"Männer machen Geschichte" – so behauptete es Heinrich von Treitschke (Frauen auch, so könnten wir heute hinzufügen.) Aber diese Reduktion oder Konzentration der Geschichte nicht nur in ihrer Beschreibung, sondern auch in ihrer Gestaltung wurde immer wieder heftiger bestritten: Es seien vielmehr die Interessen und Strukturen, die sich als treibende Kräfte im Weltgeschehen erwiesen. Doch dann wäre Geschichte nichts mehr Gestaltetes. Doch was gestaltet ist, das verweist nun einmal auf – Gestalten.Papst Johannes Paul II. war zweifellos eine der großen Gestalten schon des vorigen Jahrhunderts – und mancher würde wohl so weit gehen zu sagen: des Jahrtausends, über diesen letzte Schwelle er seine römisch-katholische Kirche geführt hat. Und er hat Geschichte gemacht. Also hatte Treitschke doch Recht?Ja – und nein! Man muss sich nur einmal vorstellen, anstelle des Karol Woytila wäre ein anderer Kardinal zum Papst gewählt worden. Die Welt und die Kirche sähe bestimmt anders aus. Jedenfalls in Polen, auch in Deutschland. Dieser Papst war es gewesen, der im Zeitalter der Globalisierung und der Massenmedien seine Kirche in einem ganz anderen Sinne zu einer Weltkirche gemacht hat.Aber nun stellten sich Zweifel oder zweite Gedanken zu der These Treitschkes ein. Die Person des Krakauer Erzbischofs allein hätte diese Veränderungen nicht bewerkstelligen können ohne die Institution, an deren Spitze er stand. (Freilich gilt auch dieses: Selbst diese Institution hätte viel weniger vermocht, wenn nicht gerade dieser Mann an ihrer Spitze gestanden hätte.) Männer machen Geschichte – sofern sie Macht verliehen bekommen. Ohne Macht geht auch der größte Mann in der Geschichte unter. Ja, die Größe einer Gestalt zeigt sich im Umgang mit der Macht. Und der Ohnmacht der Macht!Immer wieder musste man den Eindruck gewinnen, dass die Macht Karol Woytilas sehr begrenzt war. Und zwar nicht nur gegenüber den politischen Herren der Welt, sofern sie nur fest in einem großen Sattel saßen. George W. Bush hat den Papst, soweit ihm das zuhause dienlich war, in aller Öffentlichkeit verehrt – aber um seine Friedensreden hat er sich nicht gekümmert, auch nicht vor seiner dezidierten Warnung vor dem Irak-Krieg.Nein, die Machtlosigkeit – die relative Machtlosigkeit – dieses Papstes zeigte sich zuweilen auch in den Mauern und Grenzen des Vatikans. Wenn nicht alle Zeichen trügen, wäre Johannes Paul II. in seinem "Mea Culpa" zur Jahrtausendwende gerne weiter gegangen in dem Bekenntnis der Fehler der christlichen Kirchengeschichte. Allein die Kurie und die Kurienkardinäle hielten ihn – unter Anleitung von Joseph Kardinal Ratzinger – vor weiteren Worten zurück. Und wenn es nicht die Kardinäle gewesen wären, so hätte doch nicht nur in diesem Falle das ungebrochene Kontinuitätsdenken der römischen Kirche jeden Papst in dem Gefüge und – auch dieses! – im Gefängnis der Tradition festgehalten.Machen also Männer wirklich Geschichte! In außergewöhnlichen Fällen schon, doch selbst dann sind sie einerseits getragen und gestützt, andererseits gebunden und gefangen in den Institutionen, die wiederum ohne diese Gestalten – gestaltlos blieben. Und die Größe eines Menschen erweist sich nicht in einer absoluten Souveränität über die Bedingungen des Handelns (die es ohnedies nie geben kann), sondern Kraft gegenüber ihren Grenzen.In diesem – und in manchem anderen Sinne – war Papst Johannes Paul II. eine große Gestalt, die Geschichte gemacht hat. Im Ganzen – zum Guten.