Krisensitzung im Spaßbad zu Halberstadt: Während am Freitagnachmittag die Kinder im »Sea Land« plantschen und rutschen und sich zwischendurch mit Currywürsten stärken, trifft sich das Kuratorium der John-Cage-Orgelstiftung in einem dem großen Becken benachbarten Seminarraum. Es erscheinen Herren mit wallenden Bärten, Orgelkundler, Professoren, ein früherer Minister, ein Verwaltungsfachmann und Marketingexperte sowie der Chef vom Schwimmbad, denn auch er gehört dem Gremium an. Auf der Tagesordnung des auf vier Stunden angesetzten Treffens steht die Frage, wie das langsamste Musikstück der Welt möglichst elegant abgebremst werden kann. Denn man spielt es versehentlich zu schnell.

Zur Erinnerung: In Halberstadt, jenem hübschen Städtchen am östlichen Harzrand, wird ein Orgelwerk aufgeführt, wie es die Menschheit noch nicht gehört hat – 639 Jahre soll es dauern! Es heißt Organ 2 /ASLSP, stammt vom Amerikaner John Cage (1912 bis 1992), und es läuft seit dem 5. September 2001, an dem der Komponist seinen 89.Geburtstag gefeiert hätte. ASLSP steht für »As SL ow aS Possible« – »so langsam wie möglich«. Cage wollte, als er das Stück 1987 schrieb, etwas Tempoarmes, aber an ein Jahrhunderte währendes Rund-um-die-Uhr-Konzert hatte er im Traum nicht gedacht. Andere kamen auf diese Idee, und einige von ihnen finden sich heute im Kuratorium der Cage-Stiftung.

Halberstadt hatte in der Geschichte schon einmal den Maßstab gesetzt, und zwar im Jahr 1361, als im Dom die erste Großorgel errichtet wurde. Sie führte die zwölftönige Tastatur ein, die bis heute auf allen Tasteninstrumenten verwendet wird. Es ist insofern nicht übertrieben zu sagen: Die Wiege der modernen Musik stand in Halberstadt.

Als kurz vor dem Jahr 2000 der Gedanke reifte, das Orgelstück von Cage in der Halberstädter Burchardikirche aufzuführen, diente das Jahr 1361 als natürliche Bezugsgröße: 2000 minus 1361 gleich 639. Man nahm die vierseitige Partitur und zog sie in die Länge.

Manche fanden den Einfall befremdlich, andere gerieten gleich in seinen Sog. Was reißt schneller ab als ein Ton? Und hier sollten Väter und Söhne, Enkel und Urenkel, Ururenkel und Soweiterenkel die sensiblen Schwingungen bruchlos weitertragen? Und das im larghissimo sostenuto, dem » denkbar langsamsten Zeitmaß«?

Man kann die Aufregung der Beteiligten nachfühlen. Zu jedem Zeitpunkt war sie größer als die vorhandenen Mittel; die Herrichtung der nicht mehr genutzten Burchardikirche kostete Geld, die Anschaffung des Gebläses und der ersten Orgelpfeifen… Und so geschah es also aus Finanzknappheit, dass die Aufführung nicht wie ursprünglich geplant im Scharnierjahr 2000 begann, sondern ein Jahr später, 2001.

Das Konzert hob an mit der Einschaltung des Gebläses – Töne gab es noch keine, weil am Anfang des Werkes eine Pause stand. Das passte durchaus zu dieser besonderen Aufführung: Die Orgel sollte Luft schöpfen für die Jahrhunderte…

Leider hatte das Kuratorium aber vergessen, die einjährige Verschiebung in den errechneten Ablauf des Konzertes zu übertragen. Und so kamen die ersten Töne am 5. Februar 2003, ein Jahr zu früh!