Hirnforschung Hartz IV in der SynapseSeite 4/4

Unabhängig von der Frage, ob es Wissenschaftlern in naher oder ferner Zukunft gelingt, durch »präventive Diagnostik« individuelle Entwicklungspotenziale frühzeitig zu erkennen: Falls wir ihre Thesen heute schon für bare Münze nehmen, dann »naturalisieren« wir auf ungute Weise unseren Blick. Wir würden Kinder nur noch als Geschöpfe betrachten, die in all ihren Regungen und Begabungen formatiert, vorgemustert und vorbestimmt sind. Wer als Erwachsener keine Spielräume sieht, wird auch keine nutzen. So fürchtet Kuhlmann zu Recht, dass das Kind als Wesen, das auch »spontanen Erfahrungen zugänglich ist«, im technokratischen Erziehungsprogramm der Hirnforscher aus dem Blick gerät. In ihrem deterministischen Weltbild erschiene uns ein Kind nicht länger »als Gegenüber, dem es in der einen oder anderen Weise gerecht zu werden gilt«, sondern lediglich als Träger von »Nervenbahnen, die zu kultivieren sind«.

Spricht aus diesem technokratischen Modell nicht wiederum der bekannte Fatalismus, die Absage an die Freiheit? Zugespitzt könnte man sagen: Auch in den Ich-du-Beziehungen versteht die Hirnforschung den Einzelnen und die Gesellschaft als eine große Maschine. Beide werden von einer evolutionären Logik durchströmt, die wir nicht kennen und die uns vielleicht gar nichts angeht. Der »Sinn« dieses Sinns, so lautet der leise Refrain der Hirnforscher, ist funktional: Das Erfolgreiche setzt sich durch, denn die Natur wird dafür ihre Gründe haben. Streiten wir also nicht mehr über das gute und das gerechte Leben. Überleben ist alles.

Ob Zufall oder nicht, das Weltbild des Hirnforschers geht – jedenfalls in seiner popularisierten Version – Hand in Hand mit dem Programm des Politikers. Der eine fordert die Anpassung an die Natur des Hirns und der andere die Anpassung an die »Natur« des Marktes. Beides wäre die Einsicht in die Notwendigkeit. Denn so viel Freiheit muss sein.

 
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