er selbst.

Niemand, nicht einmal ein beinharter Verfechter der neoliberalen Kampfgesellschaft, würde ernsthaft behaupten, ein restlos dereguliertes, marktgängiges und flexibilisiertes Leben ließe sich auf Dauer ertragen. Vielleicht ahnt er sogar, dass eine Dauermobilisierung des Subjekts zielgenau in die Depression führt und ihr Gegenteil erreicht – eben jenen leeren Punkt, an dem sämtliche Tatkraft versiegt und alle seelische Energie erlischt. Deshalb bedarf es dringend der Entlastung von den Strapazen der Selbstsorge und den Schrecken der Autonomie. Es muss eine Instanz geben, die uns im Flexibilisierungs-Paradies der Marktgesellschaft vom »Total Quality Self-Management« befreit.

In diesem Augenblick schlägt die Stunde der Hirnforschung und liefert den seelischen Balsam in den Zeiten von Arbeitslosigkeit und gesteigerter Selbstverantwortung. Zwar bietet sie keinen Ausweg an, wohl aber Linderung und Trost. Sie mildert jedenfalls das Gefühl, von der Last permanenter Wahl und dem Massiv des Unwägbaren erdrückt zu werden. Ihre Behauptung, wir seien »nicht wirklich« für unser Tun und Lassen verantwortlich, befreit uns vom Albtraum, aussichtslos in die eigene Freiheit verstrickt zu sein. Kurzum, die Hirnforschung gibt uns für den Fall, dass wir mit unserem persönlichen Erfolgsmodell scheitern, eine Ausrede in die Hand: Nicht unser Wille hat eine falsche Entscheidung getroffen oder eine sichere Chance nicht genutzt. Verantwortlich ist die irreversible Macht der Natur, das Wirken und Weben kortikaler Ströme und genetischer Muster. Sie kamen unseren besten Absichten in die Quere und haben entschieden, noch ehe wir uns selbst entscheiden konnten.

Nicht nur das. Die Hirnforschung löscht auch unser inneres Schuldkonto und erleichtert unser schlechtes Gewissen. Der Grund ist einfach. Wenn sich unterm Mikroskop des Hirnforschers Freiheit und Selbstbestimmung als Luftschlösser entpuppen – wenn unseren Handlungen und unserem Entscheiden im strikten Sinn keine Rationalität zukommt –, dann müssen wir uns zwar vor der Gesellschaft verantworten, aber nicht mehr vor uns selbst, vor dem eigenen Gerichtshof. Im Innersten, in den Urgründen des Selbst und im Labyrinth der Mündigkeit sind wir für unser Scheitern nicht verantwortlich. Wir könnten uns die Selbstschuld-Zuweisungen sparen, unsere Selbstachtung bleibt gewahrt. Ist das Leben nicht ein neuronaler Traum? Und sind wir nicht hirnphysiologisch gesteuerte Schlafwandler auf der Bühne der Evolution?

Wie sehnsüchtig das Entlastungsangebot aufgenommen wird, zeigt ein Blick in die Lebenshilfespalten von Publikumszeitschriften. Wann immer es um Daseinsberatung geht, hat sich die Hirnforschung zur heimlichen Haupt- und Leitwissenschaft gemausert. Zusammen mit der Soziobiologie genießt sie Lufthoheit im Kreis ratloser Berater.

Entsprechend tummeln sich in den Lebensoptimierungs-Kolumnen »Sieger- und Verlierergene«, und bei der Liebes- und Partnerwahl ist die Sache bereits entschieden, noch ehe das erste Wort gewechselt wurde. Auch wer arbeitslos ist oder von einer Entlassungswelle fortgespült wurde, darf die Natur verantwortlich machen. Vielleicht war er von Geburt an kein Siegertyp? Womöglich sendet er beim Vorstellungsgespräch die falschen Signale aus? Und passt sein Genprofil überhaupt zum Anforderungsmuster des Unternehmens?

Das ist weniger harmlos, als es klingt. Der Frankfurter Philosoph Andreas Kuhlmann hat in der Zeitschrift Westend (1/2004) auf die gesellschaftspolitische Brisanz hingewiesen, die in den Thesen der Hirnforscher steckt. Vielfach präsentierten sie Erklärungsmuster, die man längst überwunden glaubte. So wirft Kuhlmann Hirnforschern vor, sie würden bei Schülern, die an einer Aufmerksamkeitsstörung (ADHS) leiden, vorschnell eine »krankhafte Veranlagung« zu Gewalttätigkeit und Aggression vermuten. Dass psychosoziale Faktoren beim Ausbruch von ADHS eine entscheidende Rolle spielten, davon sei bei ihnen nicht die Rede.

Kuhlmann kritisiert nicht nur den Bremer Hirnforscher Gerhard Roth, von dem man durchaus den Eindruck haben kann, er betrachte Sozialwissenschaftler als letzte Geißel der Menschheit. Auch Einlassungen des Frankfurter Hirnforschers Wolf Singer (ZEIT Nr. 11/05) empfindet er als »zutiefst zweideutig«. Auf der einen Seite sei Singer von eindrucksvollem sozialreformerischen Elan und kläre seine Leser umfassend über die Wechselwirkung zwischen Umwelteinflüssen und Erbanlagen auf. Auf der anderen Seite aber fordere er, die Gesellschaft solle Abschied nehmen von der Illusion der Gleichheit und endlich damit beginnen, schon im frühen Kindesalter Begabungen zu testen und zu »kanalisieren«.

Kuhlmann ist von der Vorstellung alarmiert, man könnte Begabungen für den sozialen Ausscheidungskampf einfach sortieren: »Was sich bei Wolf Singer über längere Strecken wie ein geradezu naives antiautoritäres Plädoyer liest, schlägt unversehens um in ein technokratisches Programm zur rechtzeitigen Auslese (…). Offen bleibt bei Singer zwar, ob er Differenzierung mit früher Selektion gleichsetzt. Der Ausdruck ›Kanalisieren‹ jedoch lässt sich durchaus als Empfehlung verstehen, Kinder mit unterschiedlicher ›Veranlagung‹ voneinander zu separieren.«

Kuhlmann hat Recht. Hirnforschung findet zwar im akademischen Raum statt, aber sie strahlt aus. Ihre wissenschaftlichen Wahrheiten gewinnen Einfluss auf die Erziehungspraxis und verändern unsere Wahrnehmung von Kindern. Wenn Singer Recht hätte, wenn »junge Gehirne« ohnehin »am besten wissen, was sie benötigen«, dann dürften wir beruhigt die Hände in den Schoß legen. Wir können nichts tun, nur warten, bis sich uns der Wille der Natur offenbart.

Tatsächlich würden Hirnforscher, die sich zutrauen, schon in den frühen Lebensjahren gültige Aussagen über den Entwicklungspfad eines Menschen zu treffen, entmutigten Eltern und pädagogisch unwilligen Erziehern einen Freibrief ausstellen. Sie würden sie in der Ansicht bestätigen, dass bei Kindern, deren Hirn sich nicht freudig »von sich aus meldet«, Hopfen und Malz verloren sei. Denn wenn die Intelligenz der Schutzbefohlenen vollständig vorgeprägt und ihre Persönlichkeitswerdung unabhängig ist von sozialen und familiären Bedingungen – dann dürfen die unerzogenen Erzieher getrost auf die autogenetische Selbstreifung des Zöglings vertrauen. Sie könnten sich aus der pädagogischen Provinz zurückziehen und sich mit »wissenschaftlich« beruhigtem Gewissen auf die Rolle des Zuschauers beschränken.

Unabhängig von der Frage, ob es Wissenschaftlern in naher oder ferner Zukunft gelingt, durch »präventive Diagnostik« individuelle Entwicklungspotenziale frühzeitig zu erkennen: Falls wir ihre Thesen heute schon für bare Münze nehmen, dann »naturalisieren« wir auf ungute Weise unseren Blick. Wir würden Kinder nur noch als Geschöpfe betrachten, die in all ihren Regungen und Begabungen formatiert, vorgemustert und vorbestimmt sind. Wer als Erwachsener keine Spielräume sieht, wird auch keine nutzen. So fürchtet Kuhlmann zu Recht, dass das Kind als Wesen, das auch »spontanen Erfahrungen zugänglich ist«, im technokratischen Erziehungsprogramm der Hirnforscher aus dem Blick gerät. In ihrem deterministischen Weltbild erschiene uns ein Kind nicht länger »als Gegenüber, dem es in der einen oder anderen Weise gerecht zu werden gilt«, sondern lediglich als Träger von »Nervenbahnen, die zu kultivieren sind«.

Spricht aus diesem technokratischen Modell nicht wiederum der bekannte Fatalismus, die Absage an die Freiheit? Zugespitzt könnte man sagen: Auch in den Ich-du-Beziehungen versteht die Hirnforschung den Einzelnen und die Gesellschaft als eine große Maschine. Beide werden von einer evolutionären Logik durchströmt, die wir nicht kennen und die uns vielleicht gar nichts angeht. Der »Sinn« dieses Sinns, so lautet der leise Refrain der Hirnforscher, ist funktional: Das Erfolgreiche setzt sich durch, denn die Natur wird dafür ihre Gründe haben. Streiten wir also nicht mehr über das gute und das gerechte Leben. Überleben ist alles.

Ob Zufall oder nicht, das Weltbild des Hirnforschers geht – jedenfalls in seiner popularisierten Version – Hand in Hand mit dem Programm des Politikers. Der eine fordert die Anpassung an die Natur des Hirns und der andere die Anpassung an die »Natur« des Marktes. Beides wäre die Einsicht in die Notwendigkeit. Denn so viel Freiheit muss sein.

 
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