Es war ein Freispruch, aber ein ziemlich halbherziger. UN-Generalsekretär Kofi Annan, so hat eine unabhängige Kommission am Dienstag in New York verkündet, ist nicht korrupt. Allerdings hat er weder seine Familie noch seine Behörde gut genug im Griff.

Die so genannte Volcker-Kommission – benannt nach ihrem Vorsitzenden, dem früheren US-Notenbankchef Paul Volcker – prüft derzeit das größte UN-Hilfsprojekt aller Zeiten, aber möglicherweise auch eine jahrhundertrekordverdächtige Betrugsaktion: Das "Öl-für-Lebensmittel"-Programm, das zwischen 1996 und 2003 Saddam Hussein erlaubte, trotz UN-Sanktionen Öl zu verkaufen, um dafür Lebensmittel und Medikamente zu erwerben. Unstrittig ist, dass dabei Schmiergelder in zweistelliger Milliardenhöhe gezahlt wurden. Nicht hilfreich für den bedrängten UN-Oberen ist dabei, dass auch sein Sohn Kojo über eine Schweizer Firma an dem Programm verdient hat – und, wie sich unterdessen herausgestellt hat, seine Einkünfte klein rechnete.

Der zweite Bericht der Volcker-Kommission hat nun Annan senior bescheinigt, es "gebe nicht genug Beweise" dafür, dass er vom ursprünglichen Engagement der Firma gewusst habe, bei der Annan junior beschäftigt war. Jedenfalls habe der UN-Generalsekretär später das Risiko eines Interessenkonflikts unterschätzt; außerdem habe er seine Behörde nicht genug angetrieben, die Affäre zu untersuchen. Kojo selbst werfen die Prüfer vor, er habe seine Beteiligung an dem Programm "aktiv" verschleiert und seinen Vater "absichtlich getäuscht".

Für Annan ist es eine kurze Atempause, nicht mehr, denn die Hauptfragen des Skandals sind noch nicht geklärt. Wer hat sich vor allem bereichert: Saddam Hussein und seine Schergen, die ausländischen Firmen – oder gar UN-Bedienstete? Und: Hätten Annan und seine Behörde mehr tun müssen, um den Missbrauch zu verhindern? Oder waren es etwa Mitgliedsstaaten des UN-Sicherheitsrats, die ihre Firmen protegierten und dafür sorgten, dass ihre Geschäfte ohne störende Überwachung liefen? Die Volcker-Kommission wird über alles dies erst im Juni abschließend berichten.

Auf dem Spiel steht nicht nur die berufliche Zukunft des Ghanaers. Im September soll die UN-Generalversammlung über Annans ehrgeiziges und mutiges Reformpaket entscheiden. Darauf hoffen nicht nur Nationen wie Deutschland, die in einen erweiterten Sicherheitsrat wollen – sondern auch die Regierung Bush, die sich nach ihrem Scheitern im Irak wieder sehr für die UN erwärmt. Mit einer führungslosen Weltorganisation aber stehen die Aussichten für eine Reform schlecht. CONSTANZE STELZENMÜLLER