Bischkek

Die Revolution war noch keine zwei Tage alt, da wurde sie verscherbelt. In den Hallen des Präsidentenpalastes boten die Kämpfer der neuen Macht ihre Beutestücke an. "Wir haben geheime Dokumente aus Akajews Büro", verspricht einer der Männer, die in der vergangenen Woche Kyrgystans Präsidenten verjagt haben. Höchst sensationelle Papiere über Staatsverrat seien das. 200 Dollar möchte der Revolutionswächter für seinen Schatz. Als Zugabe schlägt er einmal Probesitzen auf dem Präsidentensessel vor.

Ein anderer mit wettergegerbtem Hirtengesicht rühmt sich, er habe Akajews Trutzburg aus sowjetischer Zeit als einer der Ersten gestürmt. "20 Minuten brauche ich, um ein Schaf zu schlachten und zu zerlegen", erzählt er stolz. "Der Sturm auf den Palast hat nicht länger gedauert." Jeder Schritt knirscht auf dem Geschmirgel aus Stein und Scherben, das die Machtverschiebung hinterlassen hat. Sogar das Waschbecken der Toilette hat ein Randalierer zerschlagen. In dunklen Ecken lungern Gestalten herum, deren Autorität auf ausgefransten roten Armbändern beruht. Auch der revolutionäre Hirte hat etwas zu verkaufen. Er zeigt auf seine graue Aktentasche: "Die gehörte dem Premierminister. Wie wär’s?"

Die Vertreibung des kirigisischen Präsidenten in Rekordzeit war ein Betriebsunfall der Geschichte. Eigentlich wollte die Opposition nur friedlich demonstrieren. Doch dann erlebte Kyrgystan nach Georgien und der Ukraine unverhofft den dritten Präsidentensturz einer ehemaligen Sowjetrepublik innerhalb von anderthalb Jahren. Damit gerät erstmals ein zentralasiatisches Land 14 Jahre nach seiner Unabhängigkeit in die Pubertät der demokratischen Entwicklung. Der Sturm des Weißen Hauses von Bischkek versetzt schon jetzt die anderen Regime in Zentralasien in Nervosität – und ermutigt die unterdrückte Opposition.

Bei der Parlamentswahl im März hatten die Regierungskandidaten nach offiziellem Ergebnis 69 von 75 Mandaten errungen. Diese offenkundige Wahlfälschung trieb die Menschen auf die Straßen. Darauf hatte die Opposition gehofft. "Unser Hauptziel war es seit Monaten, dass die Getreuen in Akajews Umgebung langsam vom Präsidenten abfallen", erzählt die Aktivistin Samira Sydykowa. "Die Korruption des herrschenden Clans haben wir zum Angriffsthema gemacht und Listen seiner Besitztümer in vielen Oppositionszeitungen veröffentlicht. In einzelnen Gesprächen haben wir Polizisten bearbeitet, sich nicht gegen uns zu stellen." Den Oppositionellen war klar, dass sie im Unterschied zu den bisherigen samtenen Revolutionen nicht in der Hauptstadt beginnen durften, wo zu viele Menschen vom Staatsapparat abhängen. Bischkek wurde eingekreist: Die wichtigsten südlichen Städte fielen ohne Blutvergießen in die Hand der Demonstranten, die sogar gegen die Spezialeinheiten der Polizei Amtsgebäude eroberten. "Das war psychologisch ein großer Triumph", sagt Sydykowa. Nun sah sich die Opposition im Norden in Zugzwang. "Wir sind in die Siedlungen der zugewanderten Arbeiter am Stadtrand gegangen", erzählt Sydykowa, "und haben agitiert: ›Seht, was der Süden geschafft hat! Bringt ihr das etwa nicht zustande?‹ Wir wollten nur den Platz vor dem Präsidentenpalast besetzen. An seine Erstürmung hat keiner gedacht."

Am Morgen des 24. März sammelte sich die Kolonne der Demonstranten am Bischkeker Basar. Mal gelbe und rosa Bänder, mal Tulpen und Schneeglöckchen sollten den friedlichen Widerstand im Stil der orangefarbenen Revolution der Ukraine symbolisieren. Zu Beginn der Protestwelle gab es im Süden des Landes nicht genügend Blumen einer Sorte.

Zur besseren Koordination teilten sich die Protestierenden nach dem Armeesystem von Dschingis Khan in Zehner- und Hundertereinheiten auf. Als sie vor dem Präsidentenpalast zur Kundgebung ankamen, zählte die Menge knapp 10000 Menschen. Ihnen standen Einheiten der Polizei und Akajew-Getreue gegenüber. "Die waren gut ausgerüstet mit Schilden aus Furnierholz und Dachlatten", erzählt ein Oppositioneller. "Sie trugen weiße Kappen und blaue Bänder am Ärmel, damit die Polizei sie erkennen konnte." Die Provokateure sollten die Demonstration sprengen. Doch genau diese Taktik brachte Akajew zu Fall.