Eins kann man dem Jazz ja lassen, er stört kaum noch. "Du musst mich fragen, wie wenig ich mit der Jazz-Szene zufrieden bin", forderte der Saxofonist Heinz Sauer schon vor 20 Jahren. Und die Journalistin Gudrun Endress tut ihm den Gefallen, hört die Klagen des damals 53-Jährigen über die wenigen Auftrittsmöglichkeiten, über die aalglatten jungen Perfektionisten, über jene schleichende Langeweile, die hoch technisierte Musikhandwerker verbreiten. "Die spielen anonym. Das ist es ganz genau. Viele spielen anonym. Wenn der Jazz Kunst sein soll, dann muss er mit Ausdruck zu tun haben. Was du jedoch vorwiegend hörst, ist Klischeemusik."

Lebte Heinz Sauer in New York, stünde er im Jazz-Olymp der Saxofonisten. Gäbe es einen Preis für den ausdrucksmächtigsten Tenorsaxofonisten, der Weg führte nur an ihm vorbei. Suchte man nach dem großen kompositorischen Verdichter unter allen ausladenden Romanciers, dann bliebe man bei ihm hängen, bei dieser seltsam anwesenden und abwesenden Größe des europäischen Jazz. Das Lamento, der Prophet gelte im eigenen Land nichts, sollte man vermeiden, es liegt nicht nur am öffentlichen Kniefall vor den afroamerikanischen Giganten, dass der 1932 in Merseburg geborene Heinz Sauer zu wenig gehört wurde. Der markante, wortkarge Mann ist schwer vermarktbar, zieht sich lieber stumm zurück, als sich zu öffnen, sucht die Konzentration, nicht das Geschwätz. Selten veröffentlicht er Platten, empfindet sie eher als tönende Werbeträger denn als musikalischen Ausdruck. Er ist das Gegenbild zu H&M-Musikern wie dem hoch begabten Till Brönner, die den Jazz mit Vorliebe als saisonal wechselndes Parfum auflegen.

Doch Hoffnung trägt das Alter, und – obwohl schwer zu finden – es gibt sie, jene eigenbrötlerischen Jungen wie den Pianisten Jens Thomas, den Bassklarinettisten Rudi Mahall oder den jüngsten unter ihnen, den 26-jährigen Pianisten Michael Wollny. Schweinfurt am Main, wo Wollny 1978 geboren wurde, liegt ebenso fern von New York, doch es sind die kleinen Städte, die den Eigensinn herausfordern, den eigenen Weg einzuschlagen. Also traf der spröde Mann aus Merseburg nun den freundlichen Youngster aus Unterfranken, sie gingen ins Studio und nahmen 18 balladeske Miniaturen auf, die selten länger als drei Minuten dauern: Melancholia (Act Music 9433). Reichlich unpassend in Jazzkreisen, die seit der Überwindung der eingeschränkten Schellack- und Single-Zeiten immer unbeschwerter in Langspiel- und CD-Längen hineinimprovisierten.

"Form ist das, was wie von selbst entsteht bei der Konzentration auf das Wesentliche", schrieb Hans-Jürgen Linke im Begleittext zu Heinz Sauers ebenso grandiosem wie unbeachtetem Trio-Album Exchange von 1995, dem Exchange 2 im Quartett nicht minder eindrucksvoll 1998 folgte. Auch dort herrscht bisweilen jene Telegramm-kürze, die das Thema intoniert, eine Stimmung aufbricht und epigrammatisch schließt. Es sind musikalische Haikus, Lockrufe in ein Leben, das anderswo, in Clubs, in Konzerten stattfindet – die digitale oder analoge Aufzeichnung ist kein Ersatz. Doch ebenso finden sich immer wieder Standards wie Don’t Explain, Deep River oder Round Midnight, die Heinz Sauer zu überrumpeln scheinen, seine Vorsicht aufzugeben und sich in all die Klänge fallen zu lassen, die ihm Vorbild waren: das Expressive von Archie Shepp, den langen harten Atem von John Coltrane, die warme Intensität des Tones von Ben Webster oder das rhythmische Atmen eines Sonny Rollins.

"Es gibt immer einen Punkt, von dem aus die Landschaft der Erzählung überblickt werden kann", notiert Per Olov Enquist in seinem klugen Buch von Blanche und Marie, und genau in jenem Punkt treffen sich Sauer und Wollny, wenn ihnen eine paradoxe Gleichzeitigkeit von Klangverdichtung und -explosion gelingt. Während Heinz Sauer einer Generation entstammt, die der "schwarzafrikanischen Vitalität und ihrer ethnischen Konzentriertheit" – wie es der deutsche Dichter Wilhelm E. Liefland formulierte – zu viel verdankte, um sich endgültig davon zu befreien, kommt Michael Wollny aus der entgegengesetzten Ecke: klassisch geprägt, Späteinsteiger im Jazz, beeinflusst von Platten wie Personal Mountains von Keith Jarrett und Jan Garbarek, der wilden, zerklüfteten Seite von Romantikern. Also, jung genug, um den Jazzgeschichtsballast nicht schleppen zu müssen, und wach genug, um jeden Tag etwas Altes neu zu entdecken.

Das hoch gefeierte Album call it des Trios von Michael Wollny, der Bassistin Eva Kruse und dem Schlagzeuger Eric Schaefer (Act Music 9650) breitet schon jenen Formenreichtum aus, der Wollny als Reaktionsschema zur Verfügung steht. Da swingt der Bass durch die Lande, und Wollny folgt, da entsteht ein statischer Klangraum, durch den man sich rhapsodisch bewegt, da gibt das Ostinato die Melodie vor, während die rechte Hand den Druckpunkt sucht, der den Schmerz löst. Die Schönheit liegt im Zentrum einer Musik, die vom freien Jazz ebenso weit entfernt ist wie vom gepflegten Bebop wie von der kraftmeierischen Schunkelmusik eines Esbjörn Svensson Trios.

"Die Kontrolle aus der Hand geben und sehen, was passiert." Unbelastet so frei zu sein, sich vom Rahmen inspirieren zu lassen und dem Augenblick zu folgen, das ist die Kunst, die Michael Wollny nun der langen Geschichte Heinz Sauers entgegenbringt. Sauer, der sich ironisch als "alternder Modernist" bezeichnet, der dem Albert Mangelsdoff Quintett zwischen 1960 und 1978 angehörte und in all den Projekten der letzten zwanzig Jahre, unter anderem mit der eigenen Gruppe Voices, den German All Stars oder der NDR-Big Band mit Ellingtonia, immer wieder Duoformationen – lange Jahre mit Bob Degen – bevorzugte, nun setzt er seinen rauen, oft überblasenen Ton in dieses Gespinst. Endlich. Jenseits aller weitläufigen Jazz-Szenen, die von der vergnügten Oldie-Ecke über die Elektrojazz-Lounge bis zur Multikulti-Halle reichen – da sind noch immer Orte, an denen sich raue Melancholiker zu Hause fühlen.

Einen "der besten Jazzmusiker unserer Zeit" nannte Michael Naura in der ZEIT den ewig Suchenden und Zweifelnden Heinz Sauer, und Wolfgang Sandner schrieb von dessen "Meisterstücken des Jazz" in der FAZ. Nun müssen die Propheten nur noch gehört werden.