An hellen Tagen zu Bad Pyrmont saß das Kind auf dem Apfelbaum des Großvaters und war Indianer, er ist Indianer, der Stock, der sich verjüngt, ist ihm das Indianergewehr, der Astknoten der Abzug, und kaum setzen die Büffel durchs Land, dass es stiebt, schreit die Tante auf, Jörg, essen!

Jörg Immendorff, deutscher Maler, Grafiker und Bildhauer; Professor, in die Welt gepresst nach dem Ende des Kriegs, 14. Juni 45, einziges Kind seiner Eltern in Bleckede an der Elbe, 25 Kilometer hinter Lüneburg, hier BRD, dort DDR.

Jetzt, längst grau an Bart und Haar, krank auf den Tod, schwingt er seinen rechten Arm, der ihm verfügbar geblieben ist, holt aus und schleudert ihn hoch zum Mund, spreizt Mittelfinger und Zeigefinger, die braun sind, das Fleisch verbrannt, und klemmt die Zigarette dazwischen, Immendorff lässt den Arm sinken, das Glied baumelt aus, und Asche fällt auf den Boden des Ateliers, Düsseldorf, Frühjahr 2005.

Dann holten sie mich vom Apfelbaum, redet Immendorff mit tiefer lauter Stimme, und zwangen mich zu Tische. Ich war Indianer, spielte ihn nicht. Wenn er Großvaters Suppe nicht mochte, tröstete er sich, dass er mit jedem Löffel, den er hob, den Hirsch erkannte, eine Viertelsekunde lang, der auf den Grund des Tellers gebrannt war, oder die Windmühle, die Heide, Löffel um Löffel, und so grub sich das Kind dem Bild entgegen, das verschüttet lag unter Hafer und Kohl.

Professor Jörg Immendorff, im 60. Jahr seines Lebens, gerühmt und besungen, ganz in Schwarz, sitzt auf einem hohen blauen Stuhl, der auf hölzernen Klötzen steht, Schrauben darin, damit das Möbel nicht rutscht, nicht kippt. Immendorffs linker Arm, der Malarm von einst, hängt ihm lahm und geschwollen von der Schulter, Immendorff bückt sich zur schweren Tasse, die vor ihm auf dem Tisch steht, saugt am Halm.

Eva, lärmt er in den Saal, noch mehr Tee, bitte. Eine blonde Magd eilt aus dem Büro. Neon leuchtet, auf dem Tisch liegen Skizzen, Geldscheine, Zigaretten, ein Zinnsoldat, daneben ein Foto, das Ida zeigt, die dreijährige Tochter, blond und erst am Anfang.

Bitte!, befiehlt er.

Herr Immendorff, warum empfangen Sie noch Journalisten? Das hätten Sie nicht nötig.

Immendorff, so gut es geht, richtet sich auf. Also, sagt er, also das, was ich nötig habe, das ist ja die große Frage. Das ist ja nicht am grünen Tisch zu beantworten. Ist bestenfalls zu erproben. Und das Ausloten und Erproben dauert an und wird über mich hinaus andauern, über meine irdischen Möglichkeiten. Es geht ja in der Kunst um das Bezwingen der Erdanziehung. Die Erdanziehung ist mir suspekt. Die hat in der Kunst nichts zu suchen, auch nicht im konstruktiven Anarchismus.

Wenn er krank im Bett lag, machte er Knoten in die Taschentücher, Indianer. Jörg Immendorff zeichnete in Bücher, malte mit Wasserfarben. Sonntags hielt er Krieg, bot Zinnsoldaten auf, der Vater spielte mit und ließ nicht zu, dass der Kleine gewann, Waterloo, Austerlitz, der Vater schnippte die Regimenter des Sohnes weg, Sonntag um Sonntag, der Kleine zeichnete Schlachtpläne, er wollte früh Maler werden, Künstler in Paris, wo man schwarze Rollkragen trug, Rotwein trank.

Weinen Sie oft?

Er ist dünn geworden, nicht leise, am linken Arm trägt er eine Uhr, der berühmte Immendorffsche Affe auf dem Zifferblatt, eine Fackel in der Hand, Affe und Biene sind Immendorffs Wappenvieh, bevölkern seine Bilder, Imme bedeutet Biene, Immendorff zögert, Trauer im Gesicht, vielleicht nur Müdigkeit, und sucht eine Antwort, die seine ist.

Ja, ich kann weinen. Ich kann / ich habe gehadert, aber ich / ich habe / ich wusste, dass / und zwar durch Dinge, die in meinem Leben passiert waren zuvor / also harte Dinge / dass ich immer eine Möglichkeit bekam / also in den schwärzesten Momenten, wo nichts geht, wo man mit seinem Latein am Ende ist, wo wirklich nichts mehr geht / das soll mal genügen so.

Er holt Luft, Immendorffs Lunge leistet den dritten Teil einer gesunden.

Ich glaube, das Wichtige ist, dass man unbedingt aktiv werden muss, unbedingt / also man muss denkerisch / man muss das als Material nehmen / das klingt wohl kokett und lässig, ist es aber nicht / so / jeder von uns ist von irgendetwas krank. Und Sie können genauso gut sagen / also ich kenne Fälle, wo ich mich noch immer als höchst privilegiert empfinde, Sie müssen nur einmal durch die Neurologie gehen, wo junge Menschen sind mit großen Köpfen / was da alles an Hirntumoren ist / das macht es ja nicht harmloser / kann auch nicht zur Beruhigung / das Leid anderer dient ja nicht zu Beruhigung für einen, unterschwellig vielleicht doch, indem man sich sagt, es könnte ja noch viel schlimmer kommen. Und das sagt man sich, glaube ich, bis zum Schluss, ich weiß es nicht. Dann kommt aber doch auch Dankbarkeit auf / was heißt aber schon Dankbarkeit? / ist doch auch so etwas bürgerlich Eingetopftes, in der bürgerlichen Plantage leider mehr zu Hause als da, wo es hingehört / eigentlich / weil es so oft strapaziert wird / auch / verlogen dann benutzt wird / aber wenn meine Tochter mir sagt, keine Sorge, Papa! / dann ist da –

Immendorff weint nicht.

Er war zu leicht, zu dünn, kränklich, seine Eltern brachten das Kind in ein Heim, 1956, Schwarzwald, Jörg Immendorff war elf Jahre alt. Und als er wiederkam, standen am Bahnhof von Bleckede nicht Mutter und Vater, sondern Bekannte, und die sprachen den Satz: Deine Mama ist im Krankenhaus, dein Papa hat euch verlassen. Immendorff begriff nicht, hatte keine Welt, die Mutter schickte das Kind in ein Internat nach Bonn, sechzig Betten in einem Saal, an den Wochenenden fuhren Limousinen vor und holten Immendorffs Kameraden ab, er rechte das Laub vom Fußballplatz, fand die neue Welt kindisch, Immendorff redete viel und laut, er zeichnete, um zu Schokolade zu kommen, die Zeichnungen der Mitschüler, Mama schickte Bücher über Picasso, Chagall, Cranach, Immendorff zeichnete das Titelblatt der Schülerzeitung, er meldete sich beim Theater der Stadt Bonn und war Statist, Immendorff stand auf der Bühne, leblos, mit einem Kerzenständer in der Hand, und brach in Tränen aus, wenn Trauer wallte, einmal schmiss der Mime Kinsky, der Hamlet auf eine Weise gab, dass das Publikum zu lachen begann und zu lärmen, den berühmten Schädel unter die Zuschauer, Immendorff vermutete darin nicht billige Wut, aber Kunst, großartig und genial.

Bei einer Schulfeier stellte Jörg Immendorff Aquarelle vor, 1960, ein Schriftsteller las und kaufte zwei Blätter zu fünf Mark, dann kaufte der Englischlehrer, die Deutschlehrerin, Immendorff fühlte sich begriffen und wichtig, sein Vater wollte, dass er, im Schoß der Bundeswehr, Medizin studiere, Immendorff befolgte nicht, was einer wünschte, der ihn nie hatte gewinnen lassen, Sonntag für Sonntag, Waterloo, Austerlitz. Immendorff, der nun nicht mehr im Internat wohnte, strich dem Besitzer des Bonner Jazzkellers New Orleans Club die Wände schwarz, versah sie mit Kubistischem und hängte seine Werke auf, erste Kritik in einer Zeitung: Immendorffs Bilder strahlen Leben, zweispaltig, 1961, er löste 140 Mark.

Macht die Tatsache, Herr Immendorff, dass Sie eine dreijährige Tochter haben, Ihr Sterben schwieriger?

Bitte zünden Sie mir eine Zigarette an, ja. Schauen Sie, sagt er und stößt den Rauch in die Halle, die Atelier ist, überstellt von Bildern und Farben, schauen Sie, es gibt ganz kurze Momente, wo ich solche Gedanken zulasse, wo ich die Tür aufmache für solche Gedanken und sie sofort wieder schließe, also ich mache sie freiwillig gar nicht auf. Ich will nicht, kann mir das nicht leisten. Ich bin zu sehr noch hier.

Er wird stumm.

Erinnern Sie sich an den Tag, da der Untergang begann?

Was heißt Untergang?, knurrt er. Also, wenn ich mich heute nun selber im Spiegel angucke, dann gucke ich heute lieber in den Spiegel als früher / ja / ja / man könnte sagen / kann sagen / wenn man so will / ich habe das Gefühl, ich sei zu einer Sache zurückgekehrt / oder ich habe einen Pfad wiedergefunden, den ich von irgendwoher noch kannte.

Mit der Hand, die ihm geblieben ist, wischt er Asche von der Hose. Pinsel stehen in Gläsern, über den großen Fenstern das Spruchband aus China, rote Schrift: »Professor Immendorff Welcome to our Academy«.

Im Sommer vor sieben Jahren, mit seiner neuen Frau, einer jungen Bulgarin, auf Fuerteventura, entglitt ihm, der auch im Urlaub zeichnete, der Bleistift, immer wieder. Der Hausarzt wusste nicht weiter und schickte den Künstler zu einem Neurologen nach Neuss. Der untersuchte und sprach: ALS, Sie haben noch zwei Jahre, Amyotrophische Lateralsklerose, eine seltene Sache, im Gehirn sterben die Nervenzellen ab, die Ihre Muskeln steuern, ohne Impulse aus dem Hirn verkümmern die Muskeln, sie erlahmen, die Gliedmaßen zuerst, irgendwann Zunge, Kehlkopf, Lunge, unheilbar.

Ich fand das dermaßen unverschämt. Erst mal hat mich diese direkte Äußerung, Sie haben noch zwei Jahre, empört / also, so schnell war ich gar nicht kopfmäßig, dass ich das auf mein Ende bezog, aber / aber diese Art der Offenbarung hat mich empört, der Schock kam ja erst später. Das ist / man drückt / es gibt gewisse Dinge, die einen sprachlos machen, so / also, man kann versuchen / ohne dass man schnell die weiße Fahne hisst, was gar nicht meine Art ist / also man kann schon sagen, dass, was da herum als Brocken / stellen wir uns vor, der Kern ist also verbal nicht zu beschreiben / und darum herum schwirren also Brocken, Meteoriten, die aus dem Wutzentrum weggeschleudert werden / und die kann man dann von einem Wechselbad der Empfindungen von / also / Zorn und auch / und weil man als Künstler vielleicht nur bedingt leicht / ob er es will oder nicht / über Abstraktion hantiert / ja / und der Tod das große abstrakte Finale für uns alle ist –

Immendorff schwingt den rechten Arm ins Gesicht, kratzt sich die Nase, er lässt den Arm sinken, die Hand klatscht aufs Bein. Ein Stühlchen steht hinter ihm, ein Tischchen, Farbstifte darauf, manchmal sitzt Ida hier, Meter neben dem Hochsitz des Vaters, der immer langsamer wird und dünner.

Jörg Immendorff, 18, bewarb sich an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, wurde aufgenommen, Fachrichtung Bühnenbild beim berühmten Teo Otto, 1963, Jörgs Rüstung waren ein schwarzes weites Cape, ein Stock mit silbernem Knauf, er war Dandy, spielte ihn nicht. Als Teo Otto, der Lehrer, Geburtstag feiern wollte und die Schüler sich anschickten, den Festraum zu schmücken, weigerte sich Immendorff, seine Werke herzugeben, Immendorffs Kunst ist nicht Dekoration, bemalte Autotüren, bemalte Fensterläden, Immendorff, auf Druck, verließ die Klasse und wechselte zu Joseph Beuys, Ikone des Kunstbetriebs, 1964, Raum 19 der Kunstakademie Düsseldorf, Jörg war 19, verehrte und fürchtete Meister Beuys, malte ihn immer wieder, mit Sternenmantel oder Fliegerjacke, Beuys als Schwimmer, als Nichtschwimmer, nie ohne Hut, was Beuys lobte, bewahrte Immendorff auf, was er tadelte, überstrich er. Und eines Tages, unzufrieden vor einem Werk stehend, Kunstharz auf Leinwand, 135 mal 135 Zentimeter, griff er zornig zum Pinsel, strich ein X aufs Gemälde, rot, blau, und den Befehl: Hört auf zu malen. Beuys sprach: Superbild.

Gibst du mir mal kurz ’ne Zigarette, Markus?

Ein Gehilfe eilt, steckt Immendorff eine Zigarette in den Mund, zündet sie an.

Es ist nun nicht so, dass ich jeden Tag mit dem Gedanken an den Tod verbringe. Eher ist es auch etwas Befreiendes, ich meine / bin da irgendwie / glaube ich / auch privilegiert, weil ich, den Tod so nahe, mich mit ihm beschäftigen muss. Es gibt ja dumme Tode, wo man denkt, was soll der Quatsch? / Aber / ja / ich bin zu sehr noch hier, und je mehr ich dieses Hier bejahe, macht das Jenseits mehr Sinn. Es ist ja nicht eine Treppe, die immer goldener wird, die unten hölzern anfängt und oben mit Gold endet / vielleicht ist ja die erste Stufe aus Gold und die letzte aus Holz / mit sehr viel Mist dazwischen, ich weiß es nicht / aber ich denke, je intensiver man lebt / wenn ein Tag intensiv ist, speist sich etwas Anderes, ich meine, warum habe ich das Foto von Beuys über meiner Tür hängen? Oder den Mao? Sicher nicht als religiöse Veranstaltung, sondern / weil mich das an Dinge erinnert, die mich weiterhin befassen / und ausmachen, aber doch auch sie, den Beuys und den Mao, weiter aufladen. Ja / selbst die jenseitigen Energien speisen sich von den Eindrücken, die man hinterlässt. Das wäre auch ein guter Grund, sich halbwegs anständig zu benehmen auf der Erde, damit / damit man / gute Chancen hat, für sich weiter zu glühen. Und wer sagt denn, dass das gesunde An-sich-Denken etwas Schlimmes ist?

Herr Immendorff, wer füttert Sie?

Füttern! – Wiederholt er das Wort.

Ich verteidige mein Territorium so gut es geht. Gewisse Sachen / da muss man lernen, Hilfe anzunehmen, ob einem das passt oder nicht. Das ist nicht immer lustig.

Wer zieht Sie an?

Bart und Haar sind grau und kurz, über den Schädel zieht sich eine dicke Ader.

Das geht mir zu weit, sagt Immendorff, laut und fest, nicht herrisch, vielleicht traurig oder müde.

Amyotrophische Lateralsklerose! – er war 53, verliebt in seine Schülerin Oda Jaune, 23, Bulgarin, schön. Er schaltete sich ins Internet, las, was über seine Krankheit geschrieben stand, Gendefekt, durchschnittliche Überlebensdauer drei Jahre, der Geist bleibt unversehrt bis zuletzt, 6000 Betroffene in Deutschland, zu uninteressant für die Pharmaindustrie. Immendorff reiste nach München und ergab sich einem Arzt, der ihm Mengen von Blut entnahm, das Blut einer Behandlung aussetzte und es Immendorff wieder in den Körper pumpte, Immendorff wurde wütend, vergaß sich und schrie. Man maß die Nervenleitgeschwindigkeit, maß dies und das, die Schritte, kaum merkbar, wurden unsicher, der linke Arm, der Malarm, schwach, Immendorff malte nun rechts. Am 1. Juli 2000 heiratete er die Schülerin.

Am 13. August 2001 gebar Oda Jaune ein Mädchen, Immendorff, begleitet von seiner Frau, reiste zu Ärzten nach Berlin, nach New York. Er warb für Herrenanzüge der Marke Windsor und schimpfte in den heimischen Blättern, unhistorisch sei es, keins seiner Werke in den Reichstag zu hängen. Und eines Tages rief ein Journalist an, man wisse, dass Immendorff unheilbar krank sei, ob er dazu etwas sagen möchte, Immendorff fühlte sich erpresst und redete. Schließlich, 2003, reiste er nach Brasilien in den Urwald zu einem Schamanen und setzte sich zu Dutzenden, die Erlösung suchten, Immendorff sollte meditieren, er schloss die Augen und tat das Mögliche, er sollte kein Schweinefleisch mehr essen, sich in keine Frau versenken, der Wundermann sah Immendorff an und sprach, so hieß es, mit den Stimmen Heiliger, er schrieb Seltsames auf Papier, ein Rezept für Kräuter, der Wundermann, so hieß es, operiere spirituell. Nach dem Eingriff lag Immendorff drei Tage lang erschöpft im Bett, Rückkehr nach Deutschland, Stephanienstraße, Düsseldorf, Rollstuhlaufzug im Treppenhaus.

Herr Immendorff, was prägte Ihre Kindheit am stärksten?

Die Scheidung! Die Scheidung meiner Eltern. Und das Sich-Einrichten, ich musste mein Leben einrichten / erfinden.

Sie waren Dandy, Maoist, Anarchist, Lehrer, Rocker, Malerfürst, Professor, Gatte, Vater, Sie ließen wenig aus – spielten Sie Rollen?

Immendorff sagt, ich habe nicht von einem Fach ins andere gewechselt / welchem Affen gebe ich heute Zucker? / Zum Teil war es Kalkül, andererseits denkt man nicht daran. Für andere war es kurios, ja. Das habe ich einfach benutzt. Das war ich.

Er war 21 und lud zu Aktionen. Immendorff bat Freunde in die Anderthalbzimmerwohnung, Beuys dabei, die Aktion hatte einen Namen, Frisches. Einmal stellte er ein Bild vor die Tür des Ateliers, schnitt es auf, und wer in den Raum wollte, musste durch den Schlitz. Erweiterung des Kunstbegriffs. Er war Maoist, tiefgläubig, trug schwarzes Leder und Armbinde, darauf Hammer und Sichel. Laut, eitel und schlagfertig genug, bannte Immendorff aus der Clique, wer rechts abwich, Funktionär Immendorff, er malte Sprüche, kaum noch Bilder.

Herr Immendorff, Ihr Vater war Offizier, Ihre Mutter Sekretärin – was war schlimmer?

Mein Vater, der Offizier, war ein musischer Mensch, er spielte Schlagzeug und zeichnete Karikaturen, er saß gern in Cafés und machte dort den guten Mann, während meine Mutter zu Hause das zweite Hemd bügelte, ich glaube / nein / meine Eltern waren nicht schlimm.

So gut es geht, stützt Immendorff die Arme auf spitze Knie.

Eva, Eva, komm mal. Geh mal hier unter den Stapel, da muss das Foto meiner Eltern sein, weiter hinten, da, in dem umgekippten Rahmen.

Eine Kinderstimme im Treppenhaus, Immendorff dreht den Kopf.

Worunter, Herr Immendorff, leiden Sie am meisten?

Also, der linke Arm fällt ganz aus, stopp / ich will es nicht wie ein Metzger machen / also, wie viel vom Rind kann noch laufen?, oder was hängt schon am Haken? / Andersrum formuliert / wenn ich die Möglichkeiten / die Möglichkeiten, mit denen ich mich aufgrund meiner Krankheit vertraut machen musste, die hätte ich gerne, ohne die direkten Gebrechen, schon früher gehabt / ja / so / ich spreche nun von der Produktion der vergangenen zwei Jahre, wo ich mich in der Rolle eines Dirigenten sehe, meine Helfer grundieren, sie bereiten Schablonen vor, und ich setze die Noten, ich bin der Composer und der Conductor / ich greife noch direkt zum Pinsel / aber ich bin mehr zerstörerisch, ich arbeite, so komisch das klingt, bildnerisch destruktiv, und das wollte ich verdammt schon immer, aber bewusst ist das verdammt schwer / und mich hat immer gerettet dieses Quäntchen zwischen Wollen und Können. Wenn ich den Stalin oder den Mao damals malte, weil der damals und heute nur auszuhalten ist, weil der schielte / oder weil die Zähne falsch gemalt waren / weil irgendwo in mir etwas saß / nein, nein, mein Junge, das willst du doch nicht wirklich, so ein Realist werden / weil die Bilder kippen / wenn Sie sich heute diese Bilder angucken, wie der Ho Chi Minh da durch die Luft fliegt und mit dem Ärmel einen US-Bomber zerfetzt, dann müssen all diese Jungmaler früh aufstehen, wenn die sich um Ironie bemühen.

Was bereuen Sie?

Die Kinderstimme im Treppenhaus, Immendorff horcht.

Es gibt etwas zu bereuen / weil mich das Zeit gekostet hat, die ich anders für anderes gerne genutzt hätte / und zwar in Phasen, wo ich mich selber nicht mehr ob dessen mochte, was ich vermochte / also, was ich arbeitete / sondern wo ich glaubte, die Belohnung / oder ich müsste den Claqueuren / also ich müsste den Erwartungen der Claqueure genügen und nicht primär meinen eigenen Ansprüchen. Und das hat mich auf Umwege gebracht / die also / nicht unbedingt in der künstlerischen Produktion / so mächtig waren die nicht aber / ich wurde mir selber unfair gegenüber / ich habe also mich selber nicht mehr genügend respektiert / also das, was in mir wert war, respektiert zu werden.

Er horcht.

Ida, komm mal hoch, Ida.

Das Kind kommt nicht.

Manchmal, sagt Immendorff, sitzt sie hier an ihrem Tischchen, dann arbeiten wir. Manchmal spielen wir Mutter und Kind, Ida ist die Mutter, ich bin das Kind, dann nimmt sie mich an der Hand und bringt mic¡h in den Kindergarten / ja.

Immendorff schwingt den Arm ins Gesicht, fährt sich über die Stirn, Schnee fällt aufs gläserne Dach.

Wo waren wir?, fragt er.

Aus Brasilien zurück, wandte sich Immendorff an die berühmte Berliner Klinik Charité, er nahm nun Medikamente, die am Menschen kaum versucht worden waren, sie linderten nicht, Immendorff und die Charité riefen das Jörg-Immendorff-Stipendium aus, in der Hoffnung, jemand mache sich endlich daran, ein Mittel gegen ALS zu erforschen, mindestens drei Millionen Euro will Immendorff sammeln, indem er Freunde aufbietet zu einer Gala, Ende des Jahres vielleicht, Grass, Bausch, Ferres, Barenboim, Baselitz, Schlingensief. Den Zeitungen richtete er aus: Mit Immendorff als Galionsfigur sorge ich dafür, dass eine bisher unbekannte Krankheit in Deutschland ein Gesicht bekommt.

Eines Tages werden Sie sich entscheiden müssen, ob man Sie beatmen soll.

Ich möchte, sagt er laut und fest, mich beatmen lassen. Ich will alles ausnutzen, jede Möglichkeit, jede Ressource, ich kann nicht anders denken / als das Optimale auszuschöpfen, anders geht das nicht / dieser Welt gegenüber / dieses gedankliche / also / die Gedanken peitschen einem ja durchs Gehirn, es gibt ja verschiedene Gedanken mit speziellen Charakteren, es gibt Gedanken mit Widerhaken, Gedanken wie ein schneller Hauch, solche in Zeitlupe / das sind Dinge, die einen auch anspringen, weil / das hört sich dann so an, als läge das alles bei mir, als würde ich das alles beherrschen, aber dem ist nicht so / nein.

Der Akademie entkommen, wurde er Kunsterzieher an der Dumont-Lindemann-Hauptschule in Düsseldorf, antiautoritär, blieb es während zwölf Jahren, man malte Plakate, drehte Filme, übte den kreativen Widerspruch, Tankt Mut – kritisiert die Lehrer!

1971 traf ihn die Einladung des Kölner Galeristen Michael Werner, in seinen Räumen auszustellen, Immendorff hielt dagegen: Nur wenn meine Schüler auch dürfen. Und so geschah es, der Anlass hieß »Die Arbeit an einer Hauptschule«, Werner und Immendorff wurden Freunde, Werner sprach: Auf deinen Bildern sehe ich sowieso immer nur Kartoffeln und Tomaten, sie gefallen mir.

1972, Teilnahme an der Documenta 5 zu Kassel. 1976, Biennale in Venedig.

1978 begann Immendorff, was ihn berühmt machte, einen Zyklus von 43 Werken, Café Deutschland, in Café Deutschland I, 282 mal 320, streckt Immendorff seine Rechte durch eine Mauer, die Linke hält den Pinsel zeptergleich, Brecht grinst aus einem Himmel, Schmidt und Honecker, jeder für sich, malen die Fahne ihrer Staaten, in Café Deutschland II wehrt Penck, der Freund in der DDR, mit einem Stuhlbein den Bundesadler ab, der in seinen Krallen einen VW Golf trägt.

Er ließ kaum eine Party aus, keine Nacht am Boxring, Immendorff, stoppelbärtig, steckte sich wieder in schwarzes Leder, nur enger als einst, belud sich Hals, Ohren, Finger mit güldenem Schmuck, den er teilweise selber entwarf, Affe, Adlerhaupt, Brandenburger Tor, er las Playboy, liebte Frauen, manche Frauen liebten Immendorff, der einen Porsche besaß und einen Mercedes der Klasse S, Jörg, der an verschwiegenen Stellen Tattoos hatte und seine Geburtstage wie Parteitage feierte, der, 1984, gar Pächter einer Kneipe in St. Pauli wurde, La Paloma, die Kapelle am Wegesrand, Joop verkehrte, Domenica, Bürgermeister von Dohnanyi samt Gattin – Immendorffs soziale Skulptur.

Den Schreiberlingen, die er suchte, schrieb er ins Heft: Den Begriff Malerfürst finde ich lächerlich, außerdem diskreditierend, denn wo ein Fürst ist, muss es auch einen Kaiser geben.

Haben Sie, Herr Immendorff, eine Instanz, die Sie in Ihrer Not oder Angst ansprechen, vielleicht beschimpfen oder verfluchen?

Wenn es da, sagt Immendorff und krümmt sich zur Tasse, die vor ihm steht, wenn es da eine Energie gibt, verklausuliert, weil man sie anders gar nicht umschreiben kann, dann wird die nicht so kleinkariert und spießig sein / die dann sagt, Moment mal, du hast das und das Böse getan, ich verweigere dir jetzt meine Unterstützung. Es gibt ja dumme Tode / wo man denkt, was soll der Quatsch? / ja / davon muss man sich trennen, entweder ist es eine über den Verstand reichende fantastische Angelegenheit / dann muss man sich klar sein, dass man klein ist.

Immendorff schweigt, schaut sich um, Gehilfen grundieren, schneiden Schablonen, ein Radio läuft.

Auch mit diesem Konzept von Seele und so / ich habe mir immer vorgestellt, wohin gehen die denn alle?, wo sind denn alle im Paradies?, selbst alle Guten zusammen, das ist ja kaum zu ertragen, Kafka, Sartre, Duchamps, alle in einem großen Riesensaal, und man sagt Hallöchen.

Jetzt lacht Immendorff.

Als Deutschland wieder ein Land wurde, feierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit einem Bild von Immendorff, Café Deutschland, Bundespräsident von Weizsäcker trat im Fernsehen auf, redete zur Nation vor einem Bild von Immendorff. Immendorff schuf einen zweiten Reigen, Café de Flor, nicht mehr Politiker waren sein Stoff, sondern Freunde und tote Maler, Picabia, Beckmann, de Chirico, Dix, Ernst, Baselitz, Lüpertz, Penck, zur Eröffnung seiner Ausstellung in Mexiko strömten 6000 Menschen, manche Bilder gingen nun für eine halbe Million Mark weg, und 1996, nach 14 Jahren, bot ein deutsches Museum wieder eine Gesamtschau des Immendorffschen Œuvres, Kunstmuseum Wolfsburg – schamlos spät und symptomatisch für die Art und Weise, wie man hierzulande mit einem der originellsten und facettenreichsten Gegenwartsmaler wie mir umgeht.

Schritte im Treppenhaus, Immendorff dreht sich zur Tür, eine Frau tritt in den Saal, die Schwiegermutter aus Bulgarien, sie steht und schweigt, Immendorff sagt: Ich esse um sechs.

Gab es je den Gedanken, Ihr Leiden zu verkürzen, sich zu töten?

Beantworte ich nicht. Mein Vater tat es. Ich spreche nicht darüber, diese Dinge gehören mir, und zwar nur mir und nicht mal meiner Familie.

Im Sommer 2003 lag Immendorff in einer Suite des Steigenberger Parkhotels, Düsseldorf, zum 27. Mal, er schnupfte Kokain, schlechte Ware, die er zu teuer erstanden hatte, neun junge nackte Frauen, bei einer Agentur bestellt, waren mit ihm, Immendorff, fast lahm, lag auf dem breiten Bett, man aß Schnittchen, sah Fernsehen, manche schliefen, die Polizei kam, fand sieben Gramm Verbotenes und 56000 Euro in Immendorffs Jacke, das Massenblatt schrie: Schlimmste Sex-Orgie des Jahres . Schreiber standen im Hof, Immendorff empfing, ich möchte, sagte er zwölf Tage nach der Tat, ich möchte, dass meine Frau weiß, dass sie meine einzige große Liebe ist, und dass sie weiß, dass ich ihr immer und ewig gehöre und dass der Schmerz, den ich ihr zugefügt habe, der Grund für meine Scham ist.

Ganz in Schwarz stand er vor dem Landgericht Düsseldorf, August 2004, schwarz und schmal, er habe, sagte Immendorff, aus Lebensgier gehandelt, aus Panik, aus der Hoffnung heraus, die Angst vor dem Tod mit einer Sause zu verdünnen. Das ist so ein Spruch, sprach der Richter, ich möchte sagen, dass jeder lebensgierig ist. Fünf Tage dauerte der Handel, scharf beobachtet von Fernsehen und Presse, dann entschied das Gericht, Maler Immendorff sei zu bestrafen, indem er elf Monate in einem Gefängnis verbringe, bedingt erlassen auf zwei Jahre, und außerdem habe er dadurch zu büßen, dass er 150000 Euro gemeinnützigen Vereinen vermache. Einer Kunstzeitschrift brachte er aus: Ich habe schon Beuys zum Material gemacht, wie ich meine Hauptschüler zum Material gemacht habe, wie ich jetzt das Gerichtsverfahren zum Material mache, weil ich alles zum Material mache.

Er steht auf und schwankt.

Schieben Sie bitte den Rollstuhl rüber, ich möchte mich daran halten, muss einige Schritte gehen.

Er trägt leichte schwarze Schuhe, kleine Farbflecken darauf. Langsam, die Schrittchen kurz, stößt Immendorff das Fahrzeug durch sein Reich. Neulich war er in China und legte sich dort einem Chirurgen hin, der ihm den Schädel aufbohrte und zwei Millionen Zellen ins Hirn spritzte, Zellen abgetriebener Menschenföten.

Wo möchten Sie sterben?

Langes Schweigen.

Ich mag / ich kann das nicht sagen, ich kann es nicht. Ich möchte nicht in der Straßenbahn sterben, nicht im Taxi / also versuchen wir mal, das ein bisschen zu klären / also wenn / dann schon / wenn ich wüsste, dass es morgen ist / dann mit der Familie und Freunden / aber ich weiß nicht, ob das gut ist für sie / für mich wäre es leicht / wenn ich dann einschlafe / ich weiß nicht, ob ich der Familie das zumuten kann, und / vielleicht sollten die gar nicht dabei sein, dann hat man mich in Erinnerung, als sei man unterwegs.

Müde fährt er sich übers Gesicht.

Reden wir morgen weiter?

Gerne, sagt er, morgen.