Dokumentarfilme über Menschen, deren Lebensleistung in der Selbststilisierung liegt, befinden sich in einer prinzipiellen Klemme. Entweder sie zerren das Bild hinter dem Bild hervor, was oft auf Kosten der ursprünglichen Faszination geht, oder aber sie halten sich an die Oberfläche, auf die Gefahr hin, dem Kult um die Person nichts Entscheidendes hinzuzufügen. The Nomi Song, Andrew Horns Film über das kurze Leben des Klaus Nomi, will beides: die Kunstfigur verstehen und den Menschen, der sie erschuf. Er zeigt, was Puder, Schminke und ein wenig Plastik bewirken können, wenn der entsprechende Wille zur Verwandlung vorhanden ist. Um der Inszenierung auf den Grund zu gehen, ist er selbst zu gebannt von seinem Gegenstand.

Bereits die Eröffnungssequenz erzählt von einem kleinen Wunder: einem Mann, der vom Himmel fiel. Irgendwann in den späten Siebzigern erschien er den ersten Eingeweihten, 1983 war er schon wieder verschwunden, gestorben an Aids, das damals noch "Schwulenkrebs" genannt wurde. Dazwischen liegt eine Karriere, die von einem Dorf in Bayern nach Berlin führt und von dort ins New Yorker East Village, wo aus Klaus Sperber, dem unscheinbaren Opernfan, Klaus Nomi wurde. Mit hartem deutschen Akzent sang er den Bewohnern des dortigen Untergrunds von der bevorstehenden Apokalypse und der alles errettenden Liebe. Und die Untergrund-Bewohner staunten. Selbst zynischste Punks soll Nomi zum Weinen gebracht haben mit seinem Gesang. Wäre es nach ihm gegangen, sein Countertenor wäre in den größten Konzertsälen der Welt erklungen. Doch Männer mit Falsettstimmen waren damals noch nicht in Mode. Die einzigen Popstars, die wie Frauen aussahen, spielten in Heavy-Metal-Bands. Und die schauten seltsamerweise auf Tunten herab.

The Nomi Song ist weniger Dokumentation im strikten Sinne als Findefilm eines Rätselwesens. Loving the Alien! Der Regisseur Horn hat auf Dachböden Material zutage gefördert, von dem selbst die Besitzer nurmehr vage Vorstellungen hatten: Szenen aus Punkschuppen der ersten Stunde, verwackelte Aufnahmen von neodadaistischen Partys mit grell bunten Science-Fiction-Motiven im Hintergrund, Impressionen vom Schminktisch, die vorführen, wie Klaus Sperber sich in Klaus Nomi verwandelt, das Ding vom anderen Stern. Dazu Ausschnitte aus Ann Magnusons New Wave Vaudeville Show, in der Nomi auftrat und für die im East Village per Anschlag "ägyptische Sklaven, BreakdanceGirls, Roboter-Monster, Außenseiter, Nazis und emotional Verkrüppelte" rekrutiert worden waren. Man staunt, mit welch bescheidenen Mitteln die Illusion zustande kam, oft musste ein wenig Frischhaltefolie für Glamour sorgen. Erst danach kommen die vielen Figuren zu Wort, die den Lebensweg des Künstlers begleiteten oder auch nur streiften: die Tänzer der frühen Shows, der improvisatorisch begabte Kostümdesigner, die Mitbewohnerin, die niemals geglaubt hätte, dass der kleine Klaus mit seinen schrillen Gesangsexperimenten jemals ein Publikum finden würde. Horn arrangiert sie zu einem Chor. Eine definitive Stimme gibt es darin nicht.

Der Verzicht auf abschließende Lesarten will einer Zeit gerecht werden, in der die Popmusik sich abseits der großen Verbreitungsmedien zum Laufsteg für Exzentriker aller Arten entwickelte. Der Aufstand der Zeichen, die Selbsterfindung als Revolte, beides gute Bekannte aus bewegteren Tagen des Popdiskurses – hier werden sie aus der Perspektive eines Außenseiters gezeigt, der seinen Platz im unmittelbar bevorstehenden Aufbruch suchte. Horn verzichtet auf jeglichen Kommentar aus dem Off, reiht lose Statements und Sichtweisen aneinander. Ähnlich wie in Jürgen Teipels Punk-Recherche Verschwende deine Jugend schreien sie danach, im Kopf weitergesponnen zu werden. Klaus Nomis kalkweißer Teint zitiert japanische Kabuki-Stile, aber ist der Einfluss von Oskar Schlemmers "mechanischem Ballett" nicht stärker? David Bowies Weltraumarien hat Nomi viel zu verdanken, doch ist er nicht zugleich eine Art Kraftwerk-Klon, den Laboratorien verrückter deutscher Wissenschaftler entsprungen? Am Zeichenkreis des Deutschen hat er sich jedenfalls reichlich bedient – Germanploitation ließe sich sein Verfahren in Anlehnung an die Blaxploitation-Filme der Siebziger nennen. Nach hinten führt eine Spur zu Marlene Dietrich, deren Blauen Engel Nomi auf der Bühne zelebrierte, nach vorn zu Rammstein und Max Raabes Palastorchester. Auch sie rollen das R nach Art alter Wochenschauredner. Nur ist ihr Publikum ungleich größer.