religion Wir brauchen mehr Lehrer, keine PfarrerSeite 2/2
Journalisten, Anwälte und zahlreiche Prominente haben warnend darauf hingewiesen, dass dieses Gesetz die Meinungsfreiheit drastisch einschränken und das beabsichtigte Ziel verfehlen werde – dass religiöse Konflikte eher zu- als abnehmen werden. Die britische Regierung scheint das ganze Thema bürgerlicher Freiheiten mit Geringschätzung zu behandeln – Tony Blair möchte wiedergewählt werden, was kommt es da groß auf demokratische Freiheiten an.
Ich glaube nicht an Gott, weil ich nicht an Kindergeschichten glaube
Blairs Appeasement-Politik muss aber bekämpft werden. Vielleicht wird das Oberhaus, anders als das Unterhaus, dieses schlechte Gesetz auf den Müllhaufen werfen. Und vielleicht (aber dafür spricht eher wenig) werden die Demokraten in den Vereinigten Staaten begreifen, dass sie im gespaltenen Amerika tatsächlich viel größere Chancen haben, wenn sie gegen die christliche Koalition und deren Mitläufer und Helfershelfer aufstehen und dafür eintreten, dass die Politik in ihrem Land nicht von einer Mel-Gibson-Ideologie bestimmt wird. Wenn das nicht geschieht, wenn Amerika und England es zulassen, dass der politische Diskurs von der Religion geprägt und beherrscht wird, dann wird das westliche Bündnis in eine große Krise geraten, und all jene Verfechter des Glaubens, denen wir entgegentreten müssen, werden Anlass zum Jubeln haben.
Victor Hugo schrieb: »In jedem Dorf gibt es eine Fackel, den Lehrer, und jemanden, der dieses Licht löscht, den Pfarrer.« Wir brauchen mehr Lehrer und weniger Pfarrer, denn, wie James Joyce einmal sagte: »Für die Kirche gibt es keine schlimmere Häresie oder Philosophie als den Menschen.« Aber das beste Argument für säkulares Denken stammt vielleicht von der großen amerikanischen Anwältin Clarence Darrow: »Ich glaube nicht an Gott, weil ich nicht an Kindergeschichten glaube.«
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Der Schriftsteller Salman Rushdie, geboren 1947 in Bombay, ist seit 1964 britischer Staatsbürger. 1988 erschien sein Roman »Die satanischen Verse«, für den ihn der iranische Revolutionsführer Khomeini 1989 mittels einer Fatwa zum Tode verurteilte
- Datum 31.03.2005 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 31.03.2005 Nr.14
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







