An hellen Tagen zu Bad Pyrmont saß das Kind auf dem Apfelbaum des Großvaters und war Indianer, er ist Indianer, der Stock, der sich verjüngt, ist ihm das Indianergewehr, der Astknoten der Abzug, und kaum setzen die Büffel durchs Land, dass es stiebt, schreit die Tante auf, Jörg, essen!

Jörg Immendorff, deutscher Maler, Grafiker und Bildhauer; Professor, in die Welt gepresst nach dem Ende des Kriegs, 14. Juni 45, einziges Kind seiner Eltern in Bleckede an der Elbe, 25 Kilometer hinter Lüneburg, hier BRD, dort DDR.

Jetzt, längst grau an Bart und Haar, krank auf den Tod, schwingt er seinen rechten Arm, der ihm verfügbar geblieben ist, holt aus und schleudert ihn hoch zum Mund, spreizt Mittelfinger und Zeigefinger, die braun sind, das Fleisch verbrannt, und klemmt die Zigarette dazwischen, Immendorff lässt den Arm sinken, das Glied baumelt aus, und Asche fällt auf den Boden des Ateliers, Düsseldorf, Frühjahr 2005.

Dann holten sie mich vom Apfelbaum, redet Immendorff mit tiefer lauter Stimme, und zwangen mich zu Tische. Ich war Indianer, spielte ihn nicht. Wenn er Großvaters Suppe nicht mochte, tröstete er sich, dass er mit jedem Löffel, den er hob, den Hirsch erkannte, eine Viertelsekunde lang, der auf den Grund des Tellers gebrannt war, oder die Windmühle, die Heide, Löffel um Löffel, und so grub sich das Kind dem Bild entgegen, das verschüttet lag unter Hafer und Kohl.

Professor Jörg Immendorff, im 60. Jahr seines Lebens, gerühmt und besungen, ganz in Schwarz, sitzt auf einem hohen blauen Stuhl, der auf hölzernen Klötzen steht, Schrauben darin, damit das Möbel nicht rutscht, nicht kippt. Immendorffs linker Arm, der Malarm von einst, hängt ihm lahm und geschwollen von der Schulter, Immendorff bückt sich zur schweren Tasse, die vor ihm auf dem Tisch steht, saugt am Halm.

Eva, lärmt er in den Saal, noch mehr Tee, bitte. Eine blonde Magd eilt aus dem Büro. Neon leuchtet, auf dem Tisch liegen Skizzen, Geldscheine, Zigaretten, ein Zinnsoldat, daneben ein Foto, das Ida zeigt, die dreijährige Tochter, blond und erst am Anfang.

Bitte!, befiehlt er.

Herr Immendorff, warum empfangen Sie noch Journalisten? Das hätten Sie nicht nötig.

Immendorff, so gut es geht, richtet sich auf. Also, sagt er, also das, was ich nötig habe, das ist ja die große Frage. Das ist ja nicht am grünen Tisch zu beantworten. Ist bestenfalls zu erproben. Und das Ausloten und Erproben dauert an und wird über mich hinaus andauern, über meine irdischen Möglichkeiten. Es geht ja in der Kunst um das Bezwingen der Erdanziehung. Die Erdanziehung ist mir suspekt. Die hat in der Kunst nichts zu suchen, auch nicht im konstruktiven Anarchismus.

Wenn er krank im Bett lag, machte er Knoten in die Taschentücher, Indianer. Jörg Immendorff zeichnete in Bücher, malte mit Wasserfarben. Sonntags hielt er Krieg, bot Zinnsoldaten auf, der Vater spielte mit und ließ nicht zu, dass der Kleine gewann, Waterloo, Austerlitz, der Vater schnippte die Regimenter des Sohnes weg, Sonntag um Sonntag, der Kleine zeichnete Schlachtpläne, er wollte früh Maler werden, Künstler in Paris, wo man schwarze Rollkragen trug, Rotwein trank.

Weinen Sie oft?

Er ist dünn geworden, nicht leise, am linken Arm trägt er eine Uhr, der berühmte Immendorffsche Affe auf dem Zifferblatt, eine Fackel in der Hand, Affe und Biene sind Immendorffs Wappenvieh, bevölkern seine Bilder, Imme bedeutet Biene, Immendorff zögert, Trauer im Gesicht, vielleicht nur Müdigkeit, und sucht eine Antwort, die seine ist.

Ja, ich kann weinen. Ich kann / ich habe gehadert, aber ich / ich habe / ich wusste, dass / und zwar durch Dinge, die in meinem Leben passiert waren zuvor / also harte Dinge / dass ich immer eine Möglichkeit bekam / also in den schwärzesten Momenten, wo nichts geht, wo man mit seinem Latein am Ende ist, wo wirklich nichts mehr geht / das soll mal genügen so.

Er holt Luft, Immendorffs Lunge leistet den dritten Teil einer gesunden.

Ich glaube, das Wichtige ist, dass man unbedingt aktiv werden muss, unbedingt / also man muss denkerisch / man muss das als Material nehmen / das klingt wohl kokett und lässig, ist es aber nicht / so / jeder von uns ist von irgendetwas krank. Und Sie können genauso gut sagen / also ich kenne Fälle, wo ich mich noch immer als höchst privilegiert empfinde, Sie müssen nur einmal durch die Neurologie gehen, wo junge Menschen sind mit großen Köpfen / was da alles an Hirntumoren ist / das macht es ja nicht harmloser / kann auch nicht zur Beruhigung / das Leid anderer dient ja nicht zu Beruhigung für einen, unterschwellig vielleicht doch, indem man sich sagt, es könnte ja noch viel schlimmer kommen. Und das sagt man sich, glaube ich, bis zum Schluss, ich weiß es nicht. Dann kommt aber doch auch Dankbarkeit auf / was heißt aber schon Dankbarkeit? / ist doch auch so etwas bürgerlich Eingetopftes, in der bürgerlichen Plantage leider mehr zu Hause als da, wo es hingehört / eigentlich / weil es so oft strapaziert wird / auch / verlogen dann benutzt wird / aber wenn meine Tochter mir sagt, keine Sorge, Papa! / dann ist da –

Immendorff weint nicht.