Bremen, 23. März 2005

Darf man durchatmen? Wenn der Literaturbetrieb im Frühjahr sich aufgeschäumt hat, auf der Leipziger Buchmesse die Sektgläser geleert, gespült, endlich weggepackt sind, die aparte Frau Menasse, der bestaunte Tellkamp, alle Darlings der Talkshows im Ostereierlei der Buchhandlungen ihren Platz gefunden haben, wenn also das Geplustere wie eine Latte Macchiato in sich zusammengesackt ist, kehrt Stille ein. Nachdenklichkeitsstille. Wo das nur alles herkommt, das Getriebe. Gibt es ein Jenseits des Getöses? Einen kleinen Nabel, den Ursprungsstrudel der Literatur? Zur Wahrheit führen kompliziert viele Wege und einer – nun ja, nach Bremen. Zur Krachkultur, der kleinen Underground-Literaturzeitschrift.

Hauptbahnhof, Hinterausgang. Den monumentalen Elefanten links liegen lassen, an den Prachtfassaden der Jahrhundertwende vorbei, in die schönste aller Villen hinein und dort alle Treppen hoch, bis das holzgeschnitzte Geländer schlichter wird, die Decke schräg, die Tapete wellig, dahin, wo früher die Dienstboten hausten und heute die Studenten. Links: Bügelbrett. Rechts: Kaffeemaschine. Ein Regal mit Schuhkartons und Ordnern, eine Trittleiter, auf der ein Fußball wohnt, ein Umzugskarton, auf dem ein Drucker zu Hause ist. Und mittig platziert: der Kiefernholzschreibtisch, woran ein junger schmaler Mann sitzt, Martin Brinkmann, cand. phil., 27 Jahre alt, bisschen schütteres Haar. Doktorand der Germanistik. Seit zehn Jahren Herausgeber von Krachkultur, einer Publikation, die man sich unter Literaturfreunden schon mal begeistert rüberreicht (Hast du den Robert Yates gelesen, kennst du die Aufzeichnungen von Anatoli Marienhof?!) und deren Machart im Vorwort der jüngsten Ausgabe, der Nr. 10, mit einem Wort von Heimito von Doderer begründet wird: "Eine gewisse Krudität des Griffs in’s innere Geweid ist sein durch nichts noch gerechtfertigtes Wagstück."

Eine Schülerdreistigkeit. Muss man 17 sein, Gymnasiast in Bederkesa, um "geradezu besessen" von der Aufgabe zu sein, ein Organ zu schaffen, "das die junge deutsche Literatur präsentiert"? Damals, lächelt der Brinkmann fein, habe man ja glücklicherweise keine Ahnung von der deutschen Literatur gehabt, oder davon, wie viele Zeitungen es gibt, Hunderte, von Atme! über Muschelhaufen bis Veilchen, natürlich das Schreibheft oder den Merkur. Aber, sagt Brinkmann, die jüngste Leonce-und-Lena-Preisträgerin Anja Utler komme eben doch aus dem Bunte Raben Verlag, den er mit seinem Freund Fabian Reimann damals gegründet hat, dem Freund, heute Student der Buchkunst in Leipzig, der die Hefte so low key gestaltet, wie Brinkmann gekleidet ist, blaue Jacke, falbes Hemd, randlose Brille. Die Krachkultur habe Silke Scheuermann schon veröffentlicht, lange bevor sich die Feuilletons wie heute stritten, ob sie die besten Kurzgeschichten nach Judith Herrmann schreibe oder doch eher die schlechtesten. Und für die Nr. 9 hatte übrigens Thomas Kling ein Gedicht rübergefaxt, nach kleiner Vorwarnung per Handy: "Dies sind feineinstellungen. / pollenanalyse, / knochenmarkspende, / geweihmaske…"

Auflage: 1.000 Stück. Erscheinung: unregelmäßig. Abos: 30 bis 40, eines tatsächlich nach Cambridge, MA, ein Exemplar geht ans Schiller-Archiv in Marburg. In Bremen verteilt Brinkmann per Hand. Kein Akt der Demut. Brinkmann, auch Rezensent, hat eine Haltung gegenüber der Literatur. "Mit Jagoda Mirinic, Jahrgang 1977, besitzt der Suhrkamp Verlag endlich wieder eine junge und hübsche Leistungsträgerin auf dem Gebiet der Rätselprosa", ist dann von ihm zu lesen. Wenn er Texte gut findet, kennt er kein Halten. Anatoli Marienhof habe er schon gelesen, als der nur in der DDR veröffentlicht wurde, sich gefragt, wie Texte zu beschaffen seien, an die Lyrikerin Olga Martynova geschrieben – und siehe da: Aufzeichnungen eines 40-jährigen Mannes – im Heft! "Wir präsentieren", sagt Brinkmann, "kleine Träume." Er versteht sich als "Fahnder in der Szene", für so was habe doch der Rowohlt-Lektor gar keine Zeit. Der müsse sich um die eingeflogenen Bestseller kümmern. Und hätten nicht längst Promis wie Gottschalk und Willemsen den Buchmarkt erobert? Wie sei es sonst zu erklären, dass so traurige, sanfte Erzählungen wie die von Richard Yates ein halbes Jahrhundert übersehen würden?

Nun, man muss Literatur verkaufen. Aber das gilt auch und gerade für Literatur, die in einer Bremer Dachstube produziert wird. Wie lautet der Spontispruch: Keine neuen Waffen, bevor die alten verbraucht sind! Susanne Mayer

Krachkultur
Nr. 10/2004; 212 S., 10,– €
ISSN 0947-0697 ( www.krachkultur.de )